Wahnsinn! Was war das für ein nervenaufreibender UEFA-Pokal-Thriller? In allerletzter Sekunde hat Bundesliga-Spitzenreiter Bayern München das Halbfinale des UEFA Cups erreicht und damit die größte Blamage gerade noch verhindern können.Das Spiel begann mit einem Paukenschlag. In der 1. Spielminute hatte Franck Ribery bereits die Führung auf dem Fuß, scheiterte jedoch kläglich. Was dann geschah sollte das ganze Spiel beeinflussen. Nach einem langen Pass versucht sich Miroslav Klose durch die Abwehr des FC Getafe zu tanken. Er wird dabei leicht von de la Red gezogen. Der Schiri zückt eine Karte – das ganze Stadion glaubt an gelb, doch nein, er zeiht ROT! Eine viel zu harte Entscheidung, denn de la Red war nicht letzter Mann und eine klare Torchance hat er auch nicht vereitelt. Da war er, der Bayerndusel. Jetzt sollte es dem Rekordmeister doch ein leichtes sein, das 1:1 aus dem Hinspiel auszubügeln und mit einem deutlichen Sieg ins Halbfinale einzuziehen. Doch weit gefehlt. Was dann geschah ist schiere Willenskraft und der unbändige Kampfgeist einer Mannschaft, die absolut nichts mehr zu verlieren hat.
Bayern verwirrt vom Kampfgeist
Der FC Getafe wuchs über sich hinaus. Mit nur neun Feldspielern kämpften und grätschten sie um jeden Ball und wurden dabei frenetisch von den 16.000 Zuschauern angefeuert.
Was war denn plötzlich mit den Bayern los? Anstatt die zahlenmäßige Überlegenheit auszunutzen und den Gegner unter Druck zu setzen, wirkten die Münchner wie gelähmt. Aus dem Mittelfeld kamen keinerlei Ideen und die Abwehr spielte, wie ein Hühnerhaufen und hatte Glück, das die Spanier die Chancen, die sich ihnen boten nicht ausnutzen konnten.
Ist Hitzfeld noch der Richtige und kann er das Team noch motivieren? Diese Frage kam beim betrachten der völlig harmlosen Bayern-Spieler mehrfach auf. Es schien als ergebe man sich in sein Schicksal. Doch dann nahm sich Franck Ribery ein Herz. Aus dem Gewühl heraus schob er den Ball irgendwie ins Tor und sorgte für die Verlängerung.
Noch einmal alle Kräfte mobilisieren. Wie lange reicht die Kraft des FC Getafe? Jetzt muss Bayern doch endlich aufwachen. Das dachten zumindest die Experten, doch es sollte ganz anders kommen.
Totgeglaubte leben länger
Der FC Getafe kam wie ein ICE aus der Kabine und schockte die Bayern mit einem Doppelpack. In der 91. Minute ist Casquero zur Stelle und hat das nötige Glück, als der Ball vom Innenpfosten ins Tor springt. Nur zwei Minuten später sorgt Braulio für die vermeintliche Vorentscheidung. Das war es. Das Spiel schien verloren und selbst die eingefleischtesten Bayern-Fans glaubten nicht mehr an ein Wunder. Zu stark der schien der Kampfgeist der Spanier und viel zu planlos die Angriffsbemühungen der Münchner.
Der Anschlusstreffer von Luca Toni in der 115. Minute, begünstigt durch einen haarsträubenden Torwartfehler von Abbondanzieri sieht nur wie Ergebniskosmetik aus. Niemand rechnet hier mit den Münchnern. Doch dann schlägt das Schicksal eiskalt zu in Form von Luca Toni. Der Italiener steigt immer höher und drückt einen Freistoß von Sosa am entsetzten Keeper vorbei ins Tor. Wahnsinn! Was für ein Dusel! Oliver Kahn, dem Torwart-Titan, der ähnliches erlebte (Champions League Finale 1999 in Barcelona) kommen die Tränen. Sekunden Später pfeift der Schiedsrichter die Partie ab – die Bayern sind im Halbfinale, dank der Auswärtstorregel.
Fußballgott ein Bayern-Fan?
War das ein Spiel. Wie konnte der schon geschlagen geglaubte FC Bayern noch einmal zurückschlagen? Ist es der berühmte Bayerndusel oder woran lag es?
Es kamen viele Faktoren zusammen. Der FC Getafe musste 115 lange Minuten in Unterzahl spielen und irgendwann werden die Beine einfach immer schwerer. Der Kopf will kämpfen, aber die Füße können einfach nicht mehr. Alles schmerzt und jeder Muskel fängt an zu verkrampfen. Auch die Konzentration lässt nach. Das musste gerade Abbondanzieri bemerken, als er einen einfachen Ball nicht halten konnte und Luca Toni nur einschieben brauchte. Das die Bayern danach in 5 Minuten noch soviel Druck aufbauten und das Tor erzwangen, spricht für die Moral der Mannschaft. Aber man sollte nicht alles überbewerten. Am Ende war es, wie immer in großen Spielen. Freude und Trauer liegen nah beisammen. Während die Spanier völlig entkräftet und bitter enttäuscht über das Ausscheiden waren, konnten die Bayern feiern. Der Traum vom Gewinn des Triple kann also weitergehen. Wer weiß, was das Schicksal noch für die Münchner bereithält und vielleicht gelingt es ja, mit Hilfe des Bayerndusels endlich einmal drei Titel in einer Saison an die Säbener Straße zu holen. Das würde nicht nur Oliver Kahn Tränen in die Augen treiben.
Autor: Sebastian Bork