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'Die Stars musst Du in Ruhe lassen!'

Autor: schueglgwg | Erstellt am: 04.11.2010 | Gelesen: 656
Kategorie: Beruf - Bildung & Karriere | Bewertung: rateArateArateArateArateA
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(Online-Artikel.de) - Lebendiger Bericht zu einem beispielhaften Auszubildendenprojekt in der Lokhalle Göttingen

„Für das jährlich zur Winterzeit stattfindende Projekt Eislaufbahn überträgt das Management Auszubil
„Für das jährlich zur Winterzeit stattfindende Projekt Eislaufbahn überträgt das Management Auszubil
Die Halle wirkt nüchtern, fast nackt. Eine riesige leere Fläche, begrenzt von kargen Steinwänden mit großen Sprossenfenstern. Oben, unter dem Dach, einige Metallverstrebungen, an denen massive Metallhaken hängen. Schräg fallen die letzten warmen Strahlen der Nachmittagssonne in diese Leere. Beinahe ein wenig verloren wirken da die beiden jungen, schlaksigen Männer in Jeans und Sweatshirts, die hier eine Lagebesprechung abhalten: „Was meinst Du, sollen wir noch ein paar Pinguine bestellen?", fragt Thomas. „Die waren letztes Jahr der Renner." Benjamin, sein Gegenüber, ist skeptisch: „Stimmt, aber ich muss klären, ob das noch in die Kalkulation passt." Benjamin Wolff und Thomas Rönker, beide Anfang Zwanzig und im dritten Jahr ihrer Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann, sind mittendrin in der Planung eines Projekts, das man in der Lokhalle Göttingen, einer multifunktionalen Eventlocation in Südniedersachsen, vor zehn Jahren auf den Namen „Eiszeit" taufte.

Seitdem sorgt diese Millenniumsidee einer überdachten Eislaufbahn im Ambiente eines echten Industriedenkmals jedes Jahr zur Winterzeit für viele glückliche Menschen in der Region. In die Eiszeit passen die Pinguine sehr gut hinein. Keine lebendigen Tiere, sondern äußerst praktische und lustig aussehende Eislaufhilfen, die nicht nur bei Kindern heiß begehrt sind. Das Besondere an diesem Projekt: Das Management überlässt seit einigen Jahren den Auszubildenden die Verantwortung – von der Budgetplanung bis zur abschließenden Eisschmelze. Was für den verwöhnten Eislaufbesucher so selbstverständlich funktioniert ist Ergebnis einer intensiven und komplexen Vorbereitung, die für die Azubis als eine Art Feuertaufe für den späteren Beruf gilt.

Der Klingelton eines Handys durchdringt die Stille. Benjamin fischt das Gerät aus seiner Hosentasche, aus der ein schwarzes Halsumhängeband baumelt, darauf das Lokhallen-Logo. Fast jeder Mitarbeiter trägt es. Das untrügliche Erkennungszeichen einer Crew, die zweifellos stolz darauf ist, in einer so bekannten Halle arbeiten zu können, wo Showgrößen wie Joe Cocker und Sting, Mario Barth und Dieter Nuhr auftreten, wo das lokale Basketballteam vor einem enthusiastischem Publikum die Bundesligaheimspiele bestreitet, wo Messen, Präsentationen von Konzernen und Kongresse laufen und wo sogar das ZDF seine „Wetten dass?"-Show ausrichtete. Am Telefon ist Patrick, mit 21 Jahren der jüngste im Bunde des Azubi-Dreierteams, das dieses Jahr die Eiszeit „wuppen" muss. „Okay, wir kommen rüber, bis gleich", antwortet Benjamin. Wenig später im cool gestylten Konferenzraum des gegenüberliegenden Verwaltungsgebäudes der Lokhalle, das jeder in Göttingen Medienhaus nennt, weil hier auch eine Zweigstelle des NDR residiert und ein Verlag arbeitet. Patrick Sasse und die beiden anderen sitzen mit einem Stapel Unterlagen am Tisch, mit ihnen zwei junge Frauen. Jennifer Kaufmann und Nina Sohns waren letztes Jahr in der gleichen Situation, jetzt stehen sie den jungen Männern mit Rat und Tat zur Seite. Vor kurzem haben sie ihre Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau abgeschlossen, beide mit Auszeichnung und den Top-Noten 1,6 und 1,8. „Hauptsache bestanden", sagt Jennifer. Es ist nicht zuletzt dieses Understatement, das die Professionalität ihrer Arbeitsauffassung unterstreicht. Wer so früh wie im Lokhallen-Team Verantwortung trägt, baut ein tiefes Verständnis für das Berufsfeld auf, lernt den sachlichen Blick für das Machbare und vor allem unternehmerisch zu denken. Dem späteren ausgelernten Veranstaltungskaufmann kommt man somit einen Siebenmeilenstiefelschritt näher. Gute Ideen wie die mit den Pinguinen, die Jennifer letztes Jahr einbrachte und gleich realisieren konnte, sind gefragt. Doch die nüchterne Kalkulation der Kosten ist ebenso wichtig beim Konzipieren und Organisieren von Veranstaltungen wie die Sicherstellung des reibungslosen Ablaufs bis hin zur Nachbereitung.

