Verkaufsanteile türkischer Tageszeitungen
Analysiert man die Berichterstattung über die Türkei der letzten Monate, so fällt auf, dass zunächst im Zusammenhang mit dem mittlerweile abgeschlossenen Gerichtsverfahren über ein Verbot der AKP in Europa vor dem Prozess nahezu einstimmig ein und dieselbe Meinung bestand. Ein Verbot der AKP käme einem Angriff auf die türkische Demokratie gleich, weil doch diese Partei im vergangenen Jahr mit überwältigender Mehrheit von der Bevölkerung gewählt worden sei.
Als das türkische Verfassungsgericht dann mit der äußerst knappen Mehrheit von nur einer Stimme von einem Verbot abgesehen hatte, gab es in Europa erleichtertes Aufatmen. Der Tenor: Das ist ein Sieg der Demokratie in der Türkei.
Türkische Presselandschaft ist Gefahr für die Türkei
Nur kurze Zeit später gab es wiederum in der europäischen Presse eine nahezu einstimmige Berichterstattung darüber, dass nun die Demokratie in der Türkei durch die türkische Medienlandschaft gefährdet sei. Und der „Bösewicht" war gleich mitgeliefert: es war die Dogan-Mediengruppe, die mit den von ihr herausgegebenen Tageszeitungen die Meinung in der Türkei beherrschen würde.
Dabei wurde vermutlich übersehen, dass die türkischen Tageszeitungen nur einen vergleichsweise kleinen Teil der türkischen Bevölkerung überhaupt erreichen (siehe Grafik „Quote: Bürger – Tageszeitungen).
Aber letztlich war nicht das der wesentliche Ansatzpunkt für die Kritik, sondern vielmehr die Tatsache, dass (nur) diese Zeitungen den Berichten der AKP Verstrickungen mit der illegalen Verwendung von Spendeneinnahmen deutscher Vereine unterstellt hatten. Genau diese Berichte waren es, die eine Gefahr für die Demokratie der Türkei erkennen wollten.
Der amtierende Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan war so empört über diese Berichterstattung, dass er in Veranstaltungen öffentlich dazu aufrief, die Zeitungen dieser Mediengruppe nicht mehr zu kaufen. Der Ministerpräsident schreckte also nicht davor zurück, in Veranstaltungen öffentlich zu einem Boykott dieser Mediengruppe aufzurufen. In Europa wäre dies sicherlich ein Vorgang gewesen, der alle Medien auf die Barrikaden gebracht hätte. Doch diesmal gab es nicht ein kritisches Wort in den deutschsprachigen Medien.
Türkische Presselandschaft berichtet parteiisch
Vielmehr hält sich hartnäckig die Auffassung, dass die türkische Presselandschaft parteiisch berichtet. Tatsächlich trifft diese Aussage die Verhältnisse in der Türkei 2008. Doch was in der deutschsprachigen Berichterstattung übersehen wird, ist die Tatsache, dass mittlerweile Tageszeitungen, die ein Drittel der Gesamtauflage in der Türkei ausmachen, zu nahezu 100 Prozent die Meinung der konservativ-islamisch ausgerichteten AKP verbreiten (siehe Grafik der Auflage).
«Wenn dann auch noch der amtierende Ministerpräsident zum Boykott der Zeitungen aufruft, die eine andere Meinung vertreten, so besteht tatsächlich eine erhebliche Gefahr für die Demokratie in der Türkei», bewertet Jürgen P. Fuß, Chefredakteur der Aktuellen Türkei Rundschau, der einzigen deutschsprachigen Wochenzeitung für die Türkei die aktuelle Situation in der Türkei! Aber nicht deshalb, weil es eine Mediengruppe gibt, die (noch) wirtschaftlich stark genug ist, um der AKP kritisch auf die Finger schauen zu können und sich dem Meinungsdiktat dieser Partei zu widersetzen.
Doch unabhängig davon funktioniert Demokratie in der Türkei bis auf den heutigen Tag nur sehr unzureichend. Die Gründe dafür sind vielfältiger Natur und in der Politik, der Parteienlandschaft und nicht zuletzt im Bildungsniveau eines Großteils der türkischen Bevölkerung zu suchen.
Noch einmal Fuß: «Wer aber glaubt, dass die AKP die richtige Adresse sei, um der Türkei zu einer funktionierenden Demokratie zu verhelfen, der hat diese Partei noch nicht durchschaut.»
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