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Der Amoklauf von Winnenden war nicht der letzte

Autor: ArneFrentzel | Erstellt am: 30.03.2009 | Gelesen: 1350
Kategorie: Politik - Gesellschaft & Soziales | Bewertung: rateArateArateArateBrateB
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(Online-Artikel.de) - Falschmeldungen, Bestürzung und Ratlosigkeit herrschen nach dem erneuten Anschlag an einer deutschen Schule.

Der erneute Amoklauf an einer deutschen Schule löst weltweite Bestürzung aus. Etliche Falsch- und Fehlmeldungen tragen nicht unbedingt zu einer Klärung der Tat bei. Doch nun, nachdem sich die Gemüter etwas beruhigt haben, können sich Fachleute daransetzen, das Geschehene sachlich zu hinterfragen.

Der 11.3.09 wird den Deutschen noch eine Weile im Gedächtnis bleiben. Tim K., mit einer Pistole seines Vaters und genug Munition bewaffnet, um ein kleines Dorf auszuschalten, stürmt in seine ehemalige Schule, die Realschule Winnenden. Wild, aber gezielt schießt er um sich und tötet 15 Menschen und anschließend sich selbst.

Die Schuldigen waren schnell gefunden: gewalttätige Computerspiele, Vereinsamung, Nichtbeachtung, fehlende Sensibilität. Alles schien eindeutig. Nicht zuletzt hatte Tim K., wie einst der Massenmörder von Erfurt 2002 oder der Täter von 2006 in Emsdetten, seine Tat bereits einen Tag vorher im Internet angekündigt, so verlautet es offiziell aus dem Munde von Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU).
Nicht wenige behaupten, dass es genügend Anzeichen gab, ein solches Geschehen vorherzusagen. Lediglich den Verantwortlichen, Eltern und Lehrern, fehle es an Spürsinn.

Doch so weit man sich aus dem Fenster lehnte, so weit musste man schon einen Tag später kleinlaut wieder zurückrudern. Alles nicht wahr. Die Vorankündigung war gefälscht. Ermittlungspanne der Polizei, so hieß es. Die Ministergarde hatte sich lächerlich gemacht. Auch vorschnelle psychologische Ferngutachten und Schuldzuweisungen hielten neueren Erkenntnissen nicht mehr stand. Man war wieder bei der Stunde Null angekommen.

In der bayrischen Schaltzentrale machte man in den Computerspielen den Schuldigen aus. Eine sogenannte schwarze Liste müsse erstellt werden, die gut von böse trennt. Doch was unterscheidet das Computerspiel heute von John Wayne inspirierten Cowboy- und Indianerspielgenerationen der Vergangenheit? Wer erinnert sich nicht daran, unzählige Male gerufen zu haben: "Du bist tot" oder "Ich habe dich erschossen". Sind wir deswegen gewalttätiger geworden? Die Antwort lautet ganz klar nein. Aber wir sind erwachsen geworden und sehen nun kopfschüttelnd, wie Kinder und Jugendliche ihre Zeit am PC mit derartigen Spielen vergeuden.

Tim K. hatte auf seinem Computer das Spiel Counter Strike. Dieses, wie auch andere Spiele haben jedoch ein ähnliches Ziel, wie einst unser Spiel vor 30 Jahren. Es gilt zu überleben, symbolisch gemeint natürlich. Überleben kann jedoch nur der, der es schafft, besser zu sein als der Gegner. Was eben bedeutet, ihn auszuschalten, bevor man selbst ausgeschaltet wird.
Es gibt eigentlich nur einen signifikanten Unterschied. Wir damals waren immer auf andere Mitspieler angewiesen, während man heute auch alleine gegen den PC antreten kann.

Wahrscheinlich soll mit der Fokussierung auf die Spiele vom legalen Waffenbesitz abgelenkt werden. Eine Waffe allein macht aber auch noch nicht einen Attentäter. Ob ein verschärftes Waffengesetz den Amoklauf verhindert hätte, bleibt zumindest zweifelhaft. In jedem Falle hätte ein besseres Verschließen der Waffenkammer des Vaters die Tat erschwert. Heute ist es jedoch kein großes Problem bei im Umlauf befindlichen, geschätzten 20 Millionen illegalen Waffen, sich selbst eine zu besorgen.