Was einfach aussieht, ist ziemlich komplex

Die Zeit bis zum Start der Eiszeit Anfang Dezember wird wie im Flug vergehen und zur To-Do-Liste sind eine Reihe von Fragen aufgetaucht. Sie müssen umgehend geklärt werden. Welches Material für den Eisbahnbetrieb muss noch bestellt werden? Steht inzwischen die Aufbauplanung und Aufgabenverteilung? Wie laufen die Verhandlungen mit den rund 25 Sponsoren, die ihre Werbung auf den Banden platzieren? Manche der Partner sind seit Beginn dabei, eine Loyalität über zehn Jahre. Zwei große Sponsoren, Unternehmen aus dem Energiebereich, wollen gar ein Event im Event und richten dort ihre Weihnachtsfeiern mit Kunden und Mitarbeitern aus. Zusätzliche Herausforderungen für die Azubis. Die jungen Männer müssen unter anderem Kosten- und Personalplanungen machen, sich um Dinge wie Dämmplatten, Folien und Schleifscheiben zum Schliff der Schlittschuhkufen kümmern, die sie zur Ausleihe anbieten. Dazu Dienstpläne erstellen, Erste-Hilfe-Maßnahmen für Unfälle lernen und alle Maßnahmen unter kaufmännischen Gesichtspunkten prüfen. Laufen die Vorbereitungen wie geplant? Oder ist das Team im Verzug? Es wird schnell klar, dass das Team außerordentlich auf Zack ist. Dazu gehört auch, dass ein eigens verfasstes, stets aktualisiertes Eiszeit-Handbuch über alle wichtigen Aspekte des Projekts informiert. Darin ein Themenkatalog mit Anweisungen und Tipps zum Umgang mit Themen wie Subunternehmer, Eintrittskartenhandling, Werbung/Öffentlichkeitsarbeit, Anzeigen- und Promotionaktionen, Schulklassen, Eisdisco und Weihnachtsveranstaltungen. So lassen sich die anstehenden Aufgaben beruhigter angehen.

„Die Vorbereitungszeit und die Aufbauphase sind in den letzten Jahren immer kürzer geworden", berichtet Projektleiter Kai Ahlborn. Der gerade mal 26-jährige Veranstaltungsprofi mit den gegeelten Haaren wirkt bereits ziemlich abgeklärt. Kein Wunder, hat er doch schon weit über 150 Events geplant und realisiert. „Weil noch zahlreiche andere Veranstaltungen anstehen, müssen die Arbeitszeit und Logistik eben so effektiv wie möglich eingesetzt werden", sagt er. Pro Jahr stehen rund 60 Events in der Lokhalle an, über 100 seien es dazu noch in der Göttinger Stadthalle, erklärt Nina, die wie alle hier bei der städtischen Wirtschaftsförderung GWG angestellt ist, die das Veranstaltungsmanagement beider Hallen betreibt und neben den Kaufleuten auch Fachkräfte für Veranstaltungstechnik ausbildet. Der Arbeitsalltag kann hart sein. „In dem Job muss man zeitlich extrem flexibel sein", erklärt Jennifer. „manchmal Wochenendarbeit, alles bei voller Konzentration". Stressresistenz ist ein Muss, denn der Aufgabendruck kann enorm sein. Und nicht nur Benjamin hat schon erlebt, dass durchaus mal eine rauere Tonart herrschen kann, wenn es turbulent wird. Auf der anderen Seite lockt die Nähe zu den zahlreichen Events, der Genuss der Unterhaltung. „Man sieht das aber mit professionellem Blick und hat manchmal echt Schwierigkeiten, entsprechend Abstand zu nehmen", berichtet Nina. „Fehler, die man entdeckt, die andere nicht wahrnehmen, will man weiter optimieren, weil man schon ein bisschen den Perfektionismus hegt." Qualitätsmanagement macht eben keine Pause.

Belohnt einen dafür nicht der Kontakt mit den vielen Showstars, die hier ein- und ausgehen? Jennifer relativiert das sofort: „Klar, das hat schon was. Aber die haben alle Betreuer und Tourneemanager. Die Künstler wollen nicht belästigt werden, die musst Du in Ruhe lassen." Dies gehöre einfach zu einer professionellen Einstellung. Schließlich komme ja danach auch ein positives Feedback von den Künstlern zurück. Thomas ergänzt: „Um Autogramme bitten wir nicht. Man möchte ja nicht, dass die Künstler genervt sind." Im Vordergrund stehen schlicht die Aufgaben, zu denen auch schon mal Sonderwünsche der Künstler gehören. „Potenzielle Azubis haben da vorher eine völlig falsche Vorstellung", so Jennifer weiter, „aber den Zahn muss man ihnen ziehen. Wer Künstler hautnah erleben will, muss bei Tourneeveranstaltern arbeiten." Doch trotz alledem: Es besteht nicht der geringste Zweifel, dass alle Beteiligten großen Spaß haben und ihre Aufgaben lieben.

