Vor nunmehr vierzig Jahren wurde der Autor Jeffrey Armstrong von indischen gelehrten in die Welt der Avatare eingeführt. Seither beschäftigt er sich mit der Weitergabe der Lehren der Avatare, deren Kosmologie, Intelligenz, Weisheit und Botschaft. Die Frucht seiner langjährigen Arbeit teilt Armstrong in seinem neuen Buch mit jedem interessierten Leser und nimmt diese mit in die Kosmologie der Avatare, deren Geheimnisse und Botschaften, welche eine höchst aktuelle Strategie im Umgang mit heutigen Problemen eröffnen.
Ideen, die irgendwann Paradigmen verändern, keimen manchmal Jahre- oder sogar jahrzehntelang in einem Menschen. So brauchte der Regisseur James Cameron zwanzig Jahre, um die Vision seines Science-Fiktion-Films „Avatar – Aufbruch nach Pandora" umzusetzen. In dem Science-Fiktion-Film, in dem es um Ressourcen auf einem anderen Planeten geht, vermischte Cameron real gedrehte und computeranimierte Szenen, wobei große Teile des Films in einem virtuellen Studio mit neu entwickelten digitalen 3D-Kameras gedreht wurden. Alleine bis zum 30. Mai 2010 spielte „Avatar" weltweit über 2,7 Milliarden US-Dollar ein, die bisher höchste Summe für einen blogbuster. Millionen Menschen rund um die Welt sahen den Film in IMAX 3 D Kinos und waren höchst inspiriert und zutiefst berührt von Camerons expansiver cineastischer Vision. Aber es waren nicht nur die brilliant umgesetzten technischen Effekte, die in diesem Film zum Ausdruck kamen, sondern es war noch etwas anderes, was viele Menschen mehrfach ins Kino zog. Es war die tiefe, spirituelle Verbundenheit der Na'vi, den Bewohnern des Planeten Pandora untereinander und die Art, wie sie im Einklang mit der unberührten Natur lebten. Sie erweckte in vielen Kinobesuchern den Wunsch, selbst in tiefer Harmonie mit anderen und der Welt zu leben.
Neben James Cameron setzte sich noch ein zweiter Amerikaner intensiv mit dem Thema Avatare auseinander: Jeffrey Amstrong, ein Visionär und spiritueller Lehrer. Früher zählte er zu den führenden Topmanagern in Silicon Valley, ehe er sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere beschloss, sein Leben ganzheitlich auszurichten. Viele Jahre lang erforschte er daraufhin die Heiligen Schriften Indiens, wie die Veden und die Bhagavadita, und richtete dabei seine Aufmerksamkeit auf die Avatare. Deren Lehren beschreibt er in seinem Buch „Das Geheimnis der Avatare", das im Juli in Deutschland erschienen ist. Der Begriff Avatara (Sanskrit, m.), avatāra, bedeutet so viel wie „Abstieg", von ava- „hinab" und tṝ „überqueren"). Gemeint ist ein Gott oder ein göttlicher Aspekt, der die Gestalt eines Menschen oder Tieres annimmt und damit eine Art Mission zum Wohl der Erde und der Menschheit erfüllt. Etwas, das den Erfordernissen des gegenwärtigen Momentes entspricht, damit es wieder zu einer Balance hier auf der Erde kommt. Amstrong betont immer wieder, dass sowohl hinter dem Film als auch hinter seinem Buch der Wille und das Wirken von etwas Größerem stehen. Er verdeutlicht, dass die Menschen und der Planet, den wir bewohnen, vor einem spürbaren Wendepunkt stehen, und es mit Unterstützung der spirituellen Lehren der Avatare in eine gute und für die nachfolgenden Generationen lebenswerte Richtung lenken werden.
