Rainer Sauer/Autor/Dozent
Wenn jemand behauptet, daß wir alle göttliche Wesen mit Allwissenheit und Anrecht auf das
Ewige Leben sind, ist es nicht verwunderlich, daß sich manch einer die Frage stellt, warum wir dann auf eine Welt blicken, bei der scheinbar so wenige Menschen angebunden an ihr Wissen und ihre Weisheit sind, und der Anblick unserer Welt uns nicht selten als
un göttlich, sogar grausam und ungerecht erscheinen mag. Diese Diskrepanz scheint uns unüberwindbar, und wir nutzen diese „offensichtliche" Schlucht zwischen These und Erscheinung als Argument, daß diese Behauptung eben nicht der Wahrheit entsprechen kann, und ordnen uns viel lieber der Einfachheit halber in ein System ein, welches uns an die Spitze der tierischen Evolution setzt und uns somit auch in die Lage versetzt, unser Verhalten und deren Auswirkung ungerechterweise unserem mutmaßlichen tierischen Ursprung aufzubürden. Dies ist jedoch nur eine von vielen Ausweichmöglichkeiten, welcher wir uns bedienen, um uns unserer Verantwortung zu entziehen und in deren Gesamterscheinung, einer „wilden Mischung" aus Thesen und Unterstellungen, sozusagen in dem Wald physikalischer Erklärungen, philosophischer Ansichten und unzähliger Modelle der Entstehungs Geschichte, Verirrung wohl vorprogrammiert ist.
Es ist also durchaus verständlich, daß es uns bei all dem Nebulösen und Verwirrenden, was uns in dieser Hinsicht entgegentritt, nicht leichtfällt, einen klaren Blick zu bewahren, um eine Möglichkeit zu entdecken, die den Spalt zwischen der scheinbar unüberwindbaren Schlucht in Versöhnung zu schließen vermag. Die einzige vernünftige Erklärung ist, daß die Freiheit der Entscheidung jedem selbst überlässt, wie bewußt oder auch unbewußt er dies auf der Erde als Mensch erleben möchte und daß ein jeder sich für die Anbindung an das Göttliche oder die „Entbindung" vom Ursprünglichen in freier Wahl entscheiden kann. Daß wir zwar alle Wissende sind, aber jeder für sich entscheidet, wie und ob er überhaupt dieses Wissen nutzen möchte. An dieses Wissen anzubinden, sich dessen zu erinnern, ist also eine bewußte Entscheidung, die von uns getroffen wird, und die Mühe, Anstrengung, Kontinuität, Disziplin, Leidenschaft, also grundsätzlich eine ganze Menge an Bereitschaft erfordert. Diese bewußte Entscheidung ist uns einerseits gegeben, weil wir nun mal die von mir immer wieder insbesondere betonte Freiheit unser eigen nennen können und andererseits, weil wir uns schließlich auch aus dieser Freiheit heraus kontinuierlich für unsere Bewußtwerdung entschieden haben, uns somit in einem frei dafür entschiedenen Prozeß des An Wachsens befinden, welcher nur aufgrund unserer immer wieder neubestätigten Entscheidung zur Bewußtwerdung Kontinuität und Konstanz aufweist. Freiheit gebärt hier Freiheit, oder anders formuliert, Freiheit macht es überhaupt erst möglich, daß wir uns für unsere Freiheit entscheiden können. Wie wir also sehen, hängt alles voneinander ab, hat einen wichtigen Bezug zueinander und demnach ermöglicht das eine auch in direkter und indirekter Weise die Existenz des anderen.
