moodTweety im Browser
Mit dem Portal moodtweety.com unternimmt die beeNetworks GmbH einen ambitionierten Versuch, die weltweite Stimmungslage zu erfassen. Genutzt wird der bekannte Kommunikationsdienst Twitter.
Das Konzept von moodtweety.com
Zunächst das wichtigste:
Moodtweety.com führt keine Meinungsumfragen durch und betreibt auch keine Marktforschung. Der Anwender übermittelt schlicht seine momentane Stimmung, indem er ihr einen Zahlenwert zwischen -10 und +10 zuordnet. Abstimmen kann der User entweder direkt auf dem Portal http://www.moodtweety.com oder auch dadurch, dass er einer Twitter Nachricht den Zusatz „#mt x" hinzufügt, wobei x für den entsprechenden Zahlenwert steht, also beispielsweise „#mt -7" bei ziemlich schlechter Stimmung. Veröffentlicht werden sowohl ein weltweiter Mittelwert als auch eine nach Ländern und Regionen aufgeschlüsselte Auswertung. Nach einer Begründung für die aktuelle Stimmungslage wird nicht gefragt. Allerdings kann optional ein kurzer Text hinzugefügt werden, der auch in der Timeline auf Twitter sichtbar ist. Diese Texte erlauben es, beispielsweise durch eine statistische Auswertung enthaltener Keywords, mögliche Ursachen eines allgemeinen Stimmungswandels zu ermitteln.
Welche Aussagen erlauben diese Daten?
Angesichts der Art der Datenerhebung ist selbstverständlich, dass ausschließlich statistische Aussagen möglich sind. Ob die Stimmung des einzelnen Teilnehmers beispielsweise wegen bedrückender Nachrichten oder aufgrund eines bevorstehenden Zahnarzttermins getrübt ist, lässt sich meist nicht ermitteln. Bei hinreichend großer Beteiligung lassen jedoch insbesondere abrupte Änderungen der Stimmungswerte interessante Rückschlüsse zu. In diesem Fall werden zufällige Ereignisse im privaten Bereich der Teilnehmer durch die Bildung eines Mittelwertes von vielen Abstimmungsergebnissen das Resultat statistisch nicht mehr beeinflussen. Eine Erkenntnis, der sich die klassische Meinungsforschung seit Langem bedient. Bereits durch Befragung von etwa 1000 repräsentativ ausgewählten Personen lässt sich sehr zuverlässig ein Meinungsbild der deutschen Gesamtbevölkerung ermitteln, da spezielle Einflussfaktoren, die im Einzelfall die Meinungsbildung beeinflussen, sich in den Mittelwerten weitgehend gegenseitig aufheben. Daher hätte ein von moodtweety.com erhobenes Stimmungsbild im letzten Jahr z.B. interessante Rückschlüsse erlaubt, wie sich die allgemeine Stimmungslage infolge der globalen Finanzkrise verändert hat und in welchen Ländern diese Veränderungen besonders deutlich ausgefallen sind.
Moodtweety ergänzt die Demoskopie
Moodtweety stellt keine Alternative zur herkömmlichen Meinungsforschung dar, sondern eine Ergänzung. Bei hinreichend großer Beteiligung können die ermittelten Stimmungsbilder den Meinungsforschern bei der Kontrolle Ihrer Ergebnisse wertvolle Dienste leisten. Viele Themenfelder lassen sich mit Mitteln der klassischen Demoskopie nur unzureichend untersuchen, da die Antworten der befragten Personen durch eine gesellschaftliche Erwartungshaltung maßgeblich beeinflusst werden. Betrachten wir als aktuelles Beispiel die furchtbare Naturkatastrophe auf Haiti. Die Wahrnehmung dieser Katastrophe in nicht betroffenen Ländern wie Deutschland ist demoskopisch kaum seriös messbar. Auf gezielte diesbezügliche Fragen werden nahezu 100 Prozent der Befragten antworten, dass sie selbstverständlich sehr betroffen seien. Dabei sagen sie keinesfalls die Unwahrheit, denn die allermeisten Befragten sind in dem Augenblick wirklich sehr betroffen, in dem sie gezielt auf das Leid dieser Menschen angesprochen werden. Unklar bleibt, in welchem Umfang sich der einzelne Befragte tatsächlich betroffen gefühlt hätte, ohne darauf angesprochen worden zu sein. Ein ebenso bekanntes wie unlösbares Problem der Meinungsforschung: Wie wichtig ist den Menschen ein Thema, wenn sie niemand fragt, wie wichtig es ist? Ein ohne konkreten Anlass erhobenes Stimmungsbild kann solche Fragen zumindest im statistischen Sinne beantworten helfen, ohne dabei jedoch Rückschlüsse auf den einzelnen Befragten zu erlauben.
geschrieben von Sebastian Constapel aus Schortens