Wie man beim Cameron sehen, und bei Amstrong detaillierter nachlesen kann, hütete Indien und viele andere indigene Völker über viele Jahrtausende große Geheimnisse eines Lebens, bei denen es um eine größere Harmonie zwischen den Menschen und mit der Erde geht. Eben diese Verbindung ist es, die bei vielen indigenen Völkern so geschätzt und geachtet wurden – eben dieser respekt- und liebevolle Umgang untereinander lässt heute so viele Zuschauer von „Avatar" von einem solchen Zusammenleben träumen. Zweifellos wurden Aspekte dieser ursprünglichen Absicht kunstvoll mit dem Stoff des Filmes Avatar verbunden. Ja, unbewusst schaffte Cameron sogar den Boden für einen der wichtigsten Begriffe der spirituellen Literatur Indiens überhaupt. Dadurch zeigte er die Notwendigkeit auf, dass die spirituellen Lehren der Avatare wieder in unser Bewusstsein rücken, die auf gegenseitige Wertschätzung, Liebe und Respekt vor der Erde und allem Leben basieren. Umso drastischer wirft der Film „Avatar" ein grelles Licht auf einiges, was wir heute an Unterdrückung, unkontrollierte Gier und Ungerechtigkeit um uns herum beobachten können – und tagtäglich in den Nachrichten hören. Ereignisse wie das BP-Drama, das sich gerade im Golf von Mexiko abspielt verdeutlicht, dass es mehr denn je an der Zeit ist, dass wir das spirituelle Wissen der Avatare in unser Leben zu lassen und zu integrieren.
Selbst wenn es so aussieht, als würde die Erde sich an einem nie zuvor erlebten katastrophalen Zustand befinden, so gab es im Verlauf der Geschichte immer wieder Phasen, in denen es nicht gut um die Erde und ihre Bewohner stand. Der indischen Mythologie zufolge war Mutter Erde bereits vor fünftausend Jahre schon einmal zutiefst besorgt über ihre Entwicklung. Krieg, Gewalt gegen Frauen etc. standen an der Tagesordnung, sosehr, dass Mutter Erde viele Tränen des tiefen Mitgefühls für ihre Kinder weinte. Damals nahm sie die Gestalt einer Kuh an und begab sich zu Brahma, dem Schöpfer. Sie erzählte ihm von ihrem Kummer, und er riet ihr, schnellsten Vishnu, den Beschützer und Erhalter der Welt aufzusuchen und ihn um Hilfe zu bitten. Als sie bei Vishnu ankam, erklärte ihnen dieser, das er als Avatar auf die Erde hinabsteigen würde, um das Gleichgewicht des Lebens wiederherzustellen und den Menschen seine Erhaltung zu lehren." So kamen Weisheit, Mitgefühl und Mut auf die Erde – jene Eigenschaften, die nötig waren, um das Gleichgewicht auf der Welt wieder herzustellen und die Tränen von Mutter Natur zu trocknen.
Im Verlauf der Geschichte gab es nach Vishnu bereits immer wieder Wesen, die als Avatare auf die Welt kamen. Eine Vielzahl indischer Gurus, darunter Sathya Sai Baba und Mata Amritanandamayi, auch als Amma bekannt, verstehen sich als Avatare. Mit ihrem Wirken machen sie auf das essentielle Wirkprinzip von Mutter Natur – der Allmutter – Mata Bhumi aufmerksam, dass auf Erneuerung und Gleichgewicht basiert. Laut der Avatare müssen wir Menschen uns an dieses Prinzip halten, um ein Weiterleben auf diesem Planeten zu ermöglichen, wohlwissen, dass wir als Menschen die entsprechende Verantwortung dafür tragen. Wir sind aufgerufen, Mutter Erde als lebende, atmende, absolut selbstlose Gottheit anzuerkennen und sie zu schützen. Durch Filme wie „Avatar" und das Buch „Das Geheimnis der Avatere" können wir zu dem Verständnis gelangen, dass wir von und ganz von Mutter Natur abhängig sind, wobei diese Abhängigkeit nicht gegenseitig ist. Mutter Natur kann auch ohne uns weiterexistieren.
Machen wir uns also das spirituelle Wissen der Avatare in unserem Alltag zu Nutze, können wir vielleicht früher oder später selbst das erleben, was wir mit voller Sehnsucht in dem Film Avatar gesehen haben: eine tiefe, spirituelle Verbundenheit untereinander und ein nachhaltiger und ressourcenorientierter Umgang mit der Erde.
Jeffrey Armstrong: Das Geheimnis der Avatare. Die spirituelle Weisheit der Veden. Scorpio Verlag 2010
© Doris Iding