An alle Gutmenschen, Konservativen, Neoliberalen: die Welt ist nicht so schlecht wie wir – die Kulturpessimisten, Aktivisten, Soziologen, Sozialpsychologen, Marxisten, Adorniten, Linksradikalen, Linksextremen, Ökologen, Klimaforscher – immer gesagt haben; sie ist noch schlimmer. Viel schlimmer. Spätestens der Wikileaksskandal um Diplomatendepeschen des US-Außenministeriums und die Festnahme Julien Assanges sollten dies auch dem allerletzten Bildzeitungsleser klar gemacht haben. Für alle, die es trotz Medienbombardements verpasst haben sollten: amerikanische Pharmakonzerne experimentieren mit Meningitisviren an afrikanischen Kindern, teils mit tödlichem Ausgang; der Ölkonzern Shell unterwandert die nigerianische Regierung und beutet das von Bürgerkrieg zerfressene Land aus; Aktionäre schlachten zum Nachteil der Kunden Banken aus, die vor dem Konkurs stehen; amerikanische Soldaten massakrieren aus Kampfhubschraubern irakische Zivilisten und haben große Freude dabei – all das ist Realität. Keine Abnormitäten einer ansonsten gesunden Gesellschaft, sondern menschliches Alltagsgeschäft. Woche um Woche, Jahr um Jahr.
Selbstverständlich werden die ohnmächtigen und weitestgehend unorganisierten Internetanschläge vereinzelter Netzaktivisten keinen Unterschied machen. Sie sind vielmehr Symptome einer Verzweiflung, die sich seit der Weltwirtschaftskrise in alle Gesellschaftsschichten hineingefressen hat. Es ist die simple Erkenntnis, dass Demokratie in einer von wirtschaftlichen Interessen durchstrukturierten Gesellschaft einen nur noch geringfügigen Teil zum Mitgestaltungsprozess der Umstände, in denen wir leben, beiträgt. Die unendlichen Möglichkeiten, die in den 90er Jahren dem Internet prophezeit wurden, sind längst einer vorsehbaren Realität gewichen: die Privatwirtschaft hat den Raum des Internets erobert und steuert die Interessen und Bedürfnisse der User dort, wie sie es außerhalb des Internets tut.
Die harmlosen Internetdemonstrationen, das Lahmlegen von Visa- und Mastercardseiten, der Aufruf zum Boykott von Paypal und Amazon sind Hilfeschreie einer jungen Generation, die genau weiß, dass der letzte Funken Freiheit des Internets – nämlich Information für Alle zu jeder Zeit – auf dem Spiel steht. Ein Kampf, der verloren ist, bevor er gefochten werden kann.
Es wird an der Zeit, das Problem wieder beim Namen zu nennen: in kapitalistischen Strukturen neoliberaler Ausprägung wird jede Form des Protests kulturalisiert, d.h. die gesellschaftlichen Strukturen adaptieren, was zu ihrer Modernisierung und Perpetuierung von Nutzen ist und destabilisieren damit das Potential von Protestbewegungen, die Gesellschaft als Ganze zu transformieren. Ein anschauliches Beispiel ist der Feminismus, der es unter mühsamen Anstrengungen und im Zuge gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Wandlungen geschafft hat, eine gesellschaftliche Ausgangslage zu schaffen, mithilfe derer Frauen in vielen Ländern des Westens zumindest potentiell die Möglichkeit haben, beruflich ebenso erfolgreich zu sein wie Männer (was nichts daran ändert, dass sie weltweit noch immer schlechter bezahlt werden als Männer). Das Phänomen, das erfolgreich unter der Marke „Popfeminismus" vermarktet wird, lässt sich jedoch auch anders deuten: Turbokapitalismus heutiger Prägung kann sich keine Familien leisten, in der es nur noch einen Ernährer gibt, um profitabel zu sein. Nicht umsonst erlebt der Westen Kinderarmut und ein Zusammenbrechen klassischer Familieideale, was beispielsweise in ganz Europa Ängste schürt und Konservativen wie Rechtsextremen in ihrem Ruf nach urtümlichen Werten zuspielt.
Um das an dieser Stelle unmissverständlich durch eine Dystopie zu verdeutlichen: wenn Frauen die Möglichkeit hätten, ihre neunmonatige Schwangerschaft – die auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt noch immer als das weibliche Defizit schlechthin gilt – zu vermeiden, indem Kinder künftig im Labor gezeugt würden – sie würden es tun. Denn die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir zurzeit leben, hat auf Dauer weder Platz für Kinder noch für deren Erziehung.
Wir leben in Zeiten, in denen das Individuum weder die Zeit noch die Kraft besitzt, sich gegen abstrakte globalisierte Strukturen zur Wehr zu setzen, die viel mächtiger und gewalttätiger sind, als er/sie/es jemals sein könnte.