Rainer Sauer/Autor/Philosoph
Als menschliche Wesen haben wir ein gewisses Potential an Bewußtsein, welches sich bis zu einem ganz bestimmten Punkt selbstständig entwickelt. Das heißt, bei uns allen entfaltet sich unsere Bewußtheit praktisch eigenständig bis hin zu einer feststehenden Bewußtheits Größe. Von da an gedeiht unser Wachstum nur noch auf freiwilliger Basis, mit anderen Worten, aus
bewußter Entscheidung heraus. Man könnte auch sagen, wir entwickeln uns alle, ohne besondere Zusatzerfordernisse erfüllen zu müssen, ausgenommen dem Hineingeborenwerden in das menschliche Dasein selbstverständlich, bis zu jenem Stadium der Selbsterkenntnis, welches freie Entscheidung erst möglich macht. Von da ab können wir dann bewußt wählen, ob wir weitergehen wollen oder nicht. Das bedeutet, spirituelle Weiterentwicklung erfordert ab einer bestimmten Stufe des Wachstums unsere klare und willentliche Entscheidung dafür und passiert nicht etwa einfach zwangsläufig. Wenn wir uns in diese Richtung neigen und uns zur Weiterreise entscheiden, erfordert dies wiederum ein zusätzliches sich Aneignen von bestimmten Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Erleben von Freiheit, Annahme und eben nicht zuletzt Demut, um unsere
Fortbewegungs Fähigkeit zu gewährleisten. Diese Qualitäten sind zwar in uns schon bereits angelegt, also als Potential enthalten, bedürfen aber unserer bewußten Mitarbeit, um die Samen dieser Seelen Qualitäten zu Keimlingen und die Keimlinge zu ausgewachsenen Pflänzchen gedeihen zu lassen. Ab hier beruht wirklich alles auf unserer bewußten Entscheidung, den Weg beschreiten zu wollen, und ohne ein kontinuierliches immer Wiederbestätigen der Anfangs Entscheidung und Ausrichtung ist eine Fortbewegung in eine
selbst bestimmte Richtung nur schwerlich möglich. Ohne diese seelischen Qualitäten, welche wie Geheim Schlüssel wirken, öffnen sich die Türen in Richtung Bewußtwerdung nicht.
Eine dieser höheren seelischen Qualitäten, welche man sich anzueignen hat, ist wie bereits erwähnt der Gemüts Zustand der Demut. Hierbei ist es vor allem wichtig festzustellen, daß man Demut nicht machen kann, ebenso wie wir Liebe nicht machen können, sondern daß wir uns eben nur dafür öffnen können, das heißt, unser Leben, Denken, Fühlen, unser ganzes Sein darauf auszurichten. Aneignen bedeutet in dieser Hinsicht, daß mein Lebensweg in die Richtung weist, in der ich als Ergebnis meiner zielgerichteten Wanderung diese höheren seelischen Qualitäten ernten kann, und in diesem Fall eben auch die Demut als den von mir selbst erworbenen Ertrag erhalte. Erfahre ich den Zustand der Demut, ist es meist mit einem großen Erstaunen verbunden, da meine Bilder von Demut ja auf der verzerrten Vorstellung dualen Schauens beruhen, und da stehen und fast ausschließlich negative Interpretation des Begriffes zu Verfügung. Hier allerdings, in der realen Begegnung mit dem Zustand der Demut, erfahren wir zu unserer Verblüffung die friedvolle, die selige, die freudvolle Komponente, und wir erleben zweifellos, daß es ein äußerst erstrebenswerter Zustand ist, in Demut zu sein. Da wir uns auch hierbei in einer Erfahrung des Einsseins befinden, löst sich in diesem Moment unser duales und trennendes Betrachten der Dinge von alleine auf, und es öffnet sich uns eine geweitete die Dinge miteinander vereinigende Schau. Wir nehmen uns nicht mehr als über oder unter dem anderen wahr, daß heißt, wir empfinden uns weder hochmütig noch gedemütigt, sondern erleben uns an dem Platz im Universum, der ganz unser eigner ist und nicht wertvoller oder unwerter als irgendein anderer es ist. Wir erleben uns dann authentisch, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit und vorbehaltlos wohl mit uns selbst, wie wir nun mal sind, ohne in einen stets leidbringenden Vergleich mit den anderen zu geraten.
Die uns eher bekannte Art und Weise, nämlich uns entweder über oder unter etwas zu stellen, uns mit Minderwert zu verletzen oder uns in der irrealen einsamen Position der Überheblichkeit und Arroganz, also in der Position des Überwertigen zu finden, hört hier auf zu existieren. Wir sind somit nicht mehr in der Zwangslage, uns in einem fort mit anderen bzw. anderem vergleichen zu müssen, um dem immer gleichen Resultat zu begegnen, nämlich dabei nur als Verlierer hervorgehen zu können. Wir müssen uns also nicht mehr stetig messen, prüfen, uns letztendlich gegenüberstellen und konfrontieren, was uns ja vom anderen trennt und uns, wie wir ja alle wissen, keineswegs Zufriedenheit erfahren läßt. Im Zustand der Demut haben wir hingegen ein Erleben des Miteinander, des Einheitlichen, des zufriedenen Zusammen Seins, und jede feindlich gesinnte Gegen Position hat sich in Wohlgefallen aufgelöst. In einer Art Liebes Schau können wir alles annehmen wie es ist und dabei erkennen, daß alles gleich wertvoll, eben gleichwertig liebenswert ist. Und ich möchte nochmals ausdrücklich betonen, daß wir Demut nicht produzieren, nicht herstellen können, sondern sie nur als Frucht gefühlsoffener Lebensweise mittels Bereitschaft, ehrlich hinzuschauen, sie also nur auf dem Grund unseres bewußten Lebens zu ernten vermögen.