Sitzposition auf dem Rennrad
Die richtige Sitzhöhe (
also der Abstand des Sattels zum Tretlager oder zum Pedal) ist ein entscheidender Faktor für eine biomechanisch einwandfreie Sitzposition auf dem Fahrrad. Eine nicht optimal eingestellte Sitzhöhe kann gesundheitliche Beschwerden nach sich ziehen oder die Leistungsfähigkeit limitieren.
Fehlbelastungen können langfristig zu Gesundheitsschäden führen. Vor allem die Kniegelenke reagieren besonders sensibel auf eine biomechanisch ungünstige Sitzposition. Meniskusschäden, erhöhter Knorpelverschleiß (Arthrose) und Reizungen der Sehnen und Bänder sind häufig bei Radsportlern anzutreffen, die naturgemäß viel Zeit auf dem Rad verbringen.
Knorpelstrukturen (auch die Menisken bestehen aus Knorpel) besitzen keine Nervenzellen. Somit kann keine Schadensmeldung in Form von Schmerz an das zentrale Nervensystem weiterleitet werden. Darum machen sich Knorpelschäden in der Regel erst dann in Form von Schmerzen bemerkbar, wenn schon erhebliche Schädigungen vorhanden sind. Dazu zählen Einrisse im Meniskus, im Gelenk schwimmende Knorpelteilchen, die zu Entzündungen führen können, oder erhebliche Knorpelschäden (Knorpelglatze), bei denen die darunterliegende empfindliche Knochenhaut gereizt wird.
Eine weitere Folge sind erhebliche Leistungseinbußen, wenn die Arbeitsmuskulatur bedingt durch eine ungünstige Sitzhöhe nicht in ihrem optimalen Wirkungsbereich arbeiten kann. Bei einer zu niedrigen Sitzhöhe verbraucht die vortrieberzeugende Bein- und Gesäßmuskulatur deutlich mehr Sauerstoff, ermüdet schneller und kann ihr Kraftpotential nicht voll entfalten. Zusätzlich steigt die Belastung der Kniegelenke (Sehnen, Bänder, Knorpel), da die Gelenkpartner des Knies über den gesamten Kurbelzug in einem größeren Beugewinkel aufeinander stehen und dadurch besonders die Menisken stark belastet werden (was dann wiederum zu Gesundheitsschäden führen kann).
Ist die Sattelhöhe zu hoch, kommt es zu Ausweichbewegungen (der Fuß wird überstreckt, das Becken rutscht seitlich auf dem Sattel hin und her).
Diese Bewegungen müssen durch zusätzliche Muskelarbeit realisiert werden, welche zusätzlichen Sauerstoff verbrauchen - im Leistungssport ein nicht unwichtiges Argument. Zudem steigt die Gefahr von Krämpfen in der überbeanspruchten Muskulatur (besonders in der Waden- und Oberschenkelmuskulatur). Das kann besonders im Triathlon zu einer zusätzlichen Beeinträchtigung der Laufperformance nach dem Radfahren führen. Eine durch eine zu große Sitzhöhe auf dem Fahrrad überbeanspruchte Wadenmuskulatur kann ihre wichtigen Funktion, den Aufprall des Fußes zu dämpfen und eine große Schrittlänge durch einen dynamischen und kraftvollen Abdruck nach hinten zu realisieren, nicht mehr erfüllen.
Wie findet man die korrekte Sitzhöhe?
Das Körpergefühl ist hier leider kein verlässlicher Maßstab, da hier vor allem die Gewöhnung an eine Sitzposition (ob biomechanisch einwandfrei oder nicht) ein große Rolle spielt.
Verschiedene Faustformeln wie die LeMond-Formel versprechen Abhilfe, beziehen entscheidende individuelle Faktoren aber nicht mit ein. Dennoch bilden Faustformeln einen wichtigen Anhaltspunkt, bei der Einstellung der Sitzhöhe. In wissenschaftlichen Untersuchungen hat sich am ehesten die Methode bewährt, mit der Ferse des ausgesteckten Beines das Pedal gerade noch berühren zu können. Aber auch diese Methode führt nur in etwa in der Hälfte der Fälle zu einer einwandfreien Sitzhöhe.
Die sicherste Variante besteht in der biomechanischen Analyse der
Fahrrad Sitzposition unter Berücksichtigung individueller Parameter. Es gibt kaum einen Radprofi, der seine
Rennrad Sitzposition nicht von professionellen Biomechanikern überprüfen lässt. Darüber hinaus existieren spezielle Tests, mit der die Sitzposition und auch die Sitzhöhe hinsichtlich des Kraftpotentials oder des Sauerstoffverbrauchs der Muskulatur analysiert werden können. Praktische Bedeutung haben diese Verfahren aber nur in der Wissenschaft.
Marten Knoch
Wissenschaftliche Leitung bei Synergy ProTraining