Eltern und Kinder
Als meine Mutter mit 59 Jahren sehr früh an Alzheimer erkrankte, war mein erster Gedanke: „Ich muss ihr helfen". Ich werde Berlin verlassen und mit meinen Kindern und meinem Mann - notfalls sogar ohne sie - zurück gehen in das Dorf meiner Kindheit, in das Haus meiner Eltern. Ich selbst war zu dem Zeitpunkt 29 Jahre alt, zweifache Mutter und weit davon entfernt erwachsen zu sein. Was dieser Impuls deutlich zeigte.
So wie mir geht es vielen jungen Erwachsenen und noch manch 50jähriger hängt innerlich wie ein Kleinkind an seinen Eltern. Die Symptome dieser Abhängigkeit sind vielfältig und zumeist völlig unbewusst. Einerseits zeigen sie sich in zu großer Nähe zu den Eltern oder im Helfenwollen – ohne gefragt worden zu sein - andererseits zeigen sie sich wenn das eigene Leben in eine Krise gerät, dann denkt man an Rückkehr in die Heimat oder zieht tatsächlich wieder ins Elternhaus. Der Mut sich der Krise zu stellen fehlt. Aber auch das Gegenteil kann ein Zeichen von zu enger Verbundenheit sein. Dann wird die Herkunftsfamilie nicht gewürdigt und der Gedanke, niemals so werden zu wollen wie die Eltern bestimmt das eigene Handeln. Diese Haltung hält ebenso in der Kindheit fest und verhindert das verantwortungsvolle Erwachsenwerden. Der Blick ist auf die Eltern gerichtet und das eigene Leben bleibt Nebensache.
Eine Ursache dafür ist, dass das Erwachsenwerden in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr hat. Einstmals kraftvolle Initiationsrituale der Urvölker sind über die Jahrhunderte hinweg verkümmert. Fragmente davon finden sich in Konfirmation, Firmung und Jugendweihe. Doch das sind häufig sinnentleerte, kraftlose Rituale, die eher einem Geburtstagsfest gleichen und in dessen Mittelpunkt die materiellen Gaben stehen. Der Sinn eines Übergangsrituals für Jugendliche ist längt verloren gegangen. Nur wenige Eltern wissen heute, wie sie ihre Jugendlichen begleiten können auf dem Weg zum erwachsenen Menschen, der die volle Verantwortung für sich übernehmen kann. Wenn es gelingt dann eher zufällig.
Und so bleiben die Jugendlichen vielfach in der kindlichen Erwartungshaltung stecken, die sich mit ihren Ansprüchen an die Eltern wendet. Werden diese dann selbst schwach, wollen sie ihnen helfen und leiten so ihre Energie in die falsche Richtung. Es ist der verzweifelte Versuch, gegen den Strom zu schwimmen. Das kostet enorm viel Kraft, die für die eigene Entwicklung dringend gebraucht wird. Natürlich ist nichts falsch daran, den Eltern helfen zu wollen. Doch das kindliche Helfenwollen ist keine Hilfe, sondern es bedeutet das Aufgeben des eigenen Lebens, häufig begleitet von maßloser, unterdrückter Wut. Die wichtigste Voraussetzung für kraftvolles Helfen ist die Bitte des Hilfebedürftigen. Diese bleibt oftmals aus. Die Kinder lassen alles zurück und stürzen sich voller Verzweiflung auf die Eltern. Sie ertragen deren Schwäche nur schwer und die Eltern nehmen ohne zu fragen, denn oftmals ist es ihnen selbst schon nicht gelungen, sich auf eine erwachsene Art von den Eltern zu trennen. So verwechseln sie die Kinder mit ihren Eltern und erwarten von ihnen nun endlich die Fürsorge, auf die sie glauben noch ein Anrecht zu haben. Um diesen leidvollen und kraftlosen Kreislauf zu durchbrechen braucht es ein Ritual, das es den einzelnen Personen ermöglicht, bewusst den eigenen Platz einzunehmen. Und von dort aus leichter, kraftvoller und liebevoller zu handeln.
Für mich war damals die lebensentscheidende Intervention eine Familienaufstellung bei Bert Hellinger. Diese Methode hilft zu erkennen, wo und ob wir noch zu sehr an unseren Eltern hängen, ihnen noch Vorwürfe machen oder noch etwas erwarten, das nicht nachholbar ist. Es ist nie zu spät erwachsen zu werden. Dieser Schritt lohnt sich auch wenn wir schon lange auf eigenen Füßen stehen aber deutlich spüren, dass die Eltern noch sehr zentral erlebt werden. „Wir sind unsere Eltern", sagt Bert Hellinger. Aber nach den Ritualen der Urvölker waren die initiierten Erwachsenen nicht mehr die Kinder ihrer Eltern, sie waren gleichberechtigte erwachsene Mitglieder der Gesellschaft, trugen einen anderen Namen und sprachen auch die Eltern anders an. Natürlich können diese archaischen Rituale nicht wieder belebt werden, aber sie erlauben einen erweiterten Blick auf die Eltern-Kind-Bindung.
In einer Aufstellung ist es möglich, sich bewusst dem eigenen Leben zuzuwenden, die Kraft, die wir dadurch gewinnen, wird sofort spürbar. Mit Blick in die Zukunft nehmen wie die Lebensenergie aus der Vergangenheit von unseren Eltern so wie sie war und nutzen sie in der Gegenwart. Die blinde kindliche Verbindung weicht einer erwachsenen Verbundenheit und gegenseitige Erwartungen hören auf.
Diesen in einer Aufstellung symbolisch vollzogenen Akt habe ich in den letzten Jahren vielfach selbst zunächst als Stellvertreterin und später auch als Leiterin miterleben dürfen. Es war immer ein sehr schmerzhafter Prozess, der große Erleichterung und einen deutlich spürbaren Energiegewinn zur Folge hatte. Was wir dann daraus machen, liegt in unserer Verantwortung. Häufig erkennen wir erst nach einer Aufstellung, dass wir mit unserer Bedürftigkeit, die wir glaubten zu haben, auch auf unsere Partner, die eigenen Kinder und sogar auf den Arbeitgeber geschaut haben. Mit diesem neuen Bewusstsein übernehmen wir jedoch auch in diesen Beziehungen die Verantwortung. Natürlich bleibt eine gewisse Abhängigkeit, doch die wird gegenseitig erlebt, denn durch die veränderte Haltung sind wir in der Lage Geben und Nehmen zu genießen. Wir sind im Austausch.
Manuela Komorek
www.manuelakomorek.de