die Chinesen kommen!
Um die Einschätzung und Stellungnahme über die volkswirtschaftliche Auswirkung des Unternehmens China auf die BRD und die Weltwirtschaft treffend zu ummanteln, müssen wir uns zunächst einige statistische Verhältnismäßigkeiten einprägend ansehen: Die Fläche Chinas beträgt ca. 10 Mio. km2 (das 27-fache der BRD) und wird von 1,3 Mrd. Menschen (das 16-fache der BRD) gedeckt. Das Wachstum des BIP lag 2009 bei immerhin noch 8,7 Prozent, was das 7-fache im Gegensatz zur BRD darstellt. Doch trotz eines Pro-Kopf-Inlandsproduktes von 3.719 USD bleibt China jedoch das größte Schwellenland mit gewaltigen regionalen Unterschieden wirtschaftlicher Entwicklung. Der Beitritt der Volksrepublik zur Welthandels-organisation (WTO) 2001 beinhaltet nicht nur eine Verpflichtungserklärung Chinas und der WTO-Mitglieder zur Wiedereingliederung des Riesenlandes in das Weltwirtschaftssystem, sondern ist auch für die chinesische Öffentlichkeit ein klares Signal der Öffnung ihres Landes und eine Bestätigung für die gesamte Welt der „Reform- und Öffnungspolitik", die das Land seit nunmehr mehr als 30 Jahren betreibt, um den Aufbau der „sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung" zu festigen. China steht dennoch unverändert vor gewaltigen Aufgaben, die es zu lösen gilt. Wie können 400 Millionen Menschen von Landwirtschaft leben, welche aber nur 11 Prozent des BIP ausmacht? Wie kann man also mit 50 USD pro Monat überleben?
Hierbei sind wir bei der eigentlichen Kernfrage: Chinas Innovationspolitik. Man rechnet trotz defizitärer Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft mit einer Aufholjagd „chinesischer Forschungscluster", denn auch Chinas Politiker erkennen diese strukturellen Defizite. Im Grundsatz verfügt China über alle Instrumente, um ein günstiges und somit für Mitbewerber gefährliches Umfeld zu schaffen. Dennoch gelingt es China bis jetzt noch nicht diese Strukturen und Kapazitäten der Entwicklung so auszubauen, dass auch international nachgefragte Innovationen entstehen. Hierbei ist das Ausland und somit auch die BRD klar im Wettbewerbsvorteil, da in diesen Industrieländern die berufliche und tertiäre Ausbildung sowie der Transfer von Forschungsergebnissen in die Wirtschaft deutlich besser und sicherer ausgeprägt ist. Dieses gilt es vor allem in der BRD zu festigen bzw. sogar auszubauen und nicht auf einen Schub chinesischer Ideen zu warten. Es gilt auch vorsichtig zu sein, trotz aller Entwicklungshilfen, beim Austausch von eben diesen Forschungsergebnissen zwischen China und der BRD. So geschah es, dass zwischen 2000 und 2005 Forschungseinrichtungen und Einrichtungen zur Forschungsförderung in China durch deutsche Hand gegründet wurden. Genau in diesen Jahren überholte China die BRD in den Exportcharts. Zwar träumt man den Traum einer langfristigen gleichermaßen nutzbringenden Forschungs- und Bildungspolitik in den nächsten Jahrzehnten, jedoch wird diese weitestgehend einseitig ausfallen.
Die Frage, wie und ob China die Wirtschaft und die Politik der BRD in den nächsten 20 Jahren beeinflusst, ist wahrscheinlich die falsche Frage. Und sie birgt eine gewisse Angst in sich. Diese Angst vor der Volksrepublik ist so absurd, wie die Angst vor der nächsten Inflation. China kommt so sicher wie die nächste Inflation und ist jetzt schon gewaltig Präsent. Der Umgang damit äußert sich in der Vorbereitung auf diesen Fakt. Böse Zungen behaupten, es gäbe keinen richtigen Zeitpunkt mit China ins Geschäft zu kommen. Der richtige Zeitpunkt wäre vor 200 Jahren gewesen – vor 20 Jahren, vor 2 Jahren oder auch gestern! Es bedeutet, wenn wir genauestens darüber nachdenken, haben unsere Industriemogule und die deutsche Regierung den Zeitpunkt verpasst, so richtig dick mit China zu werden und nun müssen wir kämpfen, nicht zum Wissens- und Forschungszentrum der chinesischen Bonzen zu werden.
