Glück haben - Glücklich sein
Alle Menschen streben nach Glück. Dem wird niemand widersprechen. Jedoch: was ist Glück? Wie sollen wir leben, damit wir glücklich sind? Die moderne, zeitgemäße Antwort auf diese Frage lautet: Jeder ist seines Glückes Schmid. Die Art und Weise, in der die Menschen das allen gemeinsame Ziel zu erreichen suchen, ist höchst verschieden. Glück gilt als eine reine Privatsache. Glück liegt in der Erfüllung der Bedürfnisse, und da jeder Mensch andere Bedürfnisse hat und insbesondere eine andere Rang- und Wertordnung der Bedürfnisse -, deshalb stellt sich jeder etwas eigenes und anderes unter Glück vor. Glück ist eine rein subjektive und ganz private Empfindung der Lust.
Damit könnte das Thema eigentlich auch schon beendet werden. Allgemeine Wünsche (z.B. „
mögen alle deine Wünsche in Erfüllung gehen") oder unverbindliche Ratschläge (z.B. „
achte auf deine Gesundheit") -, mehr und anderes läßt sich im Rahmen einer radikalen Privatisierung und Individualisierung des Glücks, wie sie im abendländischen Denken prägend wurde, offenbar nicht vorbringen. „Niemand ist glücklich, der sich nicht dafür hält", oder auch „Jeder ist glücklich, der sich nur dafür hält."
Jedoch: Philosophieren heißt – eine Sache auf ihren Grund bringen. Dorthin, wo die Sache in ihren letzten Bestimmungen sichtbar wird. Bevor wir an diese Stelle anstoßen, müssen noch zwei Fragen bzw Selbstverständlichkeiten ausgesprochen und auseinandergelegt werden: 1) Ist es notwendig so, daß Glück nur als privater, subjektiver Zustand erfahrbar ist? Oder sind auch Formen des Glücks vorstellbar, die das Glück des einzelnen Menschen nicht primär von dessen privaten Zwecken, sondern von anderen, mehr objektiven Werten oder Gütern abhängig sehen? 2) Selbst wenn das Glück notwendig in der Erfüllung privater, subjektiver Bedürfnisse gesehen wird, wenn also jeder sich bei der Suche nach ihm auf seine eigenen Erfahrungen zurückgeworfen sieht -, ist damit der Weg zu diesem Glück bereits erkannt und vorgezeichnet?
Nun, der Hörer wird es bemerken: die Fragen sind rhetorisch gestellt. Es ist nicht notwendig, Glück nur als rein subjektiven Zustand zu begreifen. Dies ist vielmehr Sache einer vorgängigen Grundentscheidung. Die klassische griechische Philosophie z.B. gibt uns ein unvergänglich gültiges Modell, wie Glück als ein auch objektiver Zustand gedacht werden kann. Um dieses Modell zu verstehen, müssen wir allerdings eine Blickwendung vornehmen.
Glück ist und bleibt das höchste Gut. Für die Griechen allerdings ist nicht der private einzelne Mensch glücksfähig, sondern der einzelne Mensch in seiner Beziehung zur Gemeinschaft, in der er lebt, und in seiner Beziehung zur kosmischen Ordnung, die ihn umfängt. Die kosmische Ordnung und die staatliche Gemeinschaft geben den Rahmen vor, innerhalb dessen der Mensch (wie jedes Ding und jedes Wesen) sein kann, was er ist. Was aber ist der Mensch?
Die Frage nach dem Glück als dem höchsten Gut mündet in der klassischen griechischen Philosophie somit ein in die Frage: Was ist der Mensch? Solange der Mensch darauf keine Antwort weiß, tappt er im Dunkeln, solange gleicht seine Suche nach Glück der Bahn eines Blattes, das der Wind vom Baum holt und einmal in diese, einmal in jene Richtung bläst.
Das nun, was für Platon und Aristoteles den Menschen zum Menschen macht, ist - nicht seine Körperlichkeit und Leiblichkeit, ist auch nicht seine fühlende, empfindende, wahrnehmende Lebendigkeit – all das teilt der Mensch mit anderen Dingen und Wesen -, das, was ihn vor allem auszeichnet ist sein Vermögen der Vernunft. Im vernünftiges Denken liegt dasjenige, das dem Menschen seinen Platz im Kosmos und in der gesellschaftlichen Ordnung zuweist, im vernünftigen Denken liegt das ihm gegebene telos, Mensch zu sein und Mensch zu werden.
