Artikel-Recherche: Titel Beschreibung   Erweiterte Suche

Der japanische Imouto-Faktor

Autor: Handgeschrieben | Erstellt am: 14.03.2010 | Gelesen: 1058
Kategorie: Kunst - Kultur & Religion | Bewertung: rateArateArateArateBrateB
PDF Erstellen PDF Erstellen | Drucken Drucken | An Freund Senden Versenden

(Online-Artikel.de) - Der »kleine-Schwester-Faktor« ist in Akihabara, Tokyos Elektronik und Popkulturviertel, nur eine Ausprägung der Niedlichkeitskultur in Japan.

In Akihabara sind Maids auf Werbetour unterwegs
In Akihabara sind Maids auf Werbetour unterwegs
Fünf Wochen lang besuchten über einhundert deutsche Teilnehmer des interkulturellen Austauschprogramms »Hallo Japan 2009« die viertstärkste Wirtschaftsnation der Welt, um sich mit Studierenden und Schülern in Tokyo zu einer völkerverbindenden Jugendbegegnungswoche zu treffen. Darüber hinaus bestand das Programm der Deutsch-Japanischen Jugendgesellschaft e.V. aus drei Wochen Praktikum mit Gastfamilienaufenthalt in ganz Japan. Ein Student der Hochschule Furtwangen durfte mitfliegen.

Eine Stunde hatte ich gebucht, um das skurrile Schauspiel zu genießen. Mehrere blutjunge Maids in zuckersüßen, französischen Dienstmädchenkostümen wuseln zwischen den Besuchern herum. Kein Zweifel, ich befinde mich in einem Maidcafé im Stadtteil Akihabara, Tokyo. Während eine Neko-Maid mit Katzenohren gerade Karten mit einem Japaner spielt und dabei regelmäßig ein entzücktes Quietschen loslässt, serviert zu gleicher Zeit eine Gothic-Maid mit schwarzen Kniestrümpfen und im kurzen Mini das reisgefüllte Omelette, um es daraufhin mit Ketchup zu garnieren.

Was darf’s sein? Eine Blume? Ein Totoro? Ja, bitte. Schon entsteht unter fröhlichem Gezwitscher Japans berühmtestes Anime-Maskottchen auf meinem Essen. »Oishikunare, oishikunare, moé moé kyuuuuun!« Jedes Café hat seinen eigenen Spruch, um das Essen zu versüßen. Moé, das bedeutet inzwischen mehr als eine Videospiel- oder Mangafigur besonders niedlich zu finden. Eines der wenigen Wörter, welches ich verstehe, denn die Japaner sind im Englischen zumeist in etwa so versiert wie ich im Japanischen, nämlich gar nicht.

Gelegentlich spuckt der Fahrstuhl neue, oft ausländische Besucher in den rosafarbenen Raum, während die Glöckchen am Windspiel aufgeregt klingeln. Mit offenem Mund und ungläubig staunendem Blick überlegen Diese nun, wie sie in Gegenwart der anderen Gäste auf den Ansturm an lebendig gewordenen Süßwaren reagieren sollen. Wie überall in Japan sind aber auch hier die Regeln klar, Fotografieren und Anfassen unerwünscht. Lange Zeit zum Grübeln bleibt ohnehin nicht, schon werden sie mit einem schrillen »Irashaimaseeeen!« – Herzlich Willkommen – zum Platz geleitet.

Tokyos Popkultur ist keine Randerscheinung

Insbesondere von diesem »kleine Schwester Faktor« lebt Akihabara, Tokyos Elektronik-, Anime- und Manga-Stadtviertel. Der Anime ist die japanische Variante des Zeichentrickfilms, Manga die japanische Bezeichnung für Comic. Im Unterschied zu den meisten westlichen Produktionen ist die Zielgruppe und Diversität jedoch sehr viel größer und erstreckt sich über alle Altersgruppen, soziale Schichten und Inhalte. Etwas mit Comicfiguren oder generell mit stilisierten Grafiken zu erklären ist in Japan so üblich, wie es im Westen womöglich unseriös ist. Dabei beherrschen die Japaner die Kunst des Weglassens, die sie bis zur Perfektion treiben, nicht nur in der Bildkunst.

