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Die Suche nach dem Sinn des Lebens

Autor: sergio | Erstellt am: 08.10.2011 | Gelesen: 3418
Kategorie: Natur - Tiere & Pflanzen | Bewertung: rateArateArateBrateBrateB
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(Online-Artikel.de) - Der Schotte Sebastian Rundy tauschte Designer-Business und Luxusleben gegen die Arbeit auf einer Farm in Italien.

Sebastian Rundy
Sebastian Rundy
Carola Heider-Leporale, Ilsede, 08. Oktober 2011 /Citta della Pieve/Umbrien/Italien, August 2011

Der 41jährige war zeitlebens auf der Suche, sein Lebenslauf liest sich wie in ein Roman...

Mit 12 Jahren verließ er das Elternhaus in den Grampian Highlands in Schottland, um bereits mit 16 per Stipendiat in den USA Medizin in Seattle sowie Grafik-Design in Pasadena zu studieren. Der ausgebildete Mediziner kehrte 1992 nach Europa zurück und arbeitete viele Jahre als Grafiker bei dem bekannten Musiksender MTV in London, anschließend bei Werbefirmen in der Schweiz, wo er sich 1999mit einer eigenen Agentur selbständig machte.

Sebastian Rundy lebte im Luxus; Designer-Wohnung, -Bekleidung und Luxus-Autos gehörten zu seinem Leben, ebenso wie eine 90-Stunden Arbeitswoche und das fehlende Privatleben. Er arbeitete mit seiner Agentur für Firmen mit Weltruf, war auf der ganzen Welt zuhause. Seine Unzufriedenheit mit dem Leben wuchs permanent an und im Jahre 2007 kam der Entschluss etwas zu verändern. Rundy verkaufte die Firma und wollte eigentlich nach Schottland zurück, doch dann kam der Telefonanruf eines Freundes, der fortan sein Leben völlig verändern sollte. Ein Freund bot ihm im Spaß eine Farm in Italien zur Übernahme an und so geschah es, dass aus dem Spaß absoluter Ernst wurde. Er verschenkte in der Schweiz alles was einen materiellen Wert hatte und zwei Tage später zog er bereits auf dem „Campo Grande" ein. Das war der Start in sein Abenteuer „Leben" in Italien, dem Ort Città della Pieve in der Region Umbrien, „dem Grünen Herzen Italiens". Sebastian Rundy fing hier an, kaum Geld in der Tasche. Begleitet wurde er nur von seinem treuen Freund dem Hund Tifou, einem jetzt 7jährigen Hüte- und Herdenschutzhund der seltenen italienischen Rasse Pastore Bergamasco. Tierlieb war Sebastian Rundy seit seiner Kindheit, aß nie Fleisch, und hatte in der Schweiz schon immer eigene Pferde. Meist waren es alte Tiere, die niemand mehr haben wollte. Und neben seiner Ausbildung zum Mediziner bestand bei ihm schon immer ein großes Interesse an der Natur- bzw. Kräuterheilkunde.

