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Das Q-Fieber in Holland, die Ziegen und die 'Eier legende Wollmilchsau'

Autor: sergio | Erstellt am: 11.01.2010 | Gelesen: 4020
Kategorie: Natur - Tiere & Pflanzen | Bewertung: rateArateArateBrateBrateB
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(Online-Artikel.de) - Die Ziegengrippe hält seit Wochen unsere Nachbarn in Holland in Atem u. schürt auch hierzulande die Panik. Bilder von Massentötungen tragender Ziegen erreichten uns schon vor Weihnachten.

es geht auch anders
es geht auch anders
llsede, 10. Januar 2010. Carola Heider-Leporale. Seit vielen Wochen lesen wir die Schlagzeilen der angeblichen „Ziegengrippe" in Holland, zum Teil in den Zeitungen in sehr großen Lettern herausgestellt. Man versucht der Menschheit mal wieder eine schwere und ganz gefährliche Seuche nahe zu bringen, schürt durch fehlerhafte und sehr dürftige Berichterstattung natürlich die Panik beim Verbraucher in Deutschland und bringt eine Tierart und einen ganzen Berufszweig dadurch in Misskredit. Nie wurde darüber berichtet, dass die sogenannte „Ziegengrippe" gar keine Grippe ist und eigentlich Q-Fieber (Query-/Queensland-Fieber) heißt. Es handelt sich um eine durch das Bakterium Coxiella burnetii ausgelöste Erkrankung mit zum Teil grippeähnlichen Symptomen, die sich nicht nur auf die Ziege als Überträger beschränkt, sondern auch durch verschiedene andere Tiere wie Kühe und Schafe übertragen werden kann. Der Erreger lebt in vielen wiederkäuenden Wildtieren und bis zu 40 Wildvogelarten, die den Erreger auch mit ihrem Kot ausscheiden. Auch Hund, Katze und Zecken können es weitergeben. Das Bakterium überlebt mehrere Monate im Erdboden und kann durch Luft und Wind übertragen werden. Trockenperioden begünstigen wahrscheinlich die Infektionsrate.

Das Q-Fieber wurde zum ersten Mal im Jahre 1937 in Australien entdeckt und gilt seither als Berufskrankheit der Schlachter und Landwirte. Die Q-Fieber-Infektion beim Menschen ist meldepflichtig und nach Auskunft des Robert-Koch-Institutes in Berlin ist die Zahl der Infektionen in Deutschland stark rückläufig (2008/368 Fälle, 2009/187 Fälle). Der Pressesprecher des Institutes betonte in unserem Gespräch, dass es im Laufe der letzten Jahre zwar immer mal wieder örtlich begrenzte, geringfügige Infektionen in Deutschland gegeben hat (hier durch Kühe u. Schafe), die aber im Vergleich zu anderen Infektionskrankheiten wie z.B. die unterschiedlichen Virus-Grippen kaum der Rede wert seien und i.d.R. relativ harmlos und oftmals auch unbemerkt verlaufen würden. Auch bei den Tieren verlaufen die Infektionen in den meisten Fällen unbemerkt. Das RKI warnt deshalb vor einer ungerechtfertigten Panikmache bei uns in Deutschland.

In Frankreich hat man nach größeren Infektionsserien im Jahre 1994 und 2004 gelernt mit dem Q-Fieber zu leben und umzugehen. Nach Aussagen der dort praktizierenden Tierärzte war der einzig richtige Weg die Impfprophylaxe und die Hygiene während der Ablammperioden. Dort hat man seit langem das Q-Fieber im Griff und zeigt absolutes Unverständnis über die Situation in Holland.

In Holland wurde das Q-Fieber 1958 zum ersten Mal festgestellt und hielt sich von Anfang der 80er Jahre bis 2007 relativ stabil mit ca. 20 gemeldeten Infizierten jährlich. Auch in Holland ist diese Erkrankung beim Menschen seit vielen Jahren meldepflichtig. Mit großem Bedauern wissen wir um die 6 Todesfälle durch das Q-Fieber in Holland, aber im Vergleich zu den täglichen Verkehrstoten auf unseren Strassen oder den jährlichen Grippetoten in der Winterzeit ist diese Zahl verschwindend gering.

