Rainer Sauer/Autor/Dozent
Diese Aussage ruft mit einiger Wahrscheinlichkeit so manch revoltierende Stimme in uns hervor, die diese These erbarmungslos als absurd oder unsinnig einstuft. Physikalische Gesetze und Paradigmen, welche unser derzeitiges Weltbild bestimmen, lassen sich mit Leichtigkeit als scheinbare „solide" Gegenargumente nutzen. Diese richten sich vor uns als starre Wand auf, die uns den Zugang in den
freien Raum verwährt und uns die
freie Sicht nimmt. Und schließlich „maßgebend" unsere Fähigkeit behindert, ein Weltbild zu schauen, dessen Stabilität nicht auf Starre sondern auf steter Veränderung beruht. Ein wesentlicher Aspekt dieses Weltbildes ist die Einheit, also das „Nichtexistieren" des Getrenntseins und setzt somit voraus, daß alles stets miteinander verbunden ist, daß alles gleichwertig ist, daß oben wie unten ist, daß der Augenblick und die Ewigkeit nur zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen sind, welche letztendlich doch nur ein und dasselbe sind und eben auch ein und dasselbe betrachten. Was darauf schließen läßt, daß für eine dualistische Sichtweise der Dinge, nämlich die Vorstellung, daß es ein Mittelpunkt gibt und eine Peripherie, welche ihm in Trennung gegenübersteht, in diesem Weltbild kein Platz vorgesehen ist. Daß diese Sichtweise nämlich nur in unserer irdischen Wahrnehmung Bestand hat, die sich auf Duali-tät, auf zweiseitiges, zwiespältiges, also auf getrennt voneinander Existierendes spezialisiert hat. Das heißt, unsere Wahrnehmung erlaubt uns, die Dinge getrennt voneinander zu erfahren, unser Bewußtsein aber, welches dasjenige ist, was wahrnimmt, ist fähig, auch einheitlich, also nicht dualistisch zu betrachten. Aus diesem einheitlichen Schauen heraus, mit „verbundenen Augen" quasi, ergibt sich dann auch die oben erwähnte Aussage: „Der Mittelpunkt des Universums ist überall", auch an dem Ort selbstverständlich, an dem ich mich gerade befinde. Der Mittelpunkt des Universums ist somit an jedem Ort in der
Unendlichkeit beheimatet. Mit anderen Worten, es existiert nur
ein Mittelpunkt, und dieser Mittelpunkt ist überall, so wie es nur
ein Hier und Jetzt gibt, welches in der Ewigkeit ruht.
Um uns dessen bewußt zu werden, können wir ein Mittel für uns nutzen, welches ich das ‚Ritual des Kreuzes' nenne. Dazu nehme ich eine meiner Hände und zeichne mit ihr in Schulterhöhe eine waagerechte Linie. Entweder beginne ich dabei auf der linken Seite und bewege sie zur rechten Seite hin oder umgekehrt, je nach dem, wie es sich stimmiger anfühlt. Dabei mache ich mir bewußt, daß meine Linie sich in die Unendlichkeit erstreckt, also aus der einen Richtung aus dem Unendlichen kommend in die jeweilig andere Richtung in die Unendlichkeit geht. Anschließend ziehe ich mit der selben Hand eine senkrechte Linie von oben nach unten, wiederum leitet mich die Unendlichkeit als „Längenmaß", und an der Schnittstelle der beiden Linien, an dem Punkt also, an dem sich beide kreuzen, bringe ich die Fingerspitzen beider Hände zusammen, so daß sich alle Finger einer Hand berühren bzw. aneinanderliegen und gleichzeitig mit den Fingerspitzen der jeweiligen anderen Hand in Kontakt kommen und somit alle auf diesen imaginären Mittelpunkt des Universums weisen. In der Bewußtheit, daß ich mich im unendlichen „luftleeren" Raum frei schwebend an diesem Mittelpunkt allen Seins befinde, berühre ich nun mit meinen beiden Händen diesen imaginären und gleichzeitig doch so realen Punkt der absoluten Mitte und verweile einen Moment. Nun bewege ich beide Hände in der von mir zuvor gezeichneten waagerechten Linie voneinander weg und löse langsam meine aneinanderliegenden Finger voneinander, und öffne somit die Hände, welche den Punkt zu einem runden Raum auseinanderziehen. Hier komme ich dann zu der Position meiner Hände, bei der es so aussieht, als ob ich einen großen Ball zwischen meinen Händen halten würde. Indem ich nun meine Arme in die äußerst mögliche, gerade und waagrechte Position bringe, verlasse ich die vorstellbare Form und öffne den Raum auch plastisch gesehen zur Unendlichkeit. Dabei visualisiere ich also, daß ich an diesem speziellen Punkt den leeren Raum öffne, ihn in die Unendlichkeit dehne oder ziehe, und ich mache mir gleichzeitig bewußt, daß in diesem unberührten Raum alles und nichts enthalten ist. Daß hier an diesem bisher unberührten Mittel Punkt des Seins, an diesem unangetasteten jungfräulichem Ort, alles und nichts geduldig auf sein Geborenwerden wartet, und während dieses Zeit Raumes, in dem ich mich gerade befinde, all das nur Erdenkliche somit immer wieder neu entstehen kann. Daß ich mich sozusagen mittels des Rituals erinnere, an jedem Ort, zu jeder Zeit eine Öffnung, einen Durchgang zur sprudelnden Urquelle von Schöpfung und kreativer Energie zur Verfügung zu haben. Mich erinnere, daß die Tür ins Hier und Jetzt, die Tür, die in die Ewigkeit führt und mich mit dem All Einen Verbindung erfahren läßt, immer und bedingungslos offen ist.
Auch passiert es mir während des Rituals häufig, daß ich mir der Vergänglichkeit in ihrer Absolutheit bewußt werde und eine sehr angenehme Losgelöstheit erhalte, weil ich die Unbegrenztheit des leeren Raumes, sein unentwegtes sich Füllen und sich Leeren, seinen stetigen Wandel ohne festhalten zu müssen, wahrnehme. Also die Stabilität, die Sicherheit, das Vertrauen in den Wandel erfahre. Das Erleben, daß es wirklich nur ein Hier und Jetzt gibt, daß also der Mittelpunkt des Universums überall ist, und dieser zwischen Moment und Ewigkeit besteht, also ein ewiger Anfang ohne Ende existiert, ist nicht wirklich zu beschreiben, aber ich kann versichern, es ist erfahrbar und als solches ein immer wiederkehrendes wundersames Ereignis.