Nach einer sehr eindrucksvollen Tagesreise mit dem Zug über München, Verona u. Florenz komme ich am späten Abend am Bahnhof von Chuisi-Chianciano-Terme an. Dort werde ich bereits von Sebastian Rundy erwartet; einem großen, schlanken, sportiven Mann mit Vollbart, den sicher so niemand auf den ersten Blick für einen Bauern halten würde. Die Begrüßung ist sehr herzlich. Während der Fahrt zum „Campo Grande" kommen wir schnell ins Gespräch und ich frage ihn, wie er zum jetzigen Zeitpunkt seine damals doch sehr überstürzte Übernahme seines Anwesens sieht. „Heut kann ich sagen, ich war damals völlig naiv. Ich hatte keine Ahnung davon, was es heißt eine Farm zu betreiben. Aber ich würde es immer wieder tun." erklärt er mir mit einem Lächeln im Gesicht. Nach den ersten 3 Jahren die sehr hart und lehrreich waren sei er jetzt auf einem guten Weg in die Zukunft mit seiner Farm „Campo Grande", die insgesamt 17 ha umfasst. Das Zentrum des Anwesens ist das Haus „Casa Fargnetta" und stammt im Urkern aus dem Jahre 1542. Dort lebten bis Anfang der 50er Jahre die sogenannten „Contadini a Mezzadria", was übersetzt „Bauern in Halbpacht" heißt. All diese Bauern bekamen in Generationen über Jahrhunderte Haus und Hof zur Pacht vom Lehnsherren gestellt, mussten dafür die Hälfte der kärglichen Ernte abtreten. So entwickelten sich aus dieser Not heraus viele der einheimischen Gerichte dieser Region mit Zutaten die die freie Natur hergab und nicht auf dem Feld angebaut wurde, wie z.B. Wild, Trüffel, Pistazien, Pinien, Nüsse und Kastanien. Als wir an diesem Abend auf dem Campo Grande eintreffen ist es fast Mitternacht und absolut dunkel. Ich werde freudig aber aufmerksam vom Wachpersonal, den Hunden Tifou und Lina begrüßt. Lina ist 2 Jahre alt und gehört ebenfalls der Rasse Pastore Bergamasco an. Es ist spät, müde von der langen Reise beziehe ich mein Zimmer im Erdgeschoss. Die Grillen zirpen, ansonsten Stille...

Casa Fargnetta auf dem Campo GrandeAm nächsten Morgen bin ich überwältigt von dem was sich mir bietet. Das Farmhaus liegt auf einer leichten Anhöhe umgeben von Weideland, Olivenhainen und Wald. Freiheit, soweit das Auge reicht. Es ist noch recht früh, die Sonne scheint und der Himmel ist strahlend blau. Ein riesiger Walnussbaum steht vor dem Haus, einem Schutzschild gleich.

Stolz zeigt mir Sebastian Rundy seine kleine Herde von zur Zeit 10 Ziegen der sehr seltenen italienischen Girgentana-Ziege. „Um diese Uhrzeit dösen die meist gern noch verschlafen vor sich hin", so sagt er mir. Die Herde besteht neben den 4 Zuchtziegen und 2 kleine Lämmchen aus einigen Nachwuchstieren. Chef der Ziegenherde ist der prächtige Bock Zenobio. Rundy züchtet diese Rasse im regionalen Herdbuch der Landwirtschaftskammer Perugia, Region Umbrien. Die Ziegen genießen sichtlich den noch jungen Tag, bevor sie gemeinsam zur täglichen Weidetour aufbrechen. Girgentana-Ziegen mit ihrem senkrecht stehenden Korkenziehergehörn sind wunderschön, aber sehr sensibel in ihrem Wesen. Auch das Melken erfordert viel Geschick, so erklärt er mir. Diese Milchziegenrasse stammt eigentlich aus Sizilien und in Italien stellt sich die Gesamtsituation mehr als problematisch dar. Trotz steigender Population ist diese Rasse nach wie vor sehr bedroht. Auf der großen Eselweide vor dem Haus sehen wir in weiter Ferne seine Zuchtgruppe der Martina-Franca-Esel, einer ebenfalls sehr seltenen italienischen Großesel-Art aus der Region Apulien. Diese wurde früher hauptsächlich zur Kreuzung mit der dortigen Pferderasse „Murgese" genommen, um Nachzucht von Mulis zu bekommen. In der aus 10 Eseln bestehenden Gruppe sind zur Zeit auch 2 Fohlen bei Fuß, eine Eselstute ist wieder tragend. Seit den frühen Morgenstunden sind sie bereits unterwegs, abends kehren sie von alleine heim in den Stall. Weiter hinter der Eselweide sieht man terrassenförmig angeordnet die Olivenbäume. An die 160 Olivenbäume gehören zu seinem Anwesen. „Hier bei mir gibt es keine chemischen Spritzmittel, alles wird biologisch im Einklang mit der Natur bearbeitet und angebaut." Deswegen finden sich auch in seinem Gemüsegarten und auf dem Grundstück viele Wildkräuterarten wieder. Rundy vermittelt Interessierten gern das Wissen um die Heilkräuter, gibt Tipps zur Ernährungsumstellung und Anleitungen zum kochen mit Wildkräutern.

