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Dichtung und Realität der abrahamitischen Religion

Autor: Rabast | Erstellt am: 11.12.2009 | Gelesen: 1751
Kategorie: Kunst - Kultur & Religion | Bewertung: rateArateArateArateArateB
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(Online-Artikel.de) - Das Alte Testament ist kein Geschichtsbuch, sondern ein Geschichtenbuch

Die drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam bezeichnet man als Nachfolger der abrahamitischen Religion. Wann ist diese entstanden? Wer hat sie geschaffen? Was hat es mit Abraham auf sich? Was war die Vision der abrahamitischen Religion? Die Nachfolgereligionen betrachten ihren Vorgänger sehr unterschiedlich. Sie waren schon immer uneins, wer das Erbe am besten bewahrt. Vom Judentum wird die abrahamitischen Religion als Frühzeit ihrer Geschichte betrachtet. Das Christentum interpretiert die abrahamitische Religion als Vorläufer des Neuen Testaments; erst in Jesus Christus erfüllt sich das Alte Testament. Damit sprechen beide Interpretationen der Eigenständigkeit der abrahamitischen Religion ihre Bedeutung ab.

Begriffsklärung

Abraham war nicht der Stifter einer Religion, wie etwa Muhammed der Gründer des Islam war, oder es ohne Jesus Christus kein Christentum gäbe. Die abrahamitische Religion ist von Menschen begründet worden, die allerdings ihr Werk als von Gott gegeben bezeichnen. Bei ihnen handelt es sich um einen Personenkreis, der weitgehend anonym geblieben ist. Von biblischen Persönlichkeiten wie Ezechiel, Esra, Nehemia können wir annehmen, dass sie maßgeblich beteiligt waren. Außer ihnen wird es sich um führende Männer des Priesterstandes gehandelt haben. Auch hat es sich bei der Herausbildung der abrahamitischen Religion um einen länger andauernden Formungsprozess gehandelt.

Da Abraham kein Religionsstifter war, können wir nicht von der Religion Abrahams sprechen. Die abrahamitische Religion gründet sich auf Abraham als den symbolischen Urvater.

Wer war Abraham?

Abraham ist eine Symbolfigur. Abraham begegnet uns in der Bibel als ein Wanderer aus Mesopotamien nach Kanaan. Derartige wandernde Aramäer, die mit ihrer Familie und ihrer Herde auf der Suche nach Weideplätzen unterwegs waren, gab es unzählige. Der biblische Abraham gilt als von Gott auserwählt, und ihm wird das Land für das spätere Volk Gottes versprochen. Bemerkenswerter Weise macht das Alte Testament keine Angabe, welcher Zeit Abraham zuzuordnen ist. Es fehlt die übliche Zeitangabe für Lebensdaten, wie etwa „es geschah im Jahr so und so der Regierung des Königs x im Land y". Das Fehlen zeitlicher Zuordnung charakterisiert Abraham als Symbolfigur und nicht als historische Person.

Welche geografische Einbindung Abrahams bietet die Bibel? Die enge Verbindung zwischen den Ländern Juda und Mesopotamien fällt auf. Der Urahn des Gottesvolkes, Abraham, sucht für seinen Sohn Isaak eine Frau. Er beauftragt mit der Brautschau seinen Verwalter, und nimmt ihm den heiligen Schwur ab: Versprich mir beim Herrn, dem Gott des Himmels und der Erde, dass du für meinen Sohn Isaak keine Frau auswählst, die hier aus dem Land Kanaan stammt. Gib mir dein Wort, dass du in meine Heimat gehst und ihm eine Frau aus meiner Verwandtschaft suchst. Der Brautwerber zieht nach Mesopotamien und findet Rebekka, die bereit ist, mit nach Juda zu ziehen. In der nächsten Generation wiederholt sich das gleiche.

Isaaks Sohn Jakob holt sich seine Frau aus Mesopotamien, genauer gesagt deren zwei. Durch einen Hochzeitstrick werden ihm gleich zwei Ehefrauen angetraut. Die Bibel berichtet: Laban hatte zwei Töchter, die ältere hieß Lea, die jüngere Rahel. Lea hatte glanzlose Augen, Rahel aber war ausnehmend schön. Jakob liebte Rahel und so sagte er: Gib mir Rahel, deine jüngere Tochter, zur Frau. Ich will dafür sieben Jahre bei dir arbeiten. Nach Ablauf der sieben Arbeitsjahre wendet der Schwiegervater einen Trick an. In der Hochzeitsnacht legt er die ältere Tochter Lea ins Ehebett, und Jakob vollzieht mit ihr die Ehe. Der Schwindel flog auf und hatte zur Folge, das der willige Jakob noch einmal sieben Jahre für die andere Tochter bei seinem Schwiegervater arbeitete. Schlafen durfte Jakob nun mit beiden Frauen und auch deren Mägden. Offenbar Zufriedenheit überall. Der Schwiegervater hatte beide Töchter verheiratet, und die Jugend war auf ihre Weise glücklich. Im Folgenden erblickten insgesamt zwölf Söhne von den vier Frauen das Licht der Welt. Das geschah alles in Mesopotamien, nicht etwa in Kanaan. Die Urväter der sogenannten zwölf Stämme Israels waren von Geburt Babylonier.

