Fachkräftemangel?
Die Belegschaftsstruktur in deutschen Unternehmen ist geprägt durch eine ausgewogene Mischung zwischen akademisch ausgebildeten Führungskräften und einer Mehrheit von Beschäftigten, die über eine ausgezeichnete Berufsausbildung verfügt. Im rohstoffarmen Deutschland sind gut ausgebildete Arbeitskräfte der wichtigste Standortvorteil.In der Regel können sich nur Volkswirtschaften mit ihren Produkten am Weltmarkt durchsetzen, die über ein entsprechendes Potential an Rohstoffen verfügen. So ist es auf den ersten Blick verwunderlich, wenn Deutschland als rohstoffarmes Land zu den größten Exportnationen der Welt gehört. Erschwerend für den Export kommt noch hinzu, dass die Preise für die in Deutschland produzierten Güter wegen der Lohnkosten relativ hoch sind.
Auf den ersten Blick ist die ungebremste Nachfrage nach deutschen Gütern daher höchst verwunderlich. Des Rätsels Lösung lässt sich jedoch recht leicht ermitteln! Den wesentlichen Standortvorteil für deutsche Produkte bilden nämlich die gut ausgebildeten Arbeitskräfte. Erst durch den Produktionsfaktor Arbeit kann die auf der ganzen Welt geschätzte hohe Qualität deutscher Produkte erreicht werden. Das Geheimnis liegt in der – jedenfalls zurzeit noch bestehenden – Belegschaftsstruktur in deutschen Unternehmen. Diese ist geprägt durch eine ausgewogene Mischung aus akademisch ausgebildeten Führungskräften und einer überwiegenden Mehrheit an Beschäftigten, die über eine hervorragende Berufsausbildung verfügt.
Zur Wahrnehmung von Aufgaben auf der unteren und mittleren Führungsebene in den Betrieben erscheinen Akademiker aufgrund ihrer umfangreichen theoretischen Kenntnisse einerseits als überqualifiziert; gleichzeitig mangelt es ihnen jedoch an praktischen Erfahrungen bei der Umsetzung von theoretischen Erkenntnissen in die betriebliche Realität.
Die Klage von Arbeitgebern, dass offene Stellen für Fachkräfte nicht besetzt werden könnten ist vor diesem Hintergrund nicht nachvollziehbar. Vielmehr erscheinen verstärkte Investitionen in die Ausbildung von Nachwuchskräften sowie die Weiterbildung der bereits in den Unternehmen beschäftigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als notwendig.
Sowohl der Umstand, dass viele Auszubildende nach dem erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung nicht von dem Ausbildungsbetrieb übernommen werden, als auch der Umstand, dass die meisten nach der Ausbildung übernommenen Arbeitskräfte nur mit befristeten und relativ schlecht dotierten Arbeitsverträgen ausgestattet sind, deuten darauf hin, dass der behauptete Fachkräftemangel in der Realität nicht bzw. nur in ganz eng begrenzten Teilen des Arbeitsmarktes besteht (z. B. im Pflegebereich).
Auch in den nächsten Jahren ist nicht von einem grundlegenden Wandel dieser Situation am Arbeitsmarkt auszugehen. Die Haupttätigkeit von potentiellen Auszubildenden bzw. Arbeitnehmern wird also auch in den kommenden Jahren heißen: Bewerbungen schreiben oder Bewerbungen schreiben lassen. Da dauernde Erfolglosigkeit beim Schreiben von Bewerbungen mit der Zeit sowohl bei den Ausbildungsplatzsuchenden als auch bei den Arbeitslosen zu Frustration und Abnutzungserscheinungen führt, dürfte dann allerdings in Zukunft eine Aktivierung des inzwischen frustrierten und arbeitsentwöhnten Arbeitskräftepotentials in der Tat problematisch werden, wenn tatsächlich ein Fachkräftemangel auftreten sollte.
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