China hat mehr als 3000 Jahre Zivilgeschichte und ist längst überfällig diese wirtschaftliche Explosion zu erleben. Es dauerte wahnsinnig lange, dass das Land mit der Zentralbildung, der höchsten Sparquote der Welt von 45 % und den größten Devisenreserven in USD sich endlich all dies zu nutzen machte. Dieser riesige Hunger nach Rohstoffen und das enorme wirtschaftliche Wachstum verleitet die guten Staatsherren natürlich auch zu unfairen Marktmethoden, indem man Kurse künstlich niedrig hält und sich somit einen klaren Wettbewerbsvorteil verschafft. Damit kann die BRD nicht dienen, sondern muss sich wohl in den nächsten Jahrzehnten politischer Gefälligkeiten und Bittstellungen an bessergestellte Industriestaaten oder gar Schwellenländer ausliefern, um dem Marktvolumen Chinas annähernd Einheit zu gebieten.
Auch die Schwellenländer und Entwicklungsländer sind weitestgehend chinesisch orientiert, da sie auch hier als Wohltäter auftreten. Sie bauen Straßen, geben Menschen Arbeit und schaffen neue industrielle Strukturen in den verschiedensten Ländern, und das alles ohne vermeintliche Gegenleistungen, was wie Ökonomen oder Politiker wissen, ein Trugschluss ist. Das große chinesische Reich dehnt sich aus und wird mit offenen Armen empfangen. Das kleine Deutschland jedoch kann nur noch mitziehen und muss sich rechtfertigen und teilweise verstecken. Um also unseren Wohlstand zu halten wird es unumgänglich sein sich China zum Partner zu nehmen und somit die Abwanderungen deutscher Unternehmen zu verhindern oder gar die Zuwanderung chinesischer Firmen zuzulassen. Die Auswirkung auf den Arbeitsmarkt liegt uns somit nun klar vor den Füßen. Es gibt in Deutschland nur noch wenig Bewegung nach unten in der Arbeitslosenquote, da ein großer Teil von Fertigungen ausgelagert wurden nach China. Nur wirklich sozial denkende, national eingestellte oder eher kleinformatige Arbeitgeber machten sich dies noch nicht zu nutzen. In China wartet auf sie ein Heer von Arbeitskräften, eine steile Lernkurve der Nicht-Fachkräfte und eine große Vision einer chinesischen Regierung und des Volkes, die nur mit großen ausländische Unternehmen zu realisieren ist. Am meisten angst vor dieser Abwanderung hat natürlich die Politik. Ungemeine Verluste durch Einkommenssteuer werden zu beklagen sein, was bedeutet das Sozial- und Transferleistungen gemindert werden müssen und eine bürgerliche Revolte nicht so fern scheint.
Diese Politik Chinas hat nicht nur Auswirkungen auf den Wohlstand in ihrem eigenen Land, sondern sie versuchen ihn zu exportieren. Wie schon oben genannt, bewegt sich China auch als großer Wohltäter, was unheimlichen Einfluss auf den Wohlstand in anderen Ländern hat – meist einen positiven. Für bestehende Industrieländer wie der BRD kann er natürlich gefährlich sein und somit befürchtet Politik und Wissenschaft, dass dies eine Angleichung des Weltniveaus bedeutet, was eigentlich positiv scheint, aber auch nach Verlust von Wohlstand für Bürger eben dieser Länder bedeutet.
Auf wirtschaftlicher Ebene ist China ein Kronjuwel, menschenrechtlich eher eine Fuhre Asche. Hierauf sollte man sich auf keinen Fall einlassen und mit Sanktionen und Rohstoffstopps sowie Importstopps diese Politik in die Schranken weisen. Doch befürchten einige Ökonomen - und auch ich, dass die Gier einiger nichtchinesischer Großindustrieller und der Wille zum Erfolg des chinesischen Volkes, genau diese Frage immer hinten anstellen werden. Als großen Vorteil und sogar als Beispiel zum Abschluss ein Zitat: "
Die Deutsche Bahn denkt vor allem an die Deutsche Bahn, Siemens denkt vor allem an Siemens. Aber in China denkt jeder daran, wie wir unsere Nation gemeinsam voranbringen können." (Lü Renyuan)
Von Malik Hebbat