Burg Stolpen
Wir schreiben das Jahr 1716. Es ist ein kalter und nebliger Dezembermorgen. Die Sonne hat keine Chance, den wolkenverhangenen Himmel über Sachsen zu durchbrechen und einen klaren Blick auf die kleine Kutsche zu werfen, die ihren Weg vom sächsischen Nossen in Richtung der
Burg Stolpen nimmt, die unweit von Dresden liegt.
Wenn die Sonne ihre Chance bekäme, dann würde sie im Inneren der Kutsche eine schöne und stolze Frau entdecken. Sie liest ein einem kleinen Buch und würdigt der Eskorte ihrer Kutsche keines Blickes. Ihre Begleiter sind ebenso still und in sich gekehrt. Die Männer sind bewaffnet. Und sie haben einen Auftrag, von dem die schöne Dame nichts zu ahnen scheint.
Sie kennt die Welt der Männer und der Macht und hat in ihrem bisherigen Leben ihre Intelligenz und Schönheit immer zu ihrem eigenem Vorteil nutzen können. Und sie war sich vieler Jahre der Liebe des einflussreichsten Mannes in Sachsen sicher. Sie hatte August den Starken, den sächsischen Kurfürsten, auf einem Ball getroffen und er hatte sich vom ersten Moment an in sie verliebt. Und sie war sich so sicher, dass ihr Einfluss auf diesen kunstliebenden, aber auch prunksüchtigen Herrscher, lange währen würde. Immerhin hatte sie sich nie als Mätresse bezeichnen lassen wollen und ihren Machtanspruch durch ein schriftliches Heiratsversprechen von August abgesichert gefühlt.
Als Anna Constantia von Brockdorff geboren ist sie im Februar 1706 vom Kaiser als Anna Constantia von Cosel in den Reichsgrafenstand erhoben worden. Der Weg zur Macht an der Seite von August dem Starken schien bereitet.
Nicht jeder am Hof von Sachsen mochte sie, auch wenn ihre Schönheit fast jedem Mann den Kopf verdrehte. Sie hatte sich immer schon als Königin gefühlt und auch so gehandelt. Sie wollte es nie wahrhaben, dass ihr Umfeld sie doch nur als Mätresse des Königs sah. Vielleicht hätte sie sich auch nicht so aktiv in die Politik ihres Königs einmischen und sich dafür mit bestimmten Ministern besser stellen sollen, auch wenn sie deren Ausführung der Amtsgeschäfte für sehr miserabel hielt.
Vielleicht wäre die Liebe von August dann nicht so schnell verflogen. Und wahrscheinlich würde sie dann auch nicht in dieser Kutsche sitzen. Die Pferde haben es schwer nach oben zum Tor der Burg, die jetzt vor ihnen liegt. Sie hat von der Burg Stolpen gehört, auch wenn sie vorher noch nicht hier war. Zu ihrer Zeit gab es sehr viele
Schlösser und Burgen in Sachsen, die August dem Starken und seinem Hof für die unterschiedlichsten Anlässe und Zwecke zur Verfügung standen.
Cräfin Cosel sieht den Burghof im Nebel erscheinen und hört das sich schließende Burgtor. Sie weiß, dass sie diesen Ort nicht mag und nicht lange bleiben möchte. Aber sie ahnt noch nicht, dass sie die restlichen 49 Jahre ihres Lebens als Gefangene auf dieser Burg verbringen wird.
Jürgen Gobel