Kinoplakat für den Film \"Das Konzert\"
Radu Mihaileanu setzt seine filmische Linie mit dem Film "Konzert" fort. Der in Rumänien geborene Regisseur spannt in diesem Film einen inneren Bogen von Beziehungen und Kontrasten zwischen Moskau und Paris. Kern des Films ist das Konzert für Violine und Orchester von Tschaikowsky. Der Film ist ein Liebesbekenntnis zur Verwandlungs und Verbindungskraft von Musik.
Mihaileanu lebt seit seinem 22. Lebensjahr in Frankreich und fühlt sich als Kosmopolit. In einem Interview spricht er vom "Humor als letzte Waffe gegen Diktatoren". Seine Filme vibrieren von überbordender Lebenslust und so kommt es, dass auch "Konzert" diesem Prinzip treu bleibt. Schon die ersten beiden Sequenzen zeigen die Spannweite des Hauptprotagonisten Andrei Filipow. In der ersten Einstellung scheint er ein Orchester zu dirigieren, ganz vertieft in die Musik, groß, erhaben, würdevoll. Doch schon in der zweiten Szene sieht man einen unterwürfig agierenden, gedemütigten Mann, der vom Direktor des Bolschoi Theaters gnadenlos angeraunzt wird. Nach und nach erfährt der Zuschauer, dass Filipow ehemaliger Moskauer Stardirigent des Bolschoi Theaters ist, der vor 30 Jahren zum Putzmann degradiert wurde, weil er sich geweigert hatte seine jüdischen Musiker zu entlassen. Durch die erste Szene ahnen wir, dass in dem gebrochen wirkenden Mann mehr steckt, als die Umstände zulassen. Doch das Leben scheint es gut mit Filipow zu meinen und er ergreift schon die erste Gelegenheit, durch die er sich zu seiner vollen Größe aufschwingen kann. Vom Direktor zum gründlichen Putzen seines Büros verdonnert, entdeckt Filipow ein eingehendes Fax vom Theater Le Chatelet aus Paris. Ohne zu zögern beschliesst er sein altes Orchester zu versammeln, nach Paris zu fahren und an dem offiziellen Bolschoi vorbei sein Konzert im Chatelet zu spielen. Vor 30 Jahren hatte er dieses Orchester auf das Konzert für Violine und Orchster von Tschaikowsky vorbereitet, wurde jedoch mitten in der Aufführung vom Direktor des Bolschoi als Volksverräter beschimpft. Filipows Sehnsucht nach Harmonie wurde jäh beendet, bevor sie erfüllt war.
Durch diverse Schwindeleien gelingt es ihm tatsächlich mit seinem Orchester in Paris anzukommen. Mihaileanu wirft hier einen interessanten Aspekt der Hochstapelei auf. Filipow schwindelt nicht nur um zu überleben, um zu seiner Würde zurück zu finden. Er schwindelt, um die Umstände, die ihn gefangen halten, zu überwinden - um schliesslich der zu werden, der er wirklich ist. Sein Leitmotiv ist Harmonie. In einer Schlüsselszene macht er einem Mitstreiter, der immer noch an der äusseren Errichtung eines kommunistischen Staates festhält, klar, dass ein Orchester wie eine Welt im Kleinen sei. Die Musiker erzeugen magische Klänge, die sich zu einer Harmonie fügen und wenn das der Fall sei, habe das Spiel des Orchesters den wahren Kommunismus geschaffen.
Mihaileanu hat hier ein Bekenntnis zur Musik abgelegt, wie es bei Sufis und anderen Mystikern immer wieder zu hören ist. Die Einheit oder Harmonie aller Menschen und aller Wesen ist eine musikalische Größe, die mit Worten nicht darstellbar ist. Dies scheint der genaue Gegenentwurf zu sein zu einer von Außen herbeizuführenden Ordnung, wie es in den kommunistischen Experimenten des vergangenen Jahrhunderts versucht wurde. Immerhin, kann man sagen, war in der Sowjetunion der Stellenwert der Musik sehr hoch. In diesem Jahrhundert wird die von Außen herbeigeführte Ordnung von radikal-islamischen Bewegungen und Staaten wie dem Iran angestrebt. Der Iran hat nicht nur schon länger den Musikunterricht in staatlichen Schulen verboten, seit einem halben Jahr gilt das uneingeschränkte Musik Unterrichtsverbot auch für private Schulen. Beobachter rechnen zukünftig mit einem vollständigen Verbot von Musik im Iran.
Wenn wir Musik als einen Beitrag zur Würde des Menschseins betrachten, ist jeder gespielte Ton ein Beitrag zur Solidarität mit jedem einzelnen Menschen im Iran, der sich nach Freiheit sehnt. Filipow bekennt sich zu Musik. Mit diesem Ziel vor Augen setzt er alles ein, um die Momente der Harmonie zu erreichen. Das Leben meint es gut mit ihm.
Helmut N. Gabel,
www.mehriran.de