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Die Kraft der Imagination

Autor: revhoros | Erstellt am: 13.04.2011 | Gelesen: 561
Kategorie: Geschichten & Anekdoten | Bewertung: Unbewertet
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(Online-Artikel.de) - was wir uns vorstellen können, liegt auch zu mindestens meistens im Bereich des Erreichbaren

Rainer Sauer/Autor/Philosoph
Rainer Sauer/Autor/Philosoph
Dies ist eine wirklich amüsante Geschichte mit selbstbelehrendem Charakter und ganz eigenem humorvollen Charme, die ich in den 80er Jahren erlebte und die meiner Ansicht nach wunderbar widerspiegelt, wie wir ein manches Mal fast schon märchenhaft anmutend unsere eigene Realität kreieren. Und mit welcher Selbstverständlichkeit wir da unbewußt die Regisseur Rolle übernehmen, obwohl wir mit dem bewußt verantwortlichen Umgehen, mit unserer Selbstbestimmung doch allzu oft Schwierigkeiten haben. In der Unbewußtheit setzen wir schein­bar ohne zu zögern, praktisch unverantwortlich und skrupellos die Grund­steine für das Fundament unseres zukünftigen Lebens und übernehmen somit natürlich auch auf der unbewußten Ebene Verantwortung, bestim­men also an der Gestaltwerdung unserer eigentlich nicht gewollten Zu­kunft mit. All die unbewußten Entscheidungen, welche unser Leben mit­bestimmen und die wir in sorgloser Arglosigkeit geschehen lassen, hinter­fragen wir nicht und belassen sie somit letztendlich in der Dunkelheit des Unbewußten, sie sind auch eine Form von Verantwortung, nämlich der unbewußten Art und Weise, und haben ohne Zweifel genauso mit der selben Gültigkeit als lebensbestimmendes Element in unserem Leben gestalterische Wirkungskraft. Sind also ebenso wie unsere bewußten Entscheidungen in unserem Erleben unbedingt formgebend mitwirkend und sind auch demnach ebenso wie die bewußten eine Form von Eigen Verantwortung, welche wir eigentlich ursprünglich für unser Wohlergehen übernehmen wollten und welche uns offensichtlich zumeist keine positive Auswirkung als Resultat bieten, da wir die bewußte Kon­trollfunktion mangels der Verantwortungs Bereitschaft an unsere Unbe­wußtheit abgegeben haben.

Mit anderen Worten, eigentlich ist es deutlich zu erkennen, daß wir es sowieso immer selbst sind, wenn auch zumeist unbewußt, die unsere Realität, unsere Lebens Qualität bestimmen. Es ist eigentlich offenkundig, daß wir in jedem Fall verantwortlich für unser Leben sind, es stellt sich nur die Frage, bestimmen wir dabei bewußt mit oder überlas­sen wir uns der Unbewußtheit, die z. B. durch innere vorgegebene Bilder unsere Entscheidungen bestimmt. Und verweigern verständlicher­weise auf bewußter Ebene die Verantwortungsübernahme, was in seiner eigenen Logik auch Sinn macht, um dem Ganzen als Überlebensfunktion in akuter Verantwortungsvermeidung eine lebensfähige Unter Konstruktion zu geben. Wir übernehmen also definitiv immer Ver­antwortung für unser Erleben und Wohlsein und dies aber noch allzu oft vermehrt in unbewußter Weise. Denn der konstruktive Umgang mit Ver­antwortung fällt uns scheinbar immer noch sehr schwer, und obwohl wir diese unbewußte Umgangform mit Verantwortlichkeit und seine oft schmerz-lichen Auswirkungen keineswegs als angenehm erfahren, wehren wir uns dennoch mit Händen und Füßen, dies bewußt und zu unserem eigenen Fortschritt und Wohlergehen anzuwenden. Was dazu führt, daß wir aus der Unbewußtheit gesteuert eben auch eine Realitätsverzerrung, eine Realitätsentfremdung erleben, da wir uns ja willentlich von der Be­wußtheit, also auch von der Realität abwendet.

