Köln, 12. November 2010 - Derzeit häufen sich Medienberichte mit statistischen Angaben zu den Mengen weggeworfener Lebensmittel, die jedem Menschen sprichwörtlich Magenschmerzen bereiten. Da ist die Rede von 250 Kilogramm jährlich pro Person, von deutschlandweit über 10 Millionen Tonnen pro Jahr. „Mehr als die Hälfte unserer Lebensmittel landet im Müll. Das meiste schon auf dem Weg vom Acker zum Esstisch, bevor es uns Verbraucher überhaupt erreicht", heißt es in einer
ARD-Reportage von Valentin Thurn.
„Möglicherweise haben vielen Menschen verlernt, wie wertvoll Lebensmittel eigentlich sind", sagt Silke Schwartau von der Hamburger Verbraucherzentrale im Interview mit dem Hamburger Abendblatt. Es sei wichtig, hier wieder mehr Wertschätzung zu entwickeln. Schwartau weiter: „Es ist einfach eine Katastrophe, dass jede Jahr pro Person 250 Kilo Lebensmittel weggeworfen werden. Das ist eindeutig zu viel, besonders wenn man bedenkt, dass weltweit rund 900 Millionen Menschen Hunger leiden. Im Verhältnis dazu sind wir viel zu verwöhnt".
Auch die Ansprüche an Lebensmittelhändler scheinen sich immer mehr zu verzerren: Supermärkte bieten durchgehend die ganze Warenpalette an. Und natürlich muss stets alles perfekt aussehen, zu jeder Zeit. Ein Riss in der Kartoffel oder eine Delle im Apfel und schon wird das Produkt aussortiert. Kein Wunder also, dass sich die Supermärkte allerhand „Tricks" einfallen lassen, um diesen verzerrten Ansprüchen genügen zu können. Silke Schwartau enttarnt in ihrem Buch „Vorsicht Supermarkt: Wie wir betrogen werden" diese vermeintlichen Schummeleien. Zu den bekanntesten gehören wohl durch Rotlicht verjüngtes Fleisch oder durch Grünlicht erfrischtes Gemüse.
Aber dies ist alles nur die halbe Wahrheit. Nach statistischen Angaben des EHI-Retail Instituts schlagen Bruch und Verderb im deutschen Lebensmittelhandel lediglich mit durchschnittlich 1,06 Prozent vom Nettoumsatz zu Buche. Die Warenwirtschaftssysteme der Unternehmen seien mittlerweile so ausgefeilt, dass die Warenversorgung immer besser an die tatsächliche Nachfrage der Konsumenten angepasst würde. Durch kürzere Bestellrhythmen und kleinere Bestellmengen würden hohe Bestände bei verderbgefährdeten Produkten vermieden.
Auch an den Frischtheken im Supermarkt seien mittlerweile in vielen Unternehmen PC-Waagen im Echtzeit-Dialog mit der zentralen Warenwirtschaft verknüpft, erklärt Matthias Harsch, Sprecher der Geschäftsführung des baden-württembergischen Systemlösers Bizerba. „Die Waagen liefern der Zentrale genaue Abverkaufszahlen der einzelnen Produkte, die mit der passenden Warenwirtschaftssoftware statistisch ausgewertet werden können. Ist ein Produkt in absehbarer Zeit vergriffen, so kann das Personal zeitnah reagieren und es nachbestellen. Wird ein Produkt hingegen schlecht verkauft und nähert sich deshalb der Frischegrenze, so kann es kurzerhand als Sonderangebot verkauft werden".
Die Optimierung der warenwirtschaftlichen Prozesse geht dabei längst über die Grenzen einzelner Unternehmen hinaus. Einzelhandel, Großhandel, Nahrungsmittelindustrie und Erzeuger vernetzen sich und tragen gemeinsam dafür Sorge, die Herstellung von Nahrungsmitteln weitgehend mit dem tatsächlichen Verbrauch zu synchronisieren. Deutlich zugenommen habe, so das EHI-Institut, in den letzten Jahren auch die Zusammenarbeit des Lebensmittelhandels mit den Tafeln. Diese Punkte sind zweifelsfrei die Kehrseite der Medaille.
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