Thilo Sarrazin - dieter schütz/pixelio.de
Die Veröffentlichung des Buches "Deutschland schafft sich ab" durch den Ex-Bundesbankvorstand und Sozialdemokraten
Thilo Sarrazin hat eine bisher dagewesene Schleuse der Diskussionsverweigerung über ein Zukunftsthema gebracht. Eine nicht enden wollende Welle der Beiträge und Wortspenden zum Thema
Zuwanderungs- und Integrationspolitik reißt nicht ab. Thilo Sarrazin war mit seinen umstrittenen Thesen ein Blockadebrecher für einen Diskussionsprozess der in der Bundesrepublik Deutschland, wie viele gesellschaftspolitische Diskussionen in der Vergangenheit, mit einem gewissen Zeitverzögerungseffekt geführt wird. Und das, obwohl man seit Anfang der 1960er Jahre des 20. Jahrhunderts zuerst Gastarbeiter aus Ex-Jugoslawien und der Türkei und dann Zuwanderer und Asylanten aus nahezu allen Teilen der Welt in Deutschland aufgenommen hatte. Demgegenüber wurde aber bis heute keine offene und ehrliche Diskussion über das Thema der Zumutbarkeit einer solchen Zuwanderungspolitik für die Heimatbevölkerung geführt. Viele Jahre und Jahrzehnte galt dieses Thema politisch als inkorrekt und wurde nur politischen Randgruppen der extremen Rechten überlassen. Mit Thilo Sarrazin ist das Thema Zuwanderung aber gesellschaftspolitisch in die Mitte der deutschen Gesellschaft gekommen.
Sarrazin beackert fruchtbaren Boden wie ein Popstar
Thilo Sarrazin und seinen Thesen werden bei jedem Auftritt wie der Auftritt eines Popstars gefeiert. Und das kommt nicht von ungefähr. Allein die letzten acht Wochen, seit sein Buch veröffentlicht wurde, bekam er den Status eines Kronzeuge gegen die derzeitigen politischen Eliten. In einer Studie der Mannheimer Universität werden einer von Sarrazin gegründeten oder ideologisch unterstützten Partei bis zu 26% Zustimmung in der Wählerschaft in Aussicht gestellt. Dies ist für das herrschende Parteienspektrum aus CDU/CSU, SPD, FDP, Grüne und LINKE jedenfalls ein fundamentales Alarmzeichen. So ist eine sechste Partei für Deutschlands Politisches System derzeit jedenfalls mehr als sexy. Denn er orientiert sich am klassischen Dreieck von Ordnung, Politik und Recht.
Wer ist Thilo Sarrazin eigentlich
Thilo Sarrazin, heute 65jährig, wurde im letzten Kriegsjahr 1945 als Sohn eines Mediziners und einer Gutsbesitzerin ins großbürgerliche Milieu hineingeboren. Nach Kindheit und Jugend in Recklinghausen, absolvierte er eine klassisch-humanistische Ausbildung am Recklinghauser Petrinum, wo noch die Klassiker Griechisch und Latein am Lehrplan standen. Sarrazin leistete danach seinen Wehrdienst in der Bundeswehr ab und wählte das Volkswirtschaftsstudium an der Universität Bonn, das er 1971 abschloss. Anschließend wirkte er als Hochschulassistent am Institut für Industrie- und Verkehrspolitik der Universität Bonn. Dieser Tätigkeit folgte eine wissenschaftliche Referententätigkeit an der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Von seinen biographischen Wurzeln viel eher in die CDU oder FDP angesiedelt, war er ein atypischer 68iger. So wählte er als Pragmatiker den Weg der Mitte und engagierte sich in der erfolgreichen SPD von Willy Brandt und Helmut Schmidt. Sarrazin wirkte damit an einem neuen Kurs mit, den die Bundesrepublik in den 1970er Jahren unter SPD-Kanzlerschaft einzuschlagen versuchte.