An der Vernunft hat der Mensch nach griechischem Verständnis freilich immer nur Anteil. Sie ist keine Machenschaft, die sich herstellen oder beliebig ausbilden läßt. Diese Einsicht zeigen die Griechen auch durch das Wort, mit dem sie das Glück bezeichnen: ‚eudaimonia' – einen guten Dämon haben, seine Dinge unter einem guten Stern führen. Glück ist in diesem Konzept sowohl Resultat einer willentlichen, zielgerichteten Ausbildung und Formung der eigenen Vernunft, als auch das, was dem Menschen entgegenkommt, ihm zu-fällt. Je weiter der Mensch hier kommt, je mehr er sein Denken entwickelt und vervollkommnet, je vollkommener er mit anderen Worten sein Menschsein in der kosmischen Ordnung und in der staatlichen Gemeinschaft erfüllt, desto größer sein Glück.
Leicht zu sehen ist, daß diese antike Konzeption von Glück, die von einem vorgängigen, metaphysischen Seinsverständnis lebt und die in verwandelter Gestalt auch vom christlich geprägten Mittelalter übernommen worden ist, über Jahrhunderte die abendländische Kultur geprägt hat. Und auch, daß sie kategorial verschieden ist von der modernen Individualisierungskonzeption, die dadurch, daß sie den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt stellt, eine gewisse Beliebigkeit in den Glücksbegriff einführt.
Es scheint so, daß wir hinter diese Voraussetzung des modernen Glücksbegriffes – der einzelne Mensch ist die einzige und letzte Bestimmungsgröße dessen, was wir Glück nennen – nicht zurückkommen. Äußere, vorgesetzte Zwecke, die er nicht selbst gesetzt hat, kann der Mensch nicht mehr anerkennen. Zugleich mehren sich aber die Zeichen dafür, daß das „
anything goes" nicht notwendig zu mehr Glück, sondern auf Dauer eher zu mehr Unbehagen führt. Neue und permanent wachsende Bedürfnisse laufen durchaus nicht parallel mit gleichermaßen wachsendem Glück. Eher lehrt uns die Erfahrung, daß die fortschreitende und technische Naturbeherrschung nur vermehrt widerstreitende Bedürfnisse hervorbringt bzw Bedürfnisse nur verändert, anstatt sie zu beseitigen.
Eine Antwort auf diese Situation kann uns wiederum das griechische Denken liefern, nämlich in Gestalt der hellenistischen Philosophie, deren große Gestalten und Grundhaltungen wir als Epikureismus, Stoizismus und Skeptizismus kennen. Die oberste Glücksregel der hellenistischen Denker ist Ausdruck einer Bedürfnisökonomie: Entwickle nur solche Bedürnisse, die du jederzeit mit eigenen Mitteln befriedigen kannst. Anders formuliert: Wenn das Glück in der Erfüllung unserer persönlichen, subjektiven Bedürfnisse liegt, so gibt es daraus zwei Wege: Entwicklung immer neuer Bedürfnisse und Anpassung der Natur und der gesellschaftlichen Umstände an diese immer neuen und wachsenden Bedürfnisse -, oder umgekehrt: Anpassung der eigenen Bedürfnisse an die Natur und an die gesellschaftlichen Umstände. Im zweiten Weg – sich nur solche Bedürnisse zu setzen, die man jederzeit selber und aus eigener Kraft verwirklichen kann, in diesem zweiten Weg liegt für die hellenistischen Denker der kürzeste und sicherste Weg zum Glück. Glück ist Selbstbegrenzung: damit ich kann, was ich will, muß ich wollen, was ich kann.
Diese Glücksregel der Bedürfnisökonomie sichert die Privatisierung der Eudämonie, sie eröffnet aber zugleich die Möglichkeit, die Beliebigkeit aus dem Glücksbegriff zu verbannen und ihm einen allgemeinverbindlichen Charakter zu geben. Denn welche Bedürfnisse erfüllbar sind und welche nicht -, diese Entscheidung läßt zwar Raum für unterschiedlich radikale Auslegungen dessen, was man als „
verfügbar" anerkennen will - das zeigen die verschiedenen Schulen des Hellenismus -, im Ergebnis aber ist es eine Konzeption, die auf objektive, allgemeinverbindliche Regeln hinauswill.
Man mag diese Glückskonzeption aus der Sicht einer modernen, dynamischen Gesellschaft als zu statisch betrachten; ob sie aber auf lange Sicht nicht nur der sichere und kürzere, sondern vielleicht sogar auch der einzig mögliche Weg zum Glück ist, erscheint uns eine offene Frage.
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