Abraham nach Schnorr von Carolsfeld
Die abrahamitische Religion ist der Vorläufer von Judentum, Christentum, Islam. Sie ist als selbständige Religionsepoche zu sehen. Sowohl das Judentum als auch eine Theologie des Alten Testaments interpretieren sie einseitig.BegriffAbraham war nicht der Stifter einer Religion. Die abrahamitische Religion ist von anderen Menschen begründet worden, die allerdings ihr Werk als von Gott gegeben bezeichnen. Bei ihnen handelt es sich um einen Personenkreis, der weitgehend anonym geblieben ist. Von biblischen Persönlichkeiten wie Ezechiel, Esra, Nehemia wissen wir, dass sie maßgeblich beteiligt waren. Außer ihnen hat es sich um führende Männer des Priesterstandes gehandelt.
Beginn/EndeDie abrahamitische Religion
- beginnt nach der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar im Jahr 587 v.Chr. und
- endet mit der Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70. n.Chr.
Ort der Entstehung
Der babylonische König Nebukadnezar vernichtete im Jahr 587 v.Chr. die Stadt Jerusalem und den Staat Juda. Ein Teil der überlebenden Bevölkerung wurde nach Babylon deportiert.
Unter den Nachfahren erhielten die begabten jungen Männer eine Schulausbildung in Babylon. Diese judäische Bildungselite hat im Schoß der mesopotamischen Multi-Kulti-Gesellschaft mit religiösem Synkretismus eine eigenständige Religion hervorgebracht. Das ist die abrahamitische Religion.
Die Zukunftsvision der abrahamitische Religion: Der Gottesstaat
Das Selbstverständnis der abrahamitischen Religion zielte von Anfang an auf ein Leben in einem Gottesstaat. Dieser sollte und wurde in Jerusalem realisiert
Gestalt des Abraham
Abraham ist eine Symbolfigur. Abraham begegnet uns in der Bibel als ein Wanderer aus Mesopotamien nach Kanaan. Das Fehlen zeitlicher Zuordnung charakterisiert Abraham als Symbolfigur und nicht als historische Person. Die Urväter der so genannten „zwölf Stämme Israels" waren von Geburt Babylonier. Hinter der Symbolfigur des Abraham verbirgt sich das Idealbild des Einwanderers aus Babylon nach Jerusalem.
Die Abkehr vom Polytheismus
Oberster Grundsatz der abrahamitischen Religion ist der Monotheismus. Diesen gab es vor der Zeit des Exils noch nicht. Der religiöse Alltag im vorexilischen Kanaan war die religiöse Vielfalt. Der Judäergott Jahwe war nur einer unter anderen Gottheiten, die verehrt wurden. Es wurden Naturgottheiten auf den Berghöhen verehrt. Die Verehrung des kanaanäischen Fruchtbarkeitsgottes Baal war weit verbreitet. Auch dessen Gattin Aschera hatte ihre Anhänger. In Jerusalem gab es ein Heiligtum für den Götzen Moloch und einen Altar für Astarte. Die religiöse Vielfalt reichte selbst bis in den Jerusalemer Tempel hinein.
In der abrahamitischen Religion gilt strenger Monotheismus.
Literarische Überlieferung
Die Bibel ist ein literarisches Werk. Die Zusammenstellung von Altem und Neuem Testament als „Bibel" ist die Interpretation des Christentums. Das spezifisch Christliche soll als das „Neue Testament" hervorgehoben werden. Um eine Zeitenwende mit Jesus Christus zu beginnen, wurde das Vorherige als das „Alte Testament" bezeichnet. Die jüdische Religion kennt diesen Begriff nicht. Sie nennt das Alte Testament „Tanach". Damit sprechen beide Interpretationen der abrahamitischen Religion ihre Eigenständigkeit ab.
- „Historische" Quellen: Die Bücher Esra und Nehemia, Ezechiel, Haggai, Sacharja, Maleachi. Nehemia, ein hoher Beamter am persischen Königshof, reist um 444 v.Chr. nach Jerusalem. Esra verliest die Lebensordnung und gründet damit den Gottesstaat in der „Gottesstadt" Jerusalem. Das Buch Ezechiel gleicht einer Art Verfassung.
- „Mythische" Quellen: In den als „Geschichtsbücher" bezeichneten Schriften des Alten Testaments stehen die literarischen Bearbeitungen früherer mündlicher Überlieferungen, die auf die abrahamitische Religion hin umgebrochen werden.
