Der Tag des geteilten Sieges – festgehalten in Swarovski Strass
Urlaubsfahrten sind so lange schön bis die ersten Dissonanzen zwischen den Passieren auftreten und die Harmonie erste Risse bekommt. Es sind häufig die gleichen Dinge, die zum Disput führen: soll das Fenster auf oder zu sein, kann das Radio nicht mal ein bisschen leiser gedreht werden und Himmel noch mal, fahr doch nicht immer so dicht auf. Uneinigkeit ist ein absoluter Stimmungskiller, was behandelt werden sollte, wie ein blinder Passagier zu Kaisers Zeiten – ab über Bord damit.
Mein Notfallhandbuch für den kleinen Urlauber schlägt bei der ersten leichten Unstimmigkeit in Autos folgendes vor: Wenn alle Argumente vorgebracht wurden und sich im Meinungsstreit weder eine Beilegung noch eine Annäherung zwischen den Konfliktparteien ergeben hat, dann muss eben das Glück entscheiden. Fortuna mag zwar gemeinhin als launische und chronisch untreue Diva bezeichnet werden, aber den Vorwurf ein parteiisches Miststück zu sein, musste sie sich noch nie gefallen lassen.
Soweit die Theorie. Gefühlt würde ich mit Nachdruck das Gegenteil behaupten. Ich würde sagen, dass Fortuna zwar ab und zu freudestrahlend auf mich zugekommen ist, sie dann aber immer plötzlich stehen blieb und immer nur von weitem gegrinst hat, und zwar schelmisch, hämisch, mit eingebautem Achselzucken, als würde sie sagen wollen, vielleicht das nächste Mal, Julia. Von wegen unparteiisch. Die hat mich noch nie gemocht, mag mich jetzt nicht und wird mich nie mögen, dumme Gans die. Dies als Urteil der Emotion.
Die Ratio würde dann doch moderatere Töne anschlagen und würde als Zeugin der Verteidigung empirische Beweise vorlegen, die Fortuna eindeutig entlasten. Aber mal ganz ehrlich, von der Parteinahme freigesprochen, gibt Fortuna einer Seite trotzdem alles und hinterlässt auf der anderen Seite nichts als Enttäuschung und Missgunst ob der strahlenden Siegerin, die vom Glück geküsst wurde. Und in diesem Fall geht es um keine geringen als um Jacqueline und mich. Um zwei impulsive, störrische und gegen jedes wohlwollende Argument, resistente Zicken, die sich fragen, ob sie wegen der Bullenhitze den geplanten Zwischenstopp, auf der Autoreise nach Wien, in einer Uhrenmanufaktur in Glashütte nun machen sollen, oder die Pause doch lieber in einem kleinen Eiskaffee verbringen sollen.
Eine Münze muss her. Kopf oder Zahl. Möge Fortuna ein Auge auf mich werfen und mir endlich meinen ersehnten Eiskaffee ermöglichen. Ein Wurf und die Münze vollzieht schimmernd ihre Umdrehungen, fällt dann zu Boden und – was ist das jetzt? – bleibt auf der Kante stehen! Verdutzt und ein wenig verwirrt schauen Jacqueline und ich uns an, und prusten dann lachend los. Keine Besichtigung sag ich, ätsch. Aber auch kein Eiskaffee, selber ätsch, antwortet Jacqueline. Ich darf nicht vergessen, heute Abend den Moment des Unentschiedens festzuhalten. Aber nicht in einem Tagebuch, sondern mit Swarovski Strasssteinen, als Schriftzug in meinem Auto. Julia 1 : Jacqueline 1. Diese Strasssteine findet man übrigens unter: www.gogoritas.com/3546_deu.html.
Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. In unserem Fall war dies die Mineralölindustrie, der wir unsere vom Munde abgesparten Euros für eine Tankfüllung Benzin in den gierigen Hals stopfen mussten. Verbrecherbande. Einen gemeinsamen Feind beschimpfend, konnten wir zumindest unseren kleinen Zwist aus der Welt schaffen und nutzten den aufkommenden Fahrtwind, um unsere Gemüter zu kühlen.