Etwas abseits von den bekannten Sehenswürdigkeiten Berlins, in einem Industriegelände, findet man ein Kleinod deutsch-russischer Geschichte : den Russisch-orthodoxen Friedhof Berlin mit seiner kleinen Kapelle. Hat man ein paar Meter einer grauen, belebten Straße passiert und ist man kurz abgebogen, wähnt man sich hier plötzlich in einer anderen Welt: zwischen alten Bäumen und Büschen findet man eine russisch aussehende Kirche mit Zwiebeltürmen und einem blauen Dach. Und in der Umgebung alte und neue Gräber, die mit kyrillischen Buchstaben markiert sind. Betritt man dann das Gelände, hat man einen Ort erreicht, der wie kaum ein anderer das gemeinsame Schicksal der Deutschen und Russen in den letzten 110 Jahren widerspiegelt.
1894 wurde der Friedhof für die kleine orthodoxe Gemeinde eingeweiht - damals noch weit vor der Stadt Berlin. Nach 1917 geriet er dann in den Brennpunkt des politischen Geschehens, denn Berlin wurde für die russische Emigration ungewollt zur "Stiefmutter der Russischen Städte". Der Friedhof weist nicht nur zahlreiche prominente russische Namen auf (Nabokow, Eisenstein, Rimskij-Korsakow...), sondern er weiß auch von schweren Schicksalen zu berichten, z.B. vom ehemaligen russischen Kriegsminister Suchomlinow, den man in Rußland für die Mißerfolge im 1. Weltkrieg verantwortlich machte, der 1918 aus Rußland fliehen konnte und dann in der Berliner Umgebung als Einsiedler lebte. Auch der Vater von Vladimir Nabokov, der 1922 in der Berliner Philharmonie bei einem Attentat ermordet wurde, ist hier begraben. Sein Tod war die Ursache für den langen Aufenthalt Vladimir Nabokovs in Berlin und seine Haßliebe zu en Deutschen. Schaut man auf die Gräber, kann man viel über die Widersprüche in der russischen Emigration erfahren : Liberale ruhen neben Konservativen, weltoffene Künstler neben bekannten Antisemiten, luxuriöse Gräber neben simplen Holzkreuzen. Eine besondere Bedeutung hat die militärische Sektion des Friedhofs : hier befindet sich ein Erinnerungskreuz für Russische Gefallene im 1. Weltkrieg - dieses Kreuz wurde relativ früh (1928) im ehemaligen "Feindesland" errichtet. In dieser Sektion sind Schriftsteller begraben, die im heutigen Rußland wieder sehr stark nachgefragt sind, von denen man aber nicht mal auf dem Friedhof weiß, dass sie hier begraben sind.
Sicherlich interessant ist auch der jüngste Abschnitt des Friedhofs, der doch Einiges über das aktuelle Leben des russischen Berlin vermuten läßt. Wer sich auf dem Gelände des Friedhofs nicht mit allzu vielen Details beschäftigen möchte, sollte einfach in die Atmosphäre eintauchen, um hier eine völlig andere Welt zu erleben.
Stefan Kniestedt