Als Staatsdiener äußert erfolgreich
Im Gegensatz zu vielen anderen Zeitgenossen verweigerte Sarrazin einen Platz in den Medien oder der Parteipolitik. Nach einer konzeptiven Tätigkeit in der Friedrich-Ebert-Stiftung wechselte er 1975 ins Bonner Finanzministerium, wo er ab 1977 beim einflussreichen Internationalen Währungsfonds in Washington tätig war. Dann folgte nach vier Jahren ein Wechsel ins Bundesministerium für Arbeit und Soziales. 1981 ging Sarrazin ins Bundesministerium für Finanzen zurück. Dort diente er den SPD-Ministern Matthöfer und Lahnstein. Nach dem Regierungswechsel zu Kohl und Genscher diente er in der CDU/FDP-Regierungszeit weiterhin als Referatsleiter im Bundesministerium für Finanzen.
Die wirtschaftspolitische Wiedervereinigung mitgestaltet
Im Zuge der Wiedervereinigung 1989/90 setzte Sarrazin für den CDU-Kanzler Helmut Kohl und den FDP-Vizekanzler Hans Dietrich Genscher die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der BRD und der DDR um. Sarrazin war auch für die Treuhandanstalt im Zuge der Wiedervereinigung wirtschaftspolitisch tätig. Dann folgte ein politischer Ausflug in die Landespolitik von Rheinland-Pfalz als Staatssekretär für Finanzen bis 1997. In diesem Jahr übernahm er wiederum die Führung der Treuhandliegenschaftsgesellschaft und sanierte Altlasten aus der deutschen Wiedervereinigung. Im Jahr 2000 berief man ihn in die Deutsche Bahn als Gegengewicht gegen den Vorstand Hartmut Mehdorn. Dem folgte ein Machtkampf, den Szarrazin durch einen neuerlichen Wechsel in die Landespolitik beendete.
Der sozialdemokratische Politiker Thilo Sarrazin
Im Januar 2002 wurde Sarrazin zum Senator für Finanzen der Hauptstadt Berlin ernannt. Er setzte in seiner Amtszeit bis 2008 eine klassische Finanz- und Wirtschaftspolitik um und konnte so sogar einen in der Geschichte einmaligen Haushaltsüberschuss von 80 Millionen Euro im Jahre 2007 für die deutsche Bundeshauptstadt erwirtschaften. In dieser Berliner Zeit wurde Sarrazin durch eine Vielzahl an Funktionen und dem Hang zu pointierten Aussagen und schriftlichen Beiträgen zu gesellschaftspolitischen Debatten, die vor allem für einen SPD-Mann unkonventionelle Standpunkte enthielt, einer breiten Öffentlichkeit in der Bundesrepublik bekannt.
Sarrazin der Kurzeit-Banker
Im April 2009 wechselte Sarrazin schlussendlich in seine letzte öffentliche Funktion, den Vorstand der Deutschen Bank. Zuständig war er für die Agenden Informationstechnologie, Risiko-Controlling und Revision. Seit dieser Zeit verstärkte Sarrazin seine öffentlichen Äußerungen zur Gesellschaftspolitik, vor allem zur Zuwanderungsthemen und Deutsche Identität. Durch seine neuen Ideen und Äußerungen kam er in den Focus einer breiten Gegnerschaft aus allen politischen Lagern, die schlussendlich zu seinem Abgang in der Deutschen Bundesbank führte.
Sarrazin der Publizist
Sarrazin hat lange vor der Veröffentlichung des Buches Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, publiziert. Alle vorangegangenen Werke Sarrazins haben sich mit klassischen Themen der Finanzen- und Wirtschaftspolitik beschäftigt, etwa Der Euro: Chance oder Abenteuer? (1997), Reform der Finanzverfassung.(1998), Der Euro (1998,) Ansatzpunkte für eine europäische Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik (1999),Gestaltung der Zukunftsfähigkeit Berlins in Zeiten knapper Kassen (2004), Regionale bzw. kommunale Entwicklungen im Bereich der Wohnungs- und Städtebaupolitik (2007) und Neue Wege zu einer angemessenen Finanzverteilung im Bundesstaat (2008).
Autor: Dr. Fritz Simhandl