Mythologie
Herausragendes Kennzeichen der abrahamitischen Religion ist sein Geschichtsbild, seine spezifische Theologie. Das Wort „Theologie" stammt von Plato. Es ist für diesen griechischen Philosophen mit „Mythologie" identisch. Der Mythos ist die Göttervorstellung, das aus der Vorzeit Überlieferte, das weder angetastet noch hinterfragt werden darf. Der Mythos der abrahamitischen Theologie ist ein literarisch komponierter Geschichtsablauf. Die abrahamitische Theologie hat alte, vorexilische Erzählungen zu einem Geschichtsablauf komponiert mit der Aussage, der Glaube an Jahwe sei von jeher die einzig wahre Religion gewesen. Dieser mythologische Geschichtsablauf ist theologisch komponiert und entspricht nicht dem historisch fassbaren Geschichtsablauf, den die Geschichtswissenschaft erforscht.
Die Engelsvorstellung
Die Engelsvorstellung der abrahamitischen Religion ist eine Übernahme aus der Religionswelt Mesopotamiens. Eine engeldurchflutete Umwelt war der religiöse Zeitgeist, dem der Glaube der Judäer in Babylon ausgesetzt war. Im Mazdaismus, einer monotheistischen Religion, wirkt Ahura Mazda durch sieben Erzengel. In Babylon beginnt sich die Glaubenswelt des Jahwekultes in den Kategorien einer Engelsvorstellung dieses Kulturkreises auszudrücken. Wir finden sie ausgeprägt bei Ezechiel. Die Engel lösen die Propheten als frühere Sprecher des Wortes Gottes ab. Die mesopotamischen Cheruben schmücken als vergoldetes Symbol die „Lade", einen Holzkasten mit den 10 Geboten. Beides wird in das Allerheiligste des Jerusalemer Tempels übernommen.
Der Tempel
Der Tempel in Jerusalem ist der kultische Mittelpunkt der abrahamitischen Religion. Der Tempel ist der Wohnort des Gottes Jahwe. Ein besonderes Kennzeichen ist das „Bilderverbot", das es untersagt, Gott bildlich darzustellen. König Salomo gilt als erster Erbauer eines Jerusalemer Tempels. Deshalb wurde seine Gestalt mythologisch ausgeschmückt.
Die Dynastie David-Salomo
David gilt als gesalbter König, der das Volk Gottes geeint hat. Die Gestalt des Messias (="Gesalbter") wird mythologisch überhöht. Auf seine Wiederkehr wartet das spätere Judentum am Ende der Welt. Das Christentum glaubt an sein Kommen in Jesus von Nazareth.
Das Volk Gottes
Ein Kennzeichen der abrahamitischen Religion ist der Anspruch, dass das Volk Gottes ein besonderes unter den anderen Völkern ist, ein „auserwähltes" Volk. Das ist ein Konstrukt der abrahamitischen Theologie. Vor dem Exil gab es den Gedanken eines einheitlichen Volkes schon deshalb nicht, weil das spätere Gottesvolk in zwei Staaten lebte. Das Prädikat der Auserwählung führt zwangsläufig zu einer Abwertung der Nicht-Gläubigen.
Die Gesetzgebung
Die abrahamitische Religion ist eine Gesetzesreligion und als solche Grundlage für den Staat. Die Symbolfigur eines Moses ist mit der Gesetzesgebung verbunden. Grundlage der Religion ist der Anspruch, dass die gültigen Gesetze nicht von Menschen gemacht sind, sondern von Gott gegeben sind. Der Ausdruck „Offenbarung" soll die Herkunft schützen.
König Herodes
Herodes der Große steht am Ende des Zeitabschnitts der abrahamitischen Religion. Zu seinen großen Bauleistungen gehört der Neubau des Jerusalemer Tempels. Den bis dahin wohl eher bescheidenen Vorgängerbau hat er niedergelegt und nach umfangreichen Planierungen einen neuen und größeren Tempel errichtet. Die Einweihung fand Jahr 10 v. Chr. statt. Er war der größte Tempel aller Zeiten in Jerusalem. Man muss ihn als baulichen Höhepunkt der zu Ende gehenden abrahamitischen Religion einstufen. Das heutige Judentum verehrt die letzten erhaltenen Grundmauern dieses herodianischen Tempels als Heiligtum. Diese "Klagemauer" steht symbolisch für den Salomonischen Tempel.
Im Unterschied zu seiner Leistung steht der schlechte Ruf des Königs Herodes. Der stammt aus dem Urchristentum. Mit der Story vom "Kindermord in Bethlehem" des Evangelisten Matthäus hat man Herodes den Stempel des blutrünstigen Herrschers aufgedrückt. Die Zeitepoche der abrahamitischen Religion nähert sich ihrem Ende. Das geschah mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels wenige Jahrzehnte später.
Ausführlichere Darstellung der abrahamitischen Religion in: Jochen Rabast, Umbruch der Religion. Von der abrahamitischen Religion zu Judentum, Christentum, Islam,
BoD 2010
ISBN 9783839136829
Dr.Jochen Rabast