Die Girgentana-Ziegen lammen in Italien aufgrund der klimatischen Bedingungen zweimal im Jahr und so hat er bei seinen Ziegen zwei Melkperioden über das Jahr verteilt. Erst wenn die Lämmchen ein paar Wochen alt sind fängt er an die Mütter für 2-4 Monate zu melken. Dann kommen die Ziegen erneut in die „Calore", wie man die Brunst hier nennt Die Milch ist dann nicht mehr so gut, verliert etwas an Geschmack. Aus der Ziegenmilch stellt er u.a. Käse für den eigenen Verzehr nach einer alten, regionalen Tradition mit einer Essenz aus den Blütenfäden der „Käsedistel" ( Cynara cardunculus) her. Diese Art der Käseherstellung findet man auch in einigen anderen mediterranen Ländern. Dieses Verfahren ist in der heutigen Zeit bei Vegetariern sehr begehrt, da der Käse ohne tierisches Lab produziert wird.

Auch die Esel werden hier gemolken. Das geht jedoch nur solange sie ihr Fohlen bei Fuß haben. Sieht die Stute ihr Fohlen nicht, lässt sie die Milch nicht fallen. Natürlich werden die Esel nie ganz ausgemolken; während der Melkzeit nimmt man alle drei Stunden nur etwas weg. Aus dem größten Teil der Esel- und Ziegenmilch stellt Sebastian Rundy Naturkosmetikprodukte, wie z.B. verschiedene Seifen her. Bei den Seifen handelt es sich um Naturprodukte auf biologischer Basis mit Olivenöl, sowie Kräuterölen bzw. Pflanzenauszügen, alles Hand geerntet und verarbeitet. Diese Herstellung ist sehr aufwendig und die Seife muss danach noch ca. 3-6 Monate ausreifen bis sie gebrauchsfertig ist. Zudem ist die Eselmilch ein sehr begehrtes Immunstimulanz.

Esel auf dem Campo Grande

Die Nachzucht seiner Tiere gibt er nur in gute Hände und nicht zum schlachten ab. Rundy setzt sich sehr für den Arterhalt dieser beiden außergewöhnlichen Rassen ein, denn um beide – Esel und Ziegen – steht es sehr schlecht, bedingt durch Inzucht oder falsche Zuchtvorstellungen. „Gerade bei dieser Eselrasse habe ich schon die schlimmsten Dinge gesehen", sagt er mir, „Sie gelten als sehr schwierige Tiere, die Eselhengste als gefährlich". Es ist später Nachmittag und wir stehen inmitten seiner Eselherde. Sebastian Rundy schwingt sich geschmeidig wie eine Katze ohne Sattel und Zaumzeug auf den Eselhengst und Herdenführer Amo, den anscheinend nichts aus der Ruhe bringen kann. Geduldig trägt er ihn auf dem Rücken und freut sich sehr über die Streicheleinheiten seines Herrchen. Auch seine Hunde der Rasse Pastore Bergamasco gelten als problematisch und nicht ganz einfach im Umgang, da es sich um Herdenschutzhunde handelt. Diese Hunde sind sehr wachsam, aber in keinster Weise aggressiv zu Fremden, sofern es sich dabei nicht um einen Wolf oder Bären handelt. Anscheinend wurde ihm die Gabe im Umgang mit solchen schwierigen Tieren in die Wiege gelegt. Dieser Mann ist wie es scheint ein Teil des Ganzen. Mittlerweile gilt er bereits als Fachmann auf diesem Gebiet.