Die Niedlichkeitsästhetik hat Tradition in Japan und das keineswegs nur bei Mädchen. »Kawaii« heißt nicht nur süß oder liebenswert, es steht inzwischen für ein ästhetisches Konzept, welches Unschuld und Kindlichkeit betont und sich auf alle Bereiche der japanischen Gesellschaft ausgedehnt hat. Die Japaner haben es vielleicht einfach nicht so eilig, erwachsen zu werden. Man könnte auch sagen, sie vergessen nicht so schnell, dass sie selbst einmal jung waren. Dies mag mit ein Grund sein, warum Japan als eines der kinderfreundlichsten Länder angesehen wird. Auch Kleinkriminalität ist so gut wie nicht vorhanden. Das Spiel mit Erinnerungen ist in Japan oft zentrales Element von Geschichten oder Filmen.

Nun ist aber Akihabara sicherlich nicht repräsentativ für Japan oder Tokyo, dessen Kontraste in allen Bereichen der Gesellschaft und Kultur nicht größer sein könnten. So warmherzig die Studierenden aus der Großstadt die Deutschen empfingen und mit Gastfreundschaft umhüllten, so verdruckst und schüchtern reagierten die Schüler außerhalb Tokyos auf die ungewohnten Mitschüler in der Praktikumszeit. Ausländer sind in Japan mittlerweile nichts Ungewöhnliches mehr, doch außerhalb der Ballungszentren sind sie nach wie vor etwas Besonderes. An der Freundlichkeit und Gastfreundschaft ändert dies jedoch nichts, ganz im Gegenteil. Besonders sobald klar ist, dass es sich um deutsche und nicht um amerikanische Besucher handelt.

Der Exot unter den asiatischen Ländern

Japan zu entdecken ist ein bisschen wie die Reise in ein Dritte-Welt-Land, nur umgekehrt. Es ist ein hochmodernes Land und in vielen Dingen dem Westen weit voraus. Vieles, was schrecklich modern scheint, ist tatsächlich aber nur konsequent umgesetztes, benutzerfreundliches und detailverliebtes Design. Natürlich gibt es Aspekte, bei welchen man zustimmen möchte, dass der Westen die Nase vorn hat. Ein Beispiel dafür ist die Gleichstellung von Mann und Frau oder die ungefärbte(re) Darstellung geschichtlicher Sachverhalte in Medien. Dennoch, wer jetzt an China denkt, dem muss gesagt werden: Japan nimmt unter den asiatischen Ländern eine Sonderrolle ein. Dies zeigt zum Beispiel die Tatsache, dass bis heute umstritten ist, woher die Sprache stammt.

Doch zurück zu den banalen alltäglichen Dingen, die ich als Fortschritt empfand. So fragte ich mich jedes Mal, wenn ich vor einem der zahlreichen Automaten stand und mich zwischen den dutzend heißen und kalten Getränkesorten entscheiden musste, die zum Teil wöchentlich wechselten: Warum gibt es das nicht in Deutschland? Auch wenn die Antwort zum Teil sehr naheliegt, gab es Weitere: Wieso kann Google in Japan kaum Fuß fassen? Weshalb können wir in Deutschland nicht schon mit einer einzigen Karte berührungslos sowohl den Getränkeautomaten als auch die U-Bahn als auch das Handy bezahlen? Wieso haben wir in Deutschland keine dermaßen schicken, farbenfrohen und unterschiedlichen Modeströmungen wie beispielhaft Tokyo? Weshalb schmeckt selbst das Fast Food bei McDonalds in Tokyo tausendmal besser als in Deutschland und bietet ein Sondermenü für Japaner? Dass sich die Japaner gerne gesund ernähren ist nicht so sehr verblüffend wie die Tatsache, dass sich die komplette Industrie danach richten muss, wenn sie erfolgreich sein will. Insbesondere was die Diversifikation der Produkte angeht.

