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Die sozialen Aspekte der Migräne

Autor: Kratzbaum | Erstellt am: 09.11.2011 | Gelesen: 288
Kategorie: Gesundheit - Medizin & Chirurgie | Bewertung: rateArateArateArateArateA
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(Online-Artikel.de) - Migräne, ihre Geschichte und ihre Stellung in der Gesellschaft

Die Migräne existiert vermutlich so lange wie die Menschheit selbst. Zumindest wurde 2.000 vor Christi Geburt der erste Migräneanfall auf Papyrus festgehalten. Von einem ägyptischen Leibarzt des Pharaos wurden ein pochender, pulsierender Kopfschmerz und Sehstörungen beschrieben.

Auch in der Bibel wird bei Saulus offensichtlich eine Migräneattacke angeführt. Bei dessen Wanderung nach Damaskus sind Lichterscheinungen beschrieben mit einer anschließenden Krankheit von 3 Tagen. Bei dieser Krankheit bestand ein Schmerz, »so stark wie ein Dorn im Fleisch«. Gott lehnte die Bitte von Paulus, den erkrankten Saulus von seinem Leid zu befrei­en, mit dem Hinweis ab, dass diese »Schwäche seine Stärke bedinge« (Apostel­geschichte 9 und Korintherbrief 12). Im Mittelalter wurde die Migräne als Werk böswilliger Wesen angesehen. Daher bestand die Behandlung aus Geisterbeschwörung, Exorzismus und Bohren von Löchern in den Schädel, um das Böse entweichen lassen zu können.

Wissenschaftlich fundierter waren die Annahmen von T. Willis im Jahre 1664, dass Migräne durch Blutstauung der Hirngefäße entstehe. Die Ursache dieser Blutstauung beschrieb E. Livieng 1873 als Folge übermäßiger Nervenentladun­gen im Gehirn.

Viele berühmte Persönlichkeiten wie Kaiserin Maria Theresia, Charles Darwin, Marie Curie, Wilhelm Busch, Friedrich Nietzsche und viele andere litten an Migräne.

Nach dem Volksglauben im 15. Jahrhundert wurde bei hartnäckigen Kopfschmerzen der »Kopfstein« operativ entfernt. Dabei wurde bei lebendigem Leib mit einem Meißel ein Loch in den Kopf geschlagen und dem Patienten erklärt, dass der »Stein« herausgezogen wurde.

Gesellschaft

Wie bei allen Erkrankungen des Nervensystems besteht leider auch bei der Migräne eine nicht verständliche und nicht nachvollziehbare Tabuisierung. Wäh­rend viele Mitmenschen gerne über ihre Knieschmerzen oder Herzmedikamente reden, fürchten sehr viele Migränekranke, über ihre Krankheit offen zu sprechen. Die Angst, als Hypochonder oder Hysteriker abgestempelt zu werden, ist auch in der sonst so tabuarmen Gesellschaft noch immer viel zu groß.

Auch heute noch verstehen viele Menschen ihre an Migräne leidenden Mitmen­schen nicht, unter anderem weil alle Bluttests und Röntgenuntersuchungen unauf­fällig sind. In unsere leistungsorientierte Gesellschaft, die nur so von jungen, hübschen, sport­lichen, strahlenden Menschen strotzt, passt das Bild eines Menschen nicht, der Ruhe und Dunkelheit sucht und von pochenden Schmerzen gequält wird.

Die letzten Tabus in unserer Gesellschaft sind der Tod und bestimmte Erkrankun­gen wie Epilepsie, Migräne und einige andere. Mit diesen Tabus gilt es zu bre­chen. Krankheit und Tod gehören genauso zu unserem Leben wie Geburt und Liebe. Es liegt an allen Migränekranken, genauso offen über ihr Leid zu sprechen, wie über alle anderen Dinge des Lebens!

Gerade dieses Verstecken und Verheimlichen führt dazu, dass viele Kopfschmerz­patienten mit ihrer Erkrankung alleine zurechtkommen wollen und keinen Arzt aufsuchen. So berichten 38 % der Migränepatienten in Deutschland, diesbezüg­lich noch nie ärztliche Hilfe in Anspruch genommen zu haben. Genau darin liegt das Problem, dass so viele Menschen ihre Migräne völlig insuffizient selbst behan­deln und glauben, dass es keine Hilfe gegen die Schmerzen gäbe. Viele suchen erst ihren Hausarzt auf, wenn fünf oder mehr Schmerzmittel pro Tag nicht mehr helfen. Einige kommen aber nie zum Arzt, die Dunkelziffer dürfte enorm hoch sein.

Auch wenn Migräne noch nicht heilbar ist, so kann sie sehr gut gelindert und oft sehr gut beherrscht werden. Man muss nur darüber reden und vor allem auch mit den richtigen Fachleuten darüber sprechen. So kann man das Problem Migräne gut in den Griff bekommen und wieder eine bessere Lebensqualität genießen. Migräne ist nämlich keine eingebildete Erkrankung oder psychische Krankheit, sondern eine Erkrankung wie Rheuma oder Kniearthrose. Vergessen sind die alten Märchen und Mythen, auf in die Realität!

Sozioökonomische Aspekte

Wenn man den wirtschaftlichen Aspekt der Migräne in Betracht zieht, so zeigt sich folgendes Bild: Über 80 % der Migräneattacken gehen mit Arbeitsunfähigkeit einher, was bei der hohen Zahl an Migräneattacken bei Personen im berufstäti­gen Alter einen enormen sozioökonomischen Aspekt darstellt, der nur allzu gerne ignoriert wird. In den USA werden 150 Millionen Arbeitsfehltage pro Jahr durch Migräne verursacht und bei Kindern werden 1 Million Schultage pro Schuljahr versäumt. In Österreich werden die jährlichen Kosten durch Migräne-bedingte Krankenstände auf 150 Milliarden Euro geschätzt. Diese Zahlen sprechen für sich und zeigen die dringende Notwendigkeit einer verbesserten Öffentlichkeits­arbeit zu diesem Thema und auch einer weiteren Intensivierung der medizinischen Forschung.

von Karin Kratzer
 
 
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