In dieser Geschichte nun, als ich so um die zwanzig Jahre alt war, durfte ich das Phänomen der subjektiven Realität mit einem gewissen Anflug von Peinlichkeit erfahren. Es war nämlich so, daß ich zu dieser Zeit einen älteren Mann kennenlernte, der eine Art Vater Figur für mich darstellte und der mir ein wenig die Hoffnung vermittelte, daß sich meine vergangenen Kindheits Träume erfüllen könnten. Etwas plakativ ausge­drückt, dachte ich wohl, daß ich nun endlich als der verlorene Königs Sohn wiedergefunden war und ich endlich in meiner vollen Größe, Einzigartigkeit und in meiner Besonderheit gewürdigt werden würde. Und daß mich nun keine unangenehmen Grenzen oder Lebens Bedingungen weiterhin einengen oder stören würden. Ich also endlich frei wäre, so zu sein, wie ich möchte und das zu tun, was ich will, wie dies mir schließlich zustand und wonach ich mich ja schon immer sehnte. Und um letztendlich mich nun in meinem Leben nur noch aus­schließlich dem Erfüllen meiner Wünsche zu widmen. Mein Wunsch, daß mein eigenes Märchen sich bewahrheitete, war so enorm groß, und vor­dergründig betrachtet war es auch die einzige Möglichkeit, meine Erret­tung aus dem für mich leidvollen Leben zu gewährleisten, daß ich die deutlichen Anzeichen des Trugschlusses nicht akzeptieren wollte und konnte. Und dies basierte ja auch auf einer gewissen Logik, hätte ich nämlich das Platzen der Seifenblase zugegeben, wäre es dem mir dama­ligen Verständnis einer totalen Niederlage gleichgekommen. Und dies wäre ein sich Ergeben in die Hoffnungslosigkeit gewesen, ein zu erwar­tendes Ergebnis, das sich wohl am besten mit dem Tod als solches defi­nieren läßt. Also arbeitete ich munter weiter an der Perfektionierung mei­ner Errettungs Illusion, meines Lebens Wunschtraumes. Und die Tage vergingen währenddessen, wobei ich mich gleichzeitig geradewegs auf mein ultimatives Erwachen hinzubewegte, ohne daß ich dies zu diesem Zeitpunkt in irgendeiner greifbaren Form erahnen konnte.

In diesem Zeitraum trug es sich zu, daß ich eine Art Heimat Urlaub bekam, ich also die Stadt verließ, in der ich mich in je­nem Lebensabschnitt aufhielt, um für ein paar Tage in meine Heimatstadt zurückzukehren. Mein Quasi Erretter, der alles ermöglichende König Vater gab mir zum Abschied seine goldene Rolex Uhr mit, die er bisweilen selbst immer trug und die ich nun mit Stolz über mein eigenes Handgelenk zog. Diese hatte von Anbeginn eine äußerst skurrile Wirkung auf mich und mein ganzes Befinden. Es war, als ob ich von dem Moment an ein anderer Mensch war. Ich wußte, daß diese Uhr sehr teuer war, und dieser scheinbare kostbare Schatz strahlte unbarmherzig auf mich ein. Und ich begann, mich und alles, was sich um mich drehte, von diesem „Schatz" aus zu definieren. Meine Wahrnehmung, meine ganze Realität war subjektiverweise beeinflußt und durchdrungen von dieser Kraft, wel­che diese scheinbare Kostbarkeit ausstrahlte. Ich war plötzlich nicht mehr Rainer, der sich von innen heraus mittels seiner Persönlichkeit darstellt, sondern eher die Auswirkung, die Reaktion dieses machtvollen Schatzes, der sich durch mich definiert. Ich hatte plötzlich das Gefühl, mächtig zu sein, weil das Ding an meinem Arm dies scheinbar war, oder anders ge­sagt, diese Macht verkörperte. Ich hatte das Gefühl, alles tun zu können und wirklich wichtig zu sein, wichtiger sogar als andere. Ich fühlte mich anderen überlegen, ich fühlte mich wertvoller als andere. Und umso mehr ich mit dieser Uhr in Kommunikation, in Zwiesprache trat, umso mehr identifizierte ich mich mit ihr. Es war wirklich ein äußerst magischer Vorgang, der mich und meine Wahrnehmung der Realität völlig verwan­delte.