Aber was ist nun eigentlich in Holland geschehen, dass es zu einem solch epidemischen Ausmaß dieser Erkrankung seit dem Jahr 2007 mit bisher über 2000 Infizierten und 6 Todesfällen kommen konnte? Holland hat seither nicht nur ein gesundheitliches, sondern auch ein politisches Problem. Denn anscheinend war man nicht genügend über das Q-Fieber informiert, da es in diesem Land auch nie ein Thema war. Man hat anscheinend die Landwirte und die Bevölkerung zu lange im Unklaren über die Gesamtsituation gelassen. Holland ist das Land in der EU mit der größten landwirtschaftlichen Dichte. Dort gibt es sehr viele Ziegen u.a. in Hobbyhaltung, bei Kleinbauern und jetzt kommt das Problem, in großen Milch produzierenden Ziegenbetrieben mit industrieller Massentierhaltung von mehreren tausend Ziegen in reiner Stallhaltung. Nachdem vor einigen Jahren durch die Maul- und Klauenseuche ein Großteil des Klauentierbestandes vernichtet wurde, spezialisierten sich viele Landwirte auf Ziegen und bauten dort Ziegenmilchbetriebe mit bis zu 3000 Milchziegen auf. Insgesamt gab es in Holland bis zu 370.000 Ziegen (Vergleich: Deutschland 160.000) in den Betrieben.

Studien des holländischen Land- und Gesundheitsministerium ergaben nun, dass als Hauptgefährdungsquelle für die Verbreitung des Erregers des Q-Fiebers diese großen Milchziegenbetriebe anzusehen sind. Hinzu kommt, dass es Anzeichen für 3 verschiedene Genotypen dieses Bakteriums gibt, was die ganze Sache noch erschwert hat. Damit eine Ziege Milch produzieren kann muss sie jährlich gedeckt werden und ablammen. Bei dem Geburtsvorgang wird eine Großzahl Erreger freigesetzt und das multipliziert sich durch die große Anzahl der dort jährlich ablammenden Tiere. Bei einem Betrieb mit 2500 Milchziegen macht das theorethisch 5000 Lämmer pro Jahr. Obwohl in diesen Betrieben seit Anfang 2009 alle Tiere geimpft wurden entschied sich die holländische Regierung entgegen den verschärften Protest des holländischen Tierärzteverbandes zu einer drastischen Maßnahme noch nie da gewesenen Ausmaßes. Man entschied sich dafür den Bestand aller positiv getesteten Großbetriebe zu töten, in dem man tragende und zum Großteil völlig gesunde Ziegen „einschläfert" (2 Spritzen). Als Großbetrieb wird in Holland ein Betrieb bereits ab einem Bestand von 50 Tieren eingestuft. Bei entsprechenden Maßnahmen wurden bis zum 6. Januar d.J. bereits in 21 Betrieben 8723 tragende Ziegen getötet. Insgesamt sollen es 40.000 werden.

Alle Großbetriebe (Ziegen u. Schafe in Milch) erhalten ein Betriebs- u. Zuchtverbot bis zum Juli 2010 (Aussnahme: Betriebe zur Schaffleischproduktion). Kleinere landwirtschaftliche Betriebe, Streichelzoos und Betriebe mit öffentlichem Auftrag (Schülerhöfe etc.) mit einem Tierbestand von unter 50 Tieren (Schafe/Ziegen) unterliegen der Impfpflicht und entsprechenden Hygienevorschriften und dürfen auch Milch produzieren. Viele Betriebsinhaber versuchten bereits gerichtlich diese Tötungsmassnahmen für ihre zum Teil lieb gewonnenen Tiere zu verhindern, da oftmals nur 1 oder 2 positive Ziegen in dem Gesamtbestand gefunden wurden und ein anderer Teil in getrennten Stallungen komplett negativ gewesen ist. Doch vergebens, es gibt nur Gerichtsurteile zur Rechtfertigung dieser Maßnahmen. Dem staatlichen Untersuchungsapparat ist aber bereits ein schwerwiegender Fehler unterlaufen und es wurden 700 Tiere aufgrund fehlerhafter Laborergebnisse getötet. An dem Tag an dem die Tötungsmassnahme auf diesem Betrieb durchgeführt wurde kam mit der Post der Brief vom Untersuchungsamt, dass der Betrieb als negativ einzustufen ist und die Tiere nicht getötet werden müssen.

Das Ministerium für Landwirtschaft in Holland bedauere diesen Vorfall sehr und bezeichnete es als unmenschlich. So etwas dürfe in Zukunft nicht wieder vorkommen.

Makaber...................

Vielleicht sollte es so sein und die holländische Regierung wurde jetzt wachgerüttelt und zum überdenken der gesamten Situation gezwungen, dass man mit Mensch und Tier so nicht umgehen sollte. Es zeigt sich auch, dass der zweite Impfstoff der in Holland am Tier zum Einsatz kam, mit denen auch tragenden Tiere geimpft werden dürfen, erste Erfolge aufzuweisen hat. Die Frage stellt sich nun, warum man dieser durchgeführten Impfkampagne nicht einmal den Hauch einer Chance vermittelt hat. Aber anscheinend war der Druck der Medien in Holland, die Ende letzten Jahres dieses Thema gern und umsatzträchtig aufgegriffen haben so groß, dass sich die holländische Regierung zu solchen Maßnahmen gezwungen sah.