Es gibt aber Dinge, die mich nicht überrascht haben. In Deutschland bedankt sich jedenfalls niemand, wenn man zum Vorbeigehen Platz macht. Denn in Deutschland macht ja auch niemand Platz, wenn Jemand vorbeigehen möchte. Das hängt mit der Begabung der Japaner zusammen, nach hinten zu schauen. Man sollte es tunlichst unterlassen, in einer Menschenmenge in Japan plötzlich stehen zu bleiben. Allerdings kann man dafür in Tokyo problemlos im dichtesten Gedränge eine empfindliche Tüte nebst Inhalt transportieren. Dass man hierzulande als Kunde keine freundliche Begrüßung und Verabschiedung erhält, sondern das Gefühl hat unwillkommen zu sein, weil der Angestellte in fünf Minuten Mittagspause machen möchte, schiebe ich einfach auf den kulturellen Unterschied.

Auf die Getränkefrage indes gibt es eine Antwort. Schon beim Ausstieg aus dem Flugzeug rammte unserer Gruppe die schwüle Hitze ins Gesicht. Die Vermutung, dass es sich nur um eine von der Sonne erhitzte Gangway handelte, bestätigte sich leider nicht. Vielmehr stellten wir beim Verlassen des Flughafengebäudes fest, dass wir uns noch im klimatisierten Bereich aufgehalten hatten. Im August ist es normal nach fünf Minuten des Herumstehens schon klatschnass zu sein. Es sollte eine Woche dauern, sich daran zu gewöhnen.

Der Bus, der uns nach Ankunft am Flughafen ins 60 km entfernte Tokyo brachte, führte uns vorbei an Reisfeldern und kleinen Vorstädten hinein in den Moloch aus Stahl und Beton. Bald verdrängten die Gebäude das grüne Vorland und es waren nur noch dicht an dicht gedrängte Hausfassaden zu sehen, mal zerfallen, mal spiegelblank. Durchbrochen wurden Sie nur von vereinzelten Flüssen und großen Hauptstraßen, in denen sich die abendliche Rush Hour abspielte. Überall blinkte es freudig und bunt von Baustellen, Shops und den in der Dämmerung erleuchtenden Reklamen. Stromleitungen durchzogen die Schluchten in ungeordneter Wildheit wie ein großes Spinnennetz.

In unserer Herberge der ersten Woche, nahe des riesigen Yoyogi-Parks in Tokyo, stand ich zunächst vor der Entscheidung, ob ich oder mein Koffer in dem Zimmer übernachten sollten. Ohnehin war das klimatisierte Verließ nur dazu da um hineinzufallen, eine Runde zu schlafen und wieder mit der U-Bahn in Tokyos Schluchten zu entschwinden. Durch das kleine Fenster glitzerten die Positionslichter der Hochhäuser zusammen mit Tokyos Zwielicht hinein. Man sieht das Licht und weiß, dass man sich, umgeben von 12 Millionen Menschen der Präfektur Tokyo, auf einer kleinen Insel im Pazifik befindet.

Schmerzhafte Kräuterbäder genießen? Kurze Röcke im Taifun erleben? Geschichten über Menschen lesen? Berichte der restlichen vier Wochen sind im Blog auf www.mediendesign-schwarz.de nachzulesen.

Emanuel Schwarz
 
 
Social Bookmark

Artikel Bewerten:  Schlecht Artikel ist Schlecht 1 2 3 4 5 Artikel ist Sehr Gut Sehr Gut  
Zuletzt gelesene Artikel in der Kategorie Kunst - Kultur & Religion:
Die Bilder von Caspar David Friedrich sind noch heute unvergessen
Weshalb Mohammed unzählige Irrtümer lehrte
Ans Licht gebracht - Die Realität als wahre Geheimnis in Michael Lassels Malerei
Weltpremiere des Films 'A Lucky Man', Gordon Clark (Südafrika)
Picasso Museum in Barcelona
Vielfältige Natursteine eignen sich für die Grabsteingestaltung
Rollenspiel im Kontext der Postmoderne
Fastnacht 2012 - Die fünfte Jahreszeit!

comment Kommentare von Besucher !

Noch kein Kommentar zu Artikel “Der japanische Imouto-Faktor”







Top | rss   
Designed by A2D Webdesign Agentur | Media-Netzwerk: MyPress World | MyPress DE | MyPress CH | MyPress AT | Online Article
OA-Services: Online PR-Blog | Webreporter | Know-How | Jobs & Stellenanzeigen | Presseportal | News | Branchenbuch

Copyright 2008 © Art2Digital InterMedia Solutions | ICRAchecked | Creative Commons License.