Als sich die Mutation so ziemlich abgeschossen hatte, die End­phase praktisch erreicht war, spiegelte ich eine Persönlichkeit wider, welche wohl annähernd wie folgt zu umschreiben wäre: ich war nun wie eine Zusammensetzung skurriler Charaktere, die vor allem den Hochmut und Stolz eines Plantagenbesitzers, das Hinabsehen eines verbitterten Großgrundbesitzers auf seinen minderwertigen Besitz und die faschis­toide Anwandlung eines omnipotenten Herrschers miteinander vereinig­ten. Ich war so dermaßen aufgebläht von falschem Stolz, Ehrgefühl, Mächtigkeit, von unechtem Selbstvertrauen und Wertgefühl, daß nichts von meinem wahren Wesen mehr vorhanden schien, ich es zumindest nicht mehr als existent wahrnahm. So durchschritt ich nun erhobenen Hauptes die Straßen und betrachtete „mein" weites Reich. Die Welt er­schien mir als mein persönlicher Besitz, und ich versuchte, sie mir als solches anzueignen. Ich meine, es ist ja eigentlich ziemlich unglaublich, daß ich mit diesem inneren Gefühl, mit dieser für mich bestehenden Rea­lität ganz „normal" existierte, also in den Supermarkt ging, mein Essen kaufte oder auf einer Parkbank Tauben fütternd von einem anderen Men­schen angesprochen wurde und tatsächlich noch fähig war, ein scheinbar vernünftiges Gespräch zu führen.

Mein Leben schien von außen betrachtet ziemlich „normal" zu sein und mir selbst fiel eigentlich auch nichts besonderes auf. Es ist also offensichtlich wirklich ein Phänomen, ein Wunder der Natur, wie wir unsere Realität erschaffen, sie wahrnehmen und in ihr existieren. Es ist eigentlich unglaublich wundersam, daß jeder einzelne von uns in der allgemeingültigen Realität mit seiner subjektiven Realität ko existierend bestehen kann und diese beiden lebensfähig miteinander zu verschmelzen vermag. Um die Geschichte etwas abzukürzen, werde ich nun gleich zum Höhepunkt springen und das offenbaren, was sich mir zeigte, als ich nach einiger Zeit erfuhr, daß die Uhr gar nicht echt war, sondern nur eine ganz billige Imitation. Daß sich nämlich herausstellte, daß nicht nur meine Realität, meine Identität, die Wahrnehmung und die Realität an sich sich von einem scheinbar machtvollen Gegenstand beeinflussen und gestalten und willkürlich verändern ließen, was an sich schon eine kleine Sensation ist, sondern, daß die ganze magische Kraft auf einer falschen Tatsache beruhte. Daß dies eben nicht die Kraft des Materiellen war, welche hier wirkte, sondern daß dies alles aufgrund meiner Geisteskraft zur Realität wurde, und daß das, was ich in diesem Moment als wirklich erachtete, folglich zu meiner individuellen Wirklichkeit wurde. Ich war in dem Moment so geschockt, daß ich nicht einmal den Versuch startete, einen Einwand zu bringen, also innerlich gegen die offenbare Einsicht zu rebel­lieren. Ich also keinerlei Bemühungen mehr machte, weiterhin die Illusion zu schützen bzw. aufrechtzuerhalten. Nein, die Botschaft kam damals ganz klar an, und ich befand mich unmittelbar wieder in der alten mir bekannten Realität. Von einem Augenblick zum anderen hatte sich die Welt verändert, es gab keine Möglichkeit, mich dieser unumstößlichen Tatsache zu entziehen. Ich bin der Schöpfer meiner Realität, die Frage ist nur: tue ich dies bewußt oder eben unbewußt.

 
 
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