Sebastian Rundy betreibt auf seinem Campo Grande auch den sogenannten „Agri-Turismo", den Urlaub auf dem Bauernhof. Es gibt es eine Ferienwohnung für 2-3 Personen mit angrenzendem Garten, sowie ein Gästezimmer mit Bad. Luxusurlaub gibt es hier nicht, wer aber die Ruhe sucht und Tiere mag, wen gelegentliche Eselschreie und das Geläut der Ziegenglöckchen der umherstreifenden Ziegen nicht stören, der findet hier einen Platz für einen wunderbaren Urlaub auf dem Lande. Innerhalb von 10 Minuten ist man mit dem Auto in der Stadt Città della Pieve. Auch hier in der Stadt ist Rundy ein stets gern gesehener Gast. Die Einheimischen haben ihn hier sehr freundlich aufgenommen, obwohl er niemanden kannte. Mittlerweile arbeitet er während der Saison auch als Dolmetscher für englischsprachige Touristen. Während der Zeit meines Besuches bei ihm steht das Handy nicht still. Doch nach einer solch aufregenden Zeit, die ja zum Glück saisonal begrenzt ist, zieht er sich gern für ein paar Tage der Stille und Meditation komplett zurück.

Und wenn dann auch die letzten Feriengäste im Herbst das Campo Grande verlassen haben beginnt die eigentliche Arbeit auf diesem Hof, die Olivenernte. Die Ernte beginnt meist im November und die knapp 160 Olivenbäume wollen bis zum 20. Dezember abgeerntet sein. Dafür werden Netze unter die Bäume gespannt und die schwarz gereiften Oliven von Hand gepflückt. „Meine erste Ernte hier werde ich nie vergessen. Ich konnte meine Hände und Finger danach nicht mehr bewegen, es war alles wie tot." Es sei eine mühsame Arbeit, aber so ist das hier in dieser Gegend Tradition, sagt er mir. „Ich ernte bis zu 150 kg Oliven von einem guten Baum. Die Oliven werden in der Ölmühle von Cetona kalt gepresst. Es ist die einzig biologisch arbeitende Ölmühle hier im Umkreis." Der Geschmack seines Olivenöles ist fruchtig und grün, wenn es frisch gepresst ist hat es eine gewisse Schärfe. Er vermarkte es ausschließlich auf Vorbestellung. „So ist das zum Glück, wenn man nicht auf Masse sondern auf Qualität hin arbeitet. Es war bereits jedes Jahr komplett ausverkauft." erklärt er mir stolz. Auf meine Frage wie denn die Winter in dieser Region seien, runzelt Rundy die Stirn. „Leider geht auch an dieser Region der Klimawandel nicht vorbei. 50 cm Schnee und 18 Grad minus sind hier keine Seltenheit und verlangen der Tierhaltung dann auch einiges ab. Auch an den Olivenbäumen hat es im letzten Winter schwere Schäden durch abgebrochenes Äste gegeben. Doch zum Glück dauert der Winter hier nicht ganz so lang."

Nach drei Tagen Aufenthalt auf dem Campo Grande ist es an Zeit Abschied zu nehmen. Es fällt schwer, denn alles hier hat einen sehr starken Eindruck hinterlassen. Sebastian Rundy, der Mann der hier sein Glück gefunden hat, der Hof das „Campo Grande", die vielen Tiere und der Platz unter dem Nussbaum, der etwas magisches zu haben scheint.

Ich glaube, wenn es ein Paradies auf Erden gäbe, dann könnte es hier sein........

Blick vom Campo Grande

Foto: Blick vom Campo Grande / Carola Heider-Leporale exclusive Foto-Serie und Kontakt-Informationen zu Sebastian Rundy unter: www.tiereundnatur-myejournal.de

Reportage: Carola Heider-Leporale freie Journalistin u. Fotografin für Tiere u. Natur

home: www.zickenzone-photographie.de

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