Der mysteriöse Swarovski Weihnachtsmann
Gestern Abend klingelte das Telefon, meine Schwester war dran. Als ich mich meldete sagte sie ohne Umschweife: „ Ich habe den Weihnachtsmann gefunden". Einen kurzen Moment war ich irritiert und dachte, meine Schwester hat eines der größten Geheimnisse der Menschheit gelüftet und nicht nur die Existenz des Weihnachtsmannes bestätigt, sondern auch noch herausgefunden wo er zu Hause ist. Ist ja der Hammer, dachte ich, Evi hat den Weihnachtsmann gefunden. Als Antwort kam von mir daher auch ein: „ Echt, wo wohnt er denn?" Glücklicherweise überhörte Evi den Ernst, den ich in die Frage legte. „Sehr witzig" erwiderte sie nur. Dann machte es bei mir Klick. Der Weihnachtsmann! Viel mehr erzählten wir uns gar nicht und als wir auflegten, brach sich die Erinnerung bahn. Die Erinnerung vom Weihnachtsmann und wie er eines Tages einfach verschwunden war.
Als Kinder hatten wir mit unserer Mutter immer viel gebastelt. Zu allerlei Anlässen und Feiertagen saßen wir gemeinsam in ihrem Arbeitszimmer. Sie erklärte uns wie wir kleben, falten schneiden und stecken sollten, damit wir eine schöne Dekoration erschufen. Unser Meisterstück war der besagte Weihnachtsmann. Ihn bastelten wir als ich neun oder zehn Jahre alt war. Er war etwa dreißig cm hoch und bestand aus eintausendvierhundertundzehn Swarovski Strasssteinen, die unsere Mutter, samt Myrtendraht zum Auffädeln, im Internetshop www.gogoritas.com, bestellt hatte. Seine Besonderheit lag darin, dass wir ihn dreidimensional bastelten. Er hatte also nicht nur eine platte Vorder- und Rückseite, sondern war kugelrund, wie der echte Weihnachtsmann. Als Clou setzten wir einige Lämpchen ins Innenleben des kristallenen Geschenkeverteilers.
Als wir fertig waren und die Lämpchen zum ersten Mal anschalteten geschah etwas Merkwürdiges. Wir hatten einen Stromausfall. Nicht das es da irgendeinen Zusammenhang geben könnte, denn der Weihnachtsmann war ja nicht an eine Steckdose angeschlossen, sonder lief über kleine externe Batterien. Aber trotzdem war es gespenstisch. Alles um uns herum war dunkel, die einzige Lichtquelle war der eben eingeschaltete Strassstein-Weihnachstmann.
Es war total bizarr, irgendwie so, als hätten wir ihn eben gerade zum Leben erweckt. Ich weiß noch, wie wir uns alle ungläubig anstarrten. Irgendwie haben wir in diesen Sekunden wohl alle damit gerechnet, dass er anfängt zu uns zu sprechen. Wir haben darauf gewartet, wie die Menschheit darauf wartet, dass Gott die Wolkendecke beiseite schiebt und sein mächtiges Haupt aus dem Himmel hängt. Erst wenn er leibhaftig vor einem erscheint, ist man sich seiner Existenz gewiss. Es hat auf jeden Fall nicht viel dazu gefehlt, dass wir den Weihnachtsmann gefragt hätten, ob wir ihm ein Taxi rufen sollen oder ob wir ihm lieber sein Rentiergespann samt Schlitten basteln sollen, damit er anfangen kann, sich um die Geschenkeverteilung zu kümmern. Einige Minuten vergingen, bis der Strom wieder von selber anging. Besondere Vorkommnisse gab es währenddessen nicht zu verzeichnen.
Der Weihnachtsmann fand für die nächsten Jahre seinen Platz – schwebend, samt Rentiergespann – neben dem Weihnachtsbaum. Jedes Jahr erzählten wir uns die Geschichte mit dem Stromausfall und sie wurde von Jahr zu Jahr fantastischer und unglaubwürdiger. So wie bei dem Spiel „Stille Post", wo das Ende nur noch geringfügige Ähnlichkeit mit dem Anfang aufweist. Meine Schwester behauptete einmal sogar, sie hätte den Weihnachtsmann mit den Augen zwinkern sehen. Kurios. Mir hat der Weihnachtsmann erzählt, ich solle ihm eine Weihnachtsfrau basteln, und genau das hole ich jetzt nach.