Hinter dieser Symbolfigur des Abraham verbirgt sich das Idealbild des Einwanderers aus Babylon nach Jerusalem.

Der Entstehungsort der abrahamitischen Religion

Der babylonische König Nebukadnezar vernichtete im Jahr 587 v.Chr. die Stadt Jerusalem und den Staat Juda. Ein Teil der überlebenden Bevölkerung wurde nach Babylon deportiert.

Unter den Nachfahren erhielten die begabten jungen Männer eine Schulausbildung in Babylon. Diese judäische Bildungselite hat im Schoß der mesopotamischen Mult-Kulti-Gesellschaft mit religiösem Synkretismus eine eigenständige Religion hervorgebracht. Das ist die abrahamitische Religion.

Älteres Überlieferungsmaterial, das mündlich tradiert worden ist, wird literarisch bearbeitet. Es ist der Grundstock für den Tanach (so die Bezeichnung durch das spätere Judentum); das Christentum spricht vom „Alten Testament" für die gleiche Zusammenstellung von Schriften. Vom Standpunkt der babylonischen Entstehungszeit aus blickt man zurück, um vergangene Erzählungen der abrahamitischen Religion dienstbar zu machen. Daher sind die vor-abrahamitischen Geschichten des Alten Testaments von Legenden umrankt. Sie wollen nicht Historie sein, sondern der Religionsaussage dienen: Es handelt sich um den einen und gleichen Gott von Urzeiten an.

Einige Grundpfeiler der abrahamitischen Religion

Als oberster Grundsatz gilt strenger Monotheismus. Das ist neu. Vor der Zeit des Exils gab es religiöse Vielfalt in Palästina. Neben Judas Hauptgott Jahwe gab es auf den Berghöhen Kultheiligtümer für Naturgottheiten. Die Verehrung von Fruchtbarkeitsgöttern war verbreitet; die Phönizier verehrten Astarte als Fruchtbarkeitsgöttin. In Jerusalem gab es ein Heiligtum für den Götzen Moloch und einen Altar der Astarte, im Osten von Jerusalem ein Heiligtum für den moabitischen Gott Kemosch. Die religiöse Liberalität und Vielfalt reichte selbst bis in den Jerusalemer Tempel! Hier wurde der kanaanäische Fruchtbarkeitskult des Baal und seiner Gattin Aschera gepflegt, sowie Sternengottheiten verehrt. Das 2. Buch der Könige berichtet im Kapitel 23 ausführlich über die religiöse Vielfalt in der Zeit vor dem babylonischen Exil.

Ein weiteres Kennzeichen der abrahamitische Religion ist ihre Zukunftsvision. Sie zielt von Anfang an auf ein Leben in einem Gottesstaat. Dieser sollte und wurde in Jerusalem realisiert. Die Familiendynastie eines Abraham mit seinem Sohn Isaak und dem Enkel Jakob stammte aus Mesopotamien. Abraham wurde zum Vorreiter einer Landnahme nach dem Exil. In der erst hier in Babylon niedergeschriebenen Überlieferung wird die Symbolfigur des Abraham in sehr alte Zeit rückdatiert. Patina hohen Alters soll Autorität vorgeben, Echtheit verbürgen. Es soll den Anschein haben, als reiche Gottes Versprechen für ein eigenes Land sehr weit zurück. Diese Legitimierung beansprucht die Religion Abrahams, wenn in einer zu dem damaligen Zeitpunkt noch nicht absehbarer Zukunft das Land Kanaan besiedelt werden soll.

Unvorhergesehen standen die Sterne der großen Weltpolitik günstig für die neue Religion. Der Perserkönig Kyros hatte das babylonische Reich besiegt. Mit seinem Einmarsch in Babylon im Jahre 539 v.Chr. sprengte er die Fesseln der judäischen Gefangenen. Jetzt nehmen ihre religiösen Ideen freien Lauf. Das Ziel heißt Jerusalem, und Abraham wird zur Symbolfigur für den Exodus aus der Gefangenschaft. Die Inbesitznahme des heiligen Landes ist ihm von seinem Gott Jahwe zugesagt worden. Frühere Generationen mussten noch an die Drohungen von Propheten glauben. Die Vorstellung von Engeln als Träger göttlichen Wortes lösen die Propheten der Vorexilszeit im Umfeld der zoroastrischen Religion ab.1

Ein weiteres Kennzeichen der abrahamitischen Religion ist der Anspruch, dass das Volk Gottes ein besonderes unter den anderen Völkern ist, ein „auserwähltes" Volk. Das ist ein Konstrukt der abrahamitischen Theologie. Vor dem Exil gab es den Gedanken eines einheitlichen Volkes schon deshalb nicht, weil das spätere Gottesvolk in zwei Staaten lebte. Das erklärt dann auch den besonderen Ruhm, der einem König David posthum angedichtet wurde, indem er die beiden Staaten, Israel im Norden und Juda im Süden Palästinas, wohl für kürzere oder längere Zeit unter einem Königtum vereint hatte.