Nach Aussagen des Robert-Koch-Institutes in Berlin und der Friedrich-Löffler-Stiftung für Tiergesundheit in Greifswald stellt sich die Situation bei uns Deutschland völlig anders dar. Sicherlich gibt es auch bei uns hin und wieder infizierte Tiere, überwiegend Schafe und Kühe, aber eines gibt es hier noch nicht: diese für Ziegen industrielle Massentierhaltung in Milch produzierenden Betrieben. In Deutschland beschränkt sich die Größe der Ziegenmilchbetriebe lt. Auskunft des Landesziegenzuchtverbandes Niedersachsen i.d.R. zwischen 50-250 Tieren, da sonst keine artgerechte Haltung gewährleistet werden kann. Aber, es gibt da einen Wermutstropfen, es laufen bereits auch bei uns mehrere Antragsverfahren auf Genehmigung von solchen Ziegenmilchmassenproduktionsanlagen. Hoffen wir, das der jetzige Fall bei unseren holländischen Nachbarn Grund genug ist, das diese Anlagen hier nie genehmigt werden.

Ziegen sind freundliche und liebenswerte Tiere mit einem großen Bewegungsdrang. Zu Kriegszeiten war die Ziege die „Kuh des kleinen Mannes" und rettete, heimlich auf dem Dachboden gehalten, so manche Familie über die schlechten Kriegsjahre. In Holland wurden vielen kleineren Ziegenbetrieben (50-100 Ziegen) durch diese Zwangsmaßnahmen nicht nur die Existenz genommen sondern auch das Herz, das mit dem töten dieser Tiere herausgerissen wurde. Vielleicht lernen wir Menschen als Verbraucher durch solche Ereignisse, ob es nur so geht: schneller, höher, weiter, billiger in den Discountern – oder das wir unsere Zukunft selber in der Hand haben in dem wir uns bewusster ernähren, einkaufen und eine Wertschätzung gegenüber dem Tier bzw. allen Lebensmitteln entwickeln und dazu übergehen im Rahmen der Möglichkeiten den regionalen bäuerlichen Absatz zu unterstützen.

Doch es mag ja sein, dass findige Tüftler in der Zukunft den "Eier legenden PC", das "Milch gebende Kuhdrahtgestellt" und das "Fleisch aus der Retorte" erfinden, damit der Mensch zur Vermeidung weiterer „Seuchen" alle Tiere dieser Welt abschaffen kann. Oder aber wir entdeckten in einem noch unerforschten Urwald dieser Erde die „Eier legende Wollmilchsau".

Auch wenn es heißt, dass die Nachfrage nach Ziegenmilch so groß ist, dass man zum Aufbau solcher Milchfabriken gezwungen ist, werden auf der anderen Seite kleinere Ziegenmilchbetriebe zur Aufgabe gezwungen, da sie die Milch ihrer 30-50 Milchziegen trotz aller Bemühungen regional nicht verwerten und absetzen können. Und Tiere in solchen Massenanlagen sind unweigerlich durch die nicht artgerechte Haltung viel grösserem Stress ausgesetzt, was sie wiederum anfälliger für Krankheiten macht.

Nicht andere, schon gar nicht die Tiere, sind für unser Konsumverhalten verantwortlich. Wir Menschen müssen lernen in Zukunft die Verantwortung für unser eigenes Tun und Handeln zu übernehmen.

Reportage: Carola Heider-Leporale
Foto: „es geht auch anders" Carola Heider-Leporale
Fachjournalistin für Ziegen
www.zickenzone-photographie.de
mein Blog „Tiere und Natur"

Ich bedanke mich auf diesem Wege für die freundliche Zusammenarbeit mit der „Abteilung Landwirtschaft, Natur und Lebensmittelqualität der Botschaft des Königreichs der Niederlande in Berlin“, dem Robert-Koch-Institut in Berlin, dem Friedrich-Löffler-Institut in Greifswald, dem LAVES in Oldenburg und dem Landesverband Niedersächsischer Ziegenzüchter e.V. in Oldenburg, ohne deren Bereitschaft zur Auskunft dieser Artikel nicht möglich gewesen wäre.

Anmerkung des Autors:
bis zur Veröffentlichung standen noch Antworten auf Anfragen beim niederländischen Landwirtschaftsministerium aus.

 
 
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