Anzug
Als Anzug bezeichnet man ein Kleidungsstück, bei dem Hose und Jacke aus demselben Stoff geschneidert sind. Das klingt wie ein Gemeinplatz, doch genau dieses Merkmal kennzeichnet einen Anzug. Der Herr von Welt trug bis zum Ende des 19. Jahrhunderts seinen Frack oder seinen Gehrock zu einer Weste aus einem anderen Stoff und die Hose wurde wiederum aus einem anderen Stoff geschneidert.
Wenn Schnitt, Farbe und Stoff richtig gewählt wurden, ist ein Anzug das eleganteste Kleidungsstück, das ein Mann tragen kann. Die Reihenfolge Schnitt, Farbe, Stoff ist durchaus von Bedeutung, denn der Schnitt ist zweifellos der Faktor mit der größten Bedeutung. Auch wenn der Stoff nicht ganz so hochwertig ist, der Schnitt aber tadellos, kann es sich immer noch um einen guten Anzug handeln, und dieser ist einem Anzug aus besserem Stoff mit minderwertigem Schnitt stets vorzuziehen. Eigentlich sollten beim Kauf eines Anzugs keine Kompromisse gemacht werden, aber wie so oft kommt man auch beim Anzugkauf manchmal um einen solchen Kompromiss nicht herum.
Ein guter Schnitt für den neuen Anzug
Mit „gutem Schnitt" bezeichnet man, unabhängig von Mode und Trends, den Schnitt, der dem in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts in England entwickeltem Grundmuster entspricht. Der Schnitt sollte natürlich sein. Damit ist gemeint, dass er die Figur des Trägers optimal zur Geltung bringt. Nur bei großen Problemen mit der Figur sollte der Anzug durch seinen Schnitt korrigierend eingreifen. Das gilt ganz speziell für die Schultern. Ist der Träger des Anzugs ein feingliedriger Mann, sollte er einen schmalen Schnitt mit geringer oder gar keiner Schulterpolsterung wählen. Ein durchtrainierter, breitschultriger Mann braucht keine Schulterpolster. Der Schnitt sollte den natürlichen Körpermaßen entsprechen. Ist der Mann eher korpulent, sollte er selbstverständlich auf jede zusätzliche Verbreiterung durch den Schnitt des Anzugs verzichten.
Die Farbwahl – englische Tradition und italienischer Chic
Bei der Farbwahl muss man sich entscheiden, ob man den strengen englischen Konventionen folgen will, oder ob man sich der italienischen Auffassung von Eleganz anschließt, die eine breitere Farbpalette für den Käufer bereithält. Ein englischer Anzug ist traditionell in Dunkelblau, dunklem bis ganz hellem Grau oder Schwarz gehalten. Will man den Anzug bei der Ausübung einer beruflichen Tätigkeit (insbesondere in den Bereichen Finanzen, Recht und Politik) tragen, gibt es nach Auffassung der englischen Schneider nur diese drei Farben. Die einzigen Ausnahmen sind das Wochenende oder ein sportlicher Anlass.
Schurwolle – als Anzugstoff die erste Wahl
Die heute verarbeiteten Stoffe sind leichter als früher. Kein Wunder, denn zu Beginn des vorigem Jahrhunderts waren die Büros schlecht oder gar nicht beheizt. Aber auch heute sollte man sich vor dem Anzugkauf Gedanken machen, unter welchen klimatischen Bedingungen der Anzug getragen werden soll.
Der beste Anzugstoff ist zweifellos reine Schurwolle, denn kein anderes natürliches Material fällt derart elegant und ist so unempfindlich gegen Knittern. Weist ein Anzug aus Schurwolle nach langem Sitzen am Schreibtisch doch einmal Knitterfalten auf, genügt schon eine kurze Erholungsphase und sie verschwinden wieder.
Für einen Sommeranzug kommen für den Stoff – neben leichter Schurwolle – Kaschmir, Seide, Mohair, Leinen und Baumwolle infrage. Doch auch für einen Sommeranzug ist Schurwolle die beste Wahl. Mohair ist ebenso strapazierfähig wie Schurwolle, der charakteristische Glanz von Mohair steht allerdings nicht jedem. Auch Seide, Baumwolle und Leinen sind typische Sommermaterialien, allerdings knittern diese Stoffe schnell. Durch ihr geringeres Gewicht fallen diese Stoffe auch nicht so elegant und hängen sich nicht so gut aus wie Schurwolle. Deshalb sollte als Material nur dann einen Stoff aus pflanzlichen Fasern gewählt werden, wenn dem Träger das Knittern nicht stört und dem Anzug immer wieder längere Ruhephasen gegönnt werden können.
Die Weste – heute optional
Früher bestand ein Anzug aus drei Teilen, Jacke, Hose und Weste. Die Weste gehört heute nicht mehr traditionell zu einem Anzug. Die Büros sind heute einfach zu gut beheizt, als dass der Träger sich eine zusätzliche Lage Stoff unter der Jacke wünschen würde.
Eine kleine Landeskunde
England ist das Mutterland des Anzugs. Hier wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Grundmuster entwickelt, die auch heute noch, wenn auch in abgewandelter Form, weltweit verwendet werden. Bis zum 2. Weltkrieg war England – insbesondere London – das unumstrittene Zentrum der Herrenmode. Italienische Schneider brachen dann das stilistische Monopol auf. Auch heute liefern englische Schneider beste Qualität, sie haben allerdings eine eher sachliche Auffassung von Eleganz, nach der ein Anzug zuallererst den strengen, von der Oberschicht diktierten Konventionen entsprechen muss. Die italienischen Schneider hingegen wählen Stoff, Farbe und Schnitt ausschließlich nach ästhetischen Kriterien aus. In der Verarbeitung leichter und leichtester Stoffe sind die Italiener als Bewohner eines südlicheren, wärmeren Landes den Engländern überlegen.
Ein Engländer will durch das Tragen eines Anzugs ausdrücken, dass er Teil des großen „we" ist. Eine individuelle Note ist nicht erwünscht. Ein englischer Mann will zuerst „richtig" angezogen sein. Anders der italienische Mann, der sich selbst darstellen will. Er ist von seiner Individualität und Wichtigkeit überzeugt und will diese durch die Eleganz seines Anzugs hervorheben. Der Italiener will beim Flanieren mit seinem Anzug auffallen. Auffallen – ein Alptraum für einen jeden traditionsbewussten Engländer.
von 3XM68