Die Behauptung, ein auserwähltes Volk zu sein, führt zwangsläufig zu einer Abwertung von Angehörigen anderer Völker. So verwundert es nicht, wenn die Nachbarn des Gottesstaates in der Bibel z.T. übel diffamiert werden.

Die abrahamitische Religion schaut aus dem Blickwinkel des babylonischen Exils nach vorn. Ihr Ziel ist der Gottesstaat, in dem Gottes Volk in Gottes Land leben soll. Aber der Blick geht auch zurück. Tradierte Erzählungen werden dichterisch so geformt, als wären sie frühere Religionsgeschichte. Dieses Geschichtsbild ist mythologisch. Man schaut zurück bis zu einem Anfang der Welt. Solche Gedanken waren in Babylon lebendig. Die Erschaffung der Welt – das ist ein Werk unseres Gottes. Ihr Gott wusste auch, wie er mit unfolgsamen Menschen (Sündern) umzugehen hat. Durch eine große Flut (Sintflut) hat er alle Abtrünnigen hinweggeschwemmt. Das Drohpotential für die Abkehr von Gott kann kaum größer sein.

Weiterhin stellt eine umfangreiche Dichtung die Befreiung des Gottesvolkes aus der Unterdrückung im Land Ägypten dar. Nur mit Gottes Hilfe kann man der Gefangenschaft entkommen und das gelobte Land erreichen. Historisch betrachtet hat es den Auszug eines Millionenvolkes (2.Mose 12,37: 600.000 Männer plus zahlenmäßig nicht erfasste Familienangehörige) durch die Wüste Sinai nie gegeben. Richtig ist hingegen, dass sich zu allen Zeiten Menschen aus Palästina ihren Lebensunterhalt als „Gastarbeiter", Sklaven oder Kriegsgefangene in Ägypten verdient haben. An der dichterischen Gestaltung einer Vorgeschichte wird Relevantes für die noch in Mesopotamien lebenden Nachfahren der Judäer dargestellt. Ist Mesopotamien gemeint, was nach Ägypten projiziert wurde?

Selbst die berühmte Königsdynastie eines David ist uns nur in ihrer mythologischen Ausprägung überliefert. David gilt als der überragende König, der die beiden Staaten Israel und Juda vereint hat. Gewaltig überhöht ist die Fama, die seinem Sohn Salomo literarisch widerfährt. Seine Lust an Frauen und sein Reichtum wären auch heute noch Lesestoff für Magazine. Sein Reichtum und seine prächtige Hofhaltung werden im ersten Königsbuch Kapitel 10ff, sowie Chronik 2, Kapitel 9 ff. beschrieben. Dort lesen wir: Salomo verdiente in einem Jahr 666 Zentner Gold und übertraf „alle anderen Könige der Erde an Reichtum und Klugheit". Die große Halle seines Palastes hatte Salomo mit 200 goldüberzogenen Langschilden geschmückt, für jedes Einzelstück wurden sieben Kilo Gold gebraucht. Gestaunt hat auch die legendäre arabische Königin von Saba, die eingesteht, es war nicht übertrieben, was ich im fernen Land über Salomos Hofhaltung gehört habe. Da kann sie mithalten. Sie schenkt ihm 85 Zentner Gold, viele Edelsteine und so kostbares Öl, wie es nie wieder nach Jerusalem gelangt ist. Der König der Superlative lebt nicht nur in der Bibel fort, sondern auch im orientalischen Volksglauben als Sulaiman, Soliman, Süleyman, der als erster König Allah dient.



Schlussfolgerung

Betrachtet man die Konsequenzen, die sich aus der Neuschöpfung der abrahamitischen Religion ergeben, so erscheint die biblische Geschichte in einem anderen Licht als sie vorgibt. Mit religiösem Eifer schaut sie nach vorn und plant ein Leben in einem Gottesstaat. Doch sie schaut auch zurück. Der Geschichtsverlauf, den ein Historiker erforscht ist ein anderer, als der, den der biblische Mythos erzählt. Gewährt man der abrahamitischen Religion ihren historischen Platz, dann ist der Verlauf der vorexilischen Geschichte ein anderer gewesen. Die Zeitabschnitte vor dem babylonischen Exil sind mythologisch verformt. Nicht mit Adam und Eva, sondern mit Abraham hat die Bibel angefangen.

Dr.Jochen Rabast

1 Jochen Rabast, Engel im Gepäck. Spuren zum Alten Testament , 90 S., ISBN 978-3-8372-0562-6 , Frankfurter Verlasgrguppe, Preis 10,80 €
 
 
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