Und die Schuld oder besser Schwerfälligkeit der Lehrer? Wenn auch noch immer bei manchem das "faule Pack"–Vorurteil des einstigen Kanzlers Schröder (SPD) durchschimmert, so weiß die Mehrheit der Bevölkerung heute die Leistung unserer Lehrer zu schätzen. Glücklicherweise sehen wir in dem Lehrer nicht mehr den Heiler für alles, was in unserer Gesellschaft nicht funktioniert, denn das würde schlichtweg diesen Berufsstand überfordern.

Ein Psychologe braucht fünf Einzelstunden, um bei einem Jugendlichen eine Diagnose erstellen zu können. Bei einer Klassenstärke von 30 Schülern kann der Lehrer jedem Einzelnen nicht mehr als eine Minute Aufmerksamkeit pro Unterrichtsstunde schenken. Dabei ist sein Augenmerk in erster Linie auf den Unterricht fokussiert. Jeder kann sich selbst ausrechnen, wie viele Unterrichtsstunden in einer Klasse nötig wären, um auf diese fünf Stunden Aufmerksamkeit zu kommen, die dem Psychologen zur Verfügung stehen. Jahre!

Selbst wenn man die Klassen auf europäisches Mittelmaß bringen würde, nämlich 20 Schüler, bleibt die Rechnung utopisch, wenngleich man den positiven Nebeneffekt hätte, dass man bei künftigen Pisastudien sicherlich wieder vordere Plätze einnehmen würde.

Tim K. wollte sterben. Der Freitod ist nicht neu. Ein Phänomen, das es immer gab und auch künftig immer geben wird. Doch Tim K. wählte den Tod nicht nur für sich, er tötete auch unschuldige Menschen. Ein Zeichen, dass sich in unserer Gesellschaft etwas geändert hat.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass unsere Gesellschaft mit großen Problemen zu kämpfen hat, mit fatalen Folgen für unsere Schulen. Doch eigentlich wissen wir nicht viel. Eines jedoch ist unschwer vorauszusagen: Das Attentat von Winnenden war nicht das letzte an einer deutschen Schule. Wir werden uns daran gewöhnen müssen.

ArneFrentzel www.arnefrentzel.de.tl
 
 
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comment Kommentare von Besucher !

Gepostet von ArneFrentzel am 22.05.2009
an atina (habe leider den Beitrag über einen Monat nicht gesehen): Sie stellen eine sehr schwierige Frage. Wahrscheinlich gibt es kein Patentrezept. Doch ich denke, dass wir schon einen bedeutenden Schritt weiter wären, wenn wir die Klassenstärken deutlich verkleinern würden (auch weitere Artikel von mir hier). So hätten wir ein bisschen mehr an individueller Betreuung und weniger Anonymität zumindest an Schulen.

Gepostet von atina am 09.04.2009
Kann man denn da überhaupt etwas unternehmen? Was könnte man persönlich tun? Wenn man selber schulpflichtige Kinder hat, die ganze Klasse zum Kindergeburtstag einladen? Elterliche Initiativen gründen, wo Kinder und Eltern wöchentlich zusammen etwas unternehmen? Die Gesellschaft weiß einfach zu wenig, auch als Eltern ist man nicht automatisch Profierzieher... Was schlägt der Autor zu diesem Thema vor?

Gepostet von ArneFrentzel am 01.04.2009
Ich stimme mit Gast23 vollkommen überein. Doch wird man leider in den folgenden Wochen die Tat verdrängen und letztendlich nichts unternehmen, wie so häufig vorher auch schon nicht geschehen... bis es denn wieder geschieht, der Autor

Gepostet von Gast23 am 31.03.2009
Absolut unverantwortlich im Schlußsatz von Gewöhnung zu sprechen. So ein Vorgang kann und darf niemals akzeptiert werden. Die Gesellschaft muß ihre Verantwortung wahrnehmen und dagegen ankämpfen. "Gewöhnen müssen" bedeutet "is halt so", was die Lage drastisch verschärfen wird.







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