Wenn wir uns also auf unserer Bewußtwerdungs Reise weiterbewegen wollen, sprich, wenn wir bewußter werden möchten, sind offensichtlich bestimmte Voraussetzungen erforderlich. Wollen wir zum Beispiel einen Grad der Bewußtheit erlangen, welcher uns einen ganz bestimmten Aktionsradius von bewußter Freiheit erlaubt, müssen wir die dementsprechende Mühe aufbringen und den jeweiligen Anforderungen genüge tun. Ab einem gewissen Punkt der Entwicklung, und dies ist das spezifische Thema, auf das ich hier insbesondere eingehen möchte, ist für unseren bewußten Werdungsprozeß eine von uns freiwillige Kontaktaufnahme, eine Rückerinnerung zur Einheit nötig. Dies heißt, wir brauchen ab diesem Zeitpunkt Verbindung, führende Unterstützung von der Einheit heraus. Unsere individuelle irdisch menschliche Entwicklung hat somit einen vorübergehenden Höhepunkt erreicht und fordert für ihr Weiterkommen die Rückbindung, das direkte willentliche Streben, zurück zur Einheit zu gelangen. Somit ist gewährleistet, daß unsere erreichte Individualität, das bewußte Erfahren der absoluten Freiheit, in den Dienst des Kollektivs integriert wird und wir nicht mit dem von uns erlangtem individuellen Bewußtsein in die Isolation, in die Illusion des Getrenntseins zurückfallen. Mit anderen Worten, wenn wir eine gewisse Vermenschlichung, Verkörperung, also Inkarnations Reife erlangt haben, ist es der erforderliche nächste Schritt, daß wir uns an unser wahres Selbst erinnern, welches ja mit der Einheit verbunden ist. Im Kontakt und mit der einhergehenden Rück Identifikation mit unserem höheren Selbst gehen wir nun geleitet und in Führung unseren Weg weiter, der nun das Individuelle mit dem Kollektiven befruchtet und somit das sich „Verlaufen", „Verirren" des Individualisierens verhindert. Findet das „individualisierte Individuum" keine wohltuende, geborgene Heimat, was das Erfahren, das Sein in der Einheit dem Wesen nach ist, entsteht Isolation, Einsamkeit und eine Art Informations Wiederkäuen. Dabei denken wir vor allem an Fehlinterpretationen unserer Wahrnehmung, welche durch unser immer mehr isoliertes Dasein erweckt werden, was einer immer mehr abnehmenden Objektivität gleichkommt. Oder wir meinen damit auch, daß das Abgespaltetsein vom Ganzen auf „längere" Sicht gesehen das destruktive Ausleben der Freiheit mit sich bringt. Es ist demnach wichtig, spätestens ab einem bestimmten Punkt, der sich uns zu gegebener Zeit zu erkennen gibt, bewußten Kontakt zur Einheit, zu unserem höheren Selbst aufzusuchen und diese Kommunikation auch kontinuierlich aufrechtzuerhalten. Uns somit also aus Freiheit heraus für die Freiheit zu entscheiden, was in diesem Falle paradoxerweise einem Anbinden, einem Verschmelzen mit dem Einheitlichen entspricht, also der willentlichen Kontaktaufnahme zu unserem Ursprünglichen, zu unserer Ganzheit bedeutet.
Diesen Kontakt finden wir in Meditation, in der Zeit der Stille, in den Momenten, in denen wir uns besonders nahe sind und in denen wir dann durch unsere Stimmung des Bereitseins für diese Art von Kommunikation unser Verlangen danach bekunden. Es ist demnach eher eine gefühlsmäßige innere Voraussetzung, welche erforderlich ist und die wir „echte Bereitschaft" nennen können, als ein intellektuelles Verständnis des Ganzen, welches vielleicht in der Aussage mündet: „Verstehe ich! Das will ich haben!". Das Aufbauen der Kommunikation, die Zurückerinnerung an die Einheit ist also eher von unserer Bereitschaft abhängig als von unserem Willen, obwohl es nicht zu leugnen ist, daß es immer auch ein Akt der Entscheidung ist und bleibt. Dieses Paradoxon löst sich dann auf, wenn wir in Berührung mit der Einheit sind und nicht mehr in der beschränkenden Art und Sicht Weise des Entweder Oder gefangen sind. Und in dieser Hinsicht ist es bestimmt nicht unwichtig, das Zauber-Wörtchen „Geduld" zu erwähnen und seine Wichtigkeit als angewandte Lebensqualität zu betonen. Nämlich die Praxis zu üben, sich geduldig dem „Bereitwerden" anzunähern, und falls wir „echte Bereitschaft" erlangt haben, auch mit angemessener Geduld in dieser Bereitschaft zu verweilen. Mit anderen Worten, wir werden und sind bereit, uns der Einheit zu erinnern, aber wir sind uns durchaus bewußt, daß wir den Kontakt zu unserer göttlichen Herkunft nicht erzwingen können. Wir erkennen, daß Bereitschaft etwas ist, was wir erlangen können, etwas, wofür wir uns entscheiden können, daß wir von nun an aber nichts weiter tun können, als das, was wir bei einem angemeldeten Telefongespräch wohl auch tun würden, nämlich geduldig auf die Vermittlung zu warten.