Von der Ruine zum multifunktionalen Eventwunder

Veranstaltungsbusiness in der Lokhalle – das ist für jeden im Team ein enormes Spektrum an Aufgaben und Herausforderungen, das immer wieder Neues bietet. Zwischen Auf- und Abbau von Tribünen, Spielfeldern, Konzerteinrichtungen oder Messeständen liegen manchmal nur wenige Stunden, mitunter läuft manches parallel. Vor allem die mit ausgeklügelter Technik ausgestattete Lokhalle Göttingen punktet mit einer Variabilität, die man selten findet – entsprechend vielseitig ausgestaltet sind die Events.
Lange Zeit indes deutete nichts darauf hin, dass dieses Bauwerk einmal eine über die Grenzen Niedersachsens hinaus gefragte Eventlocation werden würde. In der 1917 gebauten Halle nahmen Arbeiter einst Dampflokomotiven zur Wartung und Reparatur auseinander. Wegen der verrußten Stahlteile und rauchenden Feuer, wegen hämmernder Bolzenvernietung in stählernen Kesseln ein schmutziger und ohrenbetäubend lauter Job. Nach der Schließung 1976 war die Lokhalle Göttingen für runde zwei Jahrzehnte dem Verfall preisgegeben. Eingeschlagene Fenster und wucherndes Unkraut prägten die trostlose Szenerie. Obwohl 1981 in die vorläufige Liste der Baudenkmäler durch das niedersächsische Institut für Baudenkmalpflege aufgenommen, fand sich keine rentable Nachnutzung. Die Industriebrache drohte zum dauerhaften Schandfleck der Stadt zu werden, noch dazu in Blickweite des Bahnhofs als Eingangstor für Stadtbesucher. Als 1992 die Stadt der GWG auftrug, das 85.000 Quadratmeter große Areal zu einem eigenständigen, vitalen, städtischen Bereich mit attraktiven, öffentlich ausstrahlenden Nutzungen zu entwickeln, nahm dies GWG-Geschäftsführer Klaus Hoffmann sehr ernst. Aus der heruntergekommenen Ruine wollte er einen modernen Veranstaltungsort machen. „Die Halle bekommt ihr nie voll", warnten damals viele Kritiker. Den bewegten Zeiten folgten jedoch überraschend schnell Erfolge.

Wer die Lokhalle heute betritt, nimmt das alte Industrie-Ambiente noch wahr, vor allem, wenn es, wie bei manchen Events, in dramatischer Beleuchtung inszeniert wird. Diesen speziellen, unvergesslichen Look schätzen viele der Kunden sehr. Daneben erlebt man eine moderne Halle mit neuester Infrastruktur, mit behindertengerechten Sanitäreinrichtungen, raffinierter Beleuchtungs- und Tontechnik, Künstler- und Stargarderoben bis hin zu 3000 Garderobenhaken und den vier Fahnenmasten vor dem Eingang. Die Halle lässt sich zum Beispiel innerhalb einer Minute in eine vom Tageslicht völlig abgekoppelte „Black Box" verwandeln. Die Zufahrtstore sind so groß und hoch, dass sogar Trucks problemlos hineinfahren und manövrieren können. Die einzelnen Waben in den massiven Deckenträgern haben eine Punktlast von 5 t Gewicht. Die „Wetten dass?"-Mannschaft nutzte 2007 die volle Kapazität und ließ das Gewicht von umgerechnet 40 VW-Golfs an die Hallendecke hängen. Der Event brachte der Halle bundesweite Bekanntheit.

Jennifer und Nina blicken zur Uhr und verschwinden. Die nächsten Termine. Patrick, Thomas und Benjamin kippen ihre Kaffees hinunter, auf sie wartet ebenfalls noch ein Berg Arbeit. Es steht bereits fest: Auch 2010 wird das Azubi-Projekt, das auch als Prestigeobjekt der Stadt gilt, ein Erfolg werden. Die Eiszeit lockt jährlich etwa 20.000 bis 25.000 Besucher auf die 855 Quadratmeter große überdachte Eisfläche. Tendenz steigend, weil nunmehr auch Diskos und Moonlight-Parties hinzugekommen sind. Es ist Abend geworden, rund um den Bahnhof herrscht reger Feierabendverkehr. Die Azubis indes sitzen in ihren Büros. Vor ihnen leuchten die Bildschirme der Rechner.

 
 
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