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Die versäumten Strukturreformen - Konjunkturzyklen und Strukturkrisen

Autor: wschwerdt | Erstellt am: 09.12.2009 | Gelesen: 1400
Kategorie: Politik - Gesellschaft & Soziales | Bewertung: rateArateArateArateBrateB
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(Online-Artikel.de) - Die sogenannte Finanzkrise im Schatten der Krisen der 70er Jahre

Autor: Wolfgang Schwerdt
Autor: Wolfgang Schwerdt
Konjunkturzyklen, so die ökonomische Definition, sind etwa 5 bis 7 Jahre dauernde Wellen der Entwicklung der Sozialprodukterstellung. Diese Wellen treten seit Beginn der industriellen Revolution in allen kapitalistischen beziehungsweise marktwirtschaftlichen Volkswirtschaften auf. Typisch für Konjunkturkrisen, also die Abschwungphasen der Zyklen, sind Einbrüche bei der Gesamtnachfrage und damit schlecht ausgelastete Produktionskapazitäten. Bei Vollauslastung in der Aufschwungphase, so die Theorie, könnten diese Produktionskapazitäten jedoch allen Arbeitskräften Beschäftigung bieten.

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft rechnete jedoch erstmals 1977 vor, dass in der Krise, mit der wir es damals wie heute immer noch zu tun haben, selbst dann, wenn alle Maschinen auf vollen Touren laufen würden, noch einige hunderttausend Arbeitslose übrig blieben. Diese Sockelarbeitslosigkeit nahm man zum Anlass dafür, die aktuellen Schwierigkeiten als Strukturkrise von den früheren Konjunkturkrisen zu unterscheiden.

Die Kieler Ökonomen wiesen damals gleichzeitig darauf hin, dass die Arbeitsplätze vor allem deshalb fehlten, weil allein ab 1973 in nur vier Jahren 800.000 Arbeitsplätze in der deutschen Wirtschaft endgültig, beispielsweise in Zusammenhang mit der technologischen Entwicklung, verloren gegangen waren.

Freigabe des Wechselkurses offenbarte Strukturkrise

Nicht die Ölkrise, die man mit dem Jahr 1973 vielleicht zuerst verbinden würde, trug die Hauptschuld für diese massiven Arbeitsplatzverluste. Vielmehr konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass die 1973 erfolgte Freigabe des Wechselkurses der DM eine langjährige Unterbewertung unserer Währung korrigierte und dass davon die größten volkswirtschaftlichen Anpassungszwänge ausgingen.

Die unterbewertete DM hatte nämlich längst nicht mehr wettbewerbsfähigen Branchen einen ungerechtfertigten Exportvorteil auf den Weltmärkten gesichert. Mit der Wechselkursfreigabe wurde nun schlagartig deutlich, dass Hemden, Uhren oder Fotoapparate woanders schon lange billiger als bei uns hergestellt werden konnten. Und das gilt auch für Massenstahl, Schiffe und Unterhaltungselektronik. Die Standortvorteile für die Fertigung dieser Produkte waren also gewandert.

Finanzierung der Wiedervereinigung versus Strukturreform

Die Erkenntnis der Strukturkrise und der damit verbundene politische Handlungsbedarf wurde mit dem Fall der Mauer weitgehend in den Hintergrund gedrängt. Denn mit der ehemaligen DDR stieß zu der von einer Strukturkrise geplagten aber noch stabilen Ökonomie der alten Bundesrepublik nun die wegen ihrer Isolation gegenüber weltwirtschaftlichen Strukturen völlig zusammengebrochene Ökonomie der neuen Bundesländer. Mit dem Solidaritätspakt wurden Milliarden Euros zur Bewältigung der sozialen Probleme in die neuen Bundesländer gepumpt und als der soziale Friede Anfang des 2. Jahrtausends halbwegs gesichert schien, entdeckte die Politik die Strukturkrise unter dem Begriff Globalisierung scheinbar neu.

Harz IV und Niedriglohnsektor als politische Antwort auf die Strukturkrise

Nun unter dem Begriff Globalisierung führten die nie verschwundenen Strukturprobleme des vereinten Deutschland zu der bekannten Sozialreform "Harz IV" in Zusammenhang mit der massiven staatlichen Förderung des Billiglohnsektors, und zur Diskussion um die Förderung von Bildung, Innovation, Forschung und Entwicklung.

Dabei waren die Anpassungsprozesse, die die sogenannte Globalisierung fordert, bereits seit Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre von Wirtschaftswissenschaftlern in die sogenannte Produktzyklustheorie gegossen worden. Die besagt, dass die Wettbewerbsvorteile langfristig von den hochentwickelten Industrienationen, die neue Produkte und wirtschaftliche Verfahren erfinden und bis zur einfachen, standardisierten Fertigung entwickeln, hin zu den Ländern wandern, welche die anfänglichen Neuerungen nur noch zu kopieren brauchen.

Produktzyklustheorie

Diese in der Regel weniger industrialisierten Staaten können dann nämlich ihr niedrigeres Lohnniveau als ausschlaggebenden Faktor zur Strukturverschiebung der internationalen Arbeitsteilung einsetzen. Industriestaaten hingegen sind dazu verurteilt, stets mit neuen Produkten und Verfahren auf den Markt zu kommen. Denn, so die Erkenntnisse, die die Wirtschaftsforschungsinstitute und Wissenschaftler in den frühen achtziger Jahren in Studien, Gutachten und Prognosen festgehalten hatten: jeder Versuch, das Lohnniveau der internationalen Konkurrenz anzupassen, um nicht wettbewerbsfähige Branchen und Sektoren zu erhalten, führt zwangsläufig zu einem weiteren Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. An den Ursachen der Sockelarbeitslosigkeit, so die wissenschaftliche Erkenntnis, ändert sich durch solche Maßnahmen damit nichts.

Fehlallokation des Humankapitals

Die Sockelarbeitslosigkeit ist nämlich ein Resultat politischer Versäumnisse im Bildungs- und Ausbildungsbereich, so konstatierten in den achtziger Jahren die Wissenschaftler der verschiedenen Wirtschaftsinstitute einhellig. Nicht die bisherige inhaltliche Orientierung auf industrielle Arbeitsteilung, sondern auf die postindustrielle Informationsgesellschaft mit flexiblen Arbeits und Qualifizierungsstrukturen einerseits und die Persönlichkeitsförderung weg vom Prinzip "Abhängiger Beschäftigung" zum Prinzip "Selbständigkeit in Leben und Arbeit" andererseits würde das Problem der Sockelarbeitslosigkeit lösen. Ohne diese Strukturreform des Bildungswesens würde man immer jene Menschen alimentieren müssen, die den strukturellen Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft sozialisations- und qualifikationsbedingt objektiv nicht folgen könnten.

Alte Prognosen durch Gegenwart bestätigt

Die Schweizer Prognos AG warnte bereits 1982 in ihrem Report Nummer 11 über die Zukunftschancen der bundesdeutschen Industrie bis zum Jahr 2000, dass ohne entsprechende Strukturanpassungen die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland immer weiter auseinandergehen würde und dass dadurch erhebliche soziale Konflikte beziehungsweise erhebliche Kosten für das Management der sozialen Konflikte drohten.
Als Bereiche in denen Strukturanpassungen durch entsprechende Förderung vorgenommen werden müssen, machte Prognos 1982 unter anderem Energie, Rohstoffe, Umweltschutz, Gesundheitswesen und Bildungswesen aus.

Der hier überarbeitete Artikel wurde erstmals auf suite101 veröffentlicht

Wolfgang Schwerdt
 
 
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