Ständig leben wir in Sorge um unsere Rente und schauen mit gemischten Gefühlen auf die demografische Entwicklung. Was wir brauchen, ist Nachwuchs, der durch seine Arbeitskraft zur Sicherung der Renten und des sozialen Netzes beiträgt.
Da muss man doch froh sein, wenn es (noch) Kinder gibt.
Aber, das Bedürfnis nach Zahlung der Rentenbeiträge hat auch seine Kehrseite. Der Nachwuchs ist nämlich erst einmal Kind, bevor er zum Produktionsfaktor wird. Und Kinder, das sollten wir aus eigener Erfahrung noch wissen, spielen gerne. Und spielende Kinder sind laut, fröhlich, auch unbeherrscht und unvorsichtig - eben Kinder. Und das wiederum passt nicht jedem, vor allem dem Rentner nicht.
Gestern wurde mir ein Brief eines Hauseigentümers gezeigt, der mich sehr nachdenklich macht, zur Weißglut bringt aber auch traurig macht
Der Brief zeigt deutlich, in welch wunderbarem Land wir leben. In einem Land, in dem Erwachsene so tun, als wären sie nie Kind gewesen. In einem Land, das darauf baut, dass die nachwachsende Generation die Renten der alten bezahlt. In einem Land, das sich beschwert, wenn das soziale Netz Löcher bekommt, weil kein Nachwuchs da ist. In einem Land, in dem sich die Alten wundern, dass so viele Junge zum Psychiater gehen. In einem Land, wo sich Unternehmer beschweren, weil es so viele Vorschriften für Unternehmen gibt, aber anscheinend zu wenig Regelungen, wenn es um eigene private Vorteile geht.
Hier der Brief in gekürzter Fassung, die wesentlichen Stellen zitiert:
„… wir möchten Sie nochmals höflich darum bitten, Ihre Schüler darauf hinzuweisen, dass die Hoffläche kein öffentlicher Schulhof, sondern ein privates Parkplatzgelände ist.
Die Eigentümergemeinschaft hat uns bereits über die Hausverwaltung informiert, dass der Hof bitte in diesem Sinne auch genutzt werden solle.
Zwischenzeitlich ist eine Beschwerde einer Eigentümerin bei uns eingegangen. Demnach sind die Schüler in den Pausen ohne Aufsicht, was zu weiteren Beschwerden führt:
- Schneeballschlachten gegen frisch gestrichene Hauswände und Fenster, unter anderem auch mit Schnee von den parkenden Autos der Eigentümer
- Mehrmaliges Klingelputzen bei der Eigentümerin xy
- Belästigung und Verschmutzung durch Schneewerfen im Eingangsbereich der Fa. Xyz
Letzteres haben mein Mann und einer seiner Mitarbeiter beim Vorbeifahren am …. um 12:30 Uhr beobachtet.
Wir sind davon überzeugt, dass auch Sie ein angenehmes Miteinander mit uns und den anderen Hausbewohnern wünschen. Daher bitten wir Sie inständig sich mit Ihrem Personal in Verbindung zu setzen und energisch Verbote und Regelungen aufzustellen, damit ein friedvolles Miteinander erhalten bleibt.……." (Briefzitatende)
Ich finde, es ist schön, dass Leute alles so genau und beobachten. Ich finde es auch toll, dass man immer wieder bemüht ist, Kindern durch Verbote und Regelungen beizubringen, worauf es im Leben ankommt. Es klingt auch so friedvoll, wenn Miteinander nur dann von einer Seite als angenehm empfunden wird, wenn die andere Seite durch energische Verbote eingeschränkt wird.
Vielleicht sollte man die Kinder nach der Geburt direkt in eine professionelle Anstalt geben, in der sie zum Schutze der Allgemeinheit geräuschlos und unauffällig für die zukünftigen Aufgaben dressiert werden. Und erst dann, nachdem sie bestimmte berufstaugliche Fähigkeiten entwickelt haben, Gesetze verstehen und befolgen und körperlich soweit sind, dass sie in den vorbestimmten Arbeitsprozess eingebunden werden können, dürfen sie in die Gesellschaft der Rentenanwärter eintreten.
Sind wir nicht schon auf dem besten Wege dorthin? Schule beginnt schon im Kindergarten, um so früh wie möglich „spielerisch wichtige Dinge" lernen. In der Schule sind die Hauptfächer Trumpf und Verhaltensnoten und Vermerke wie in einem Arbeitszeugnis bestimmen die Zukunft. Abholbereite Kinder produzieren, abholbereit für die Aufrechterhaltung der Wirtschaftskreisläufe. Da ist das kindliche Spielen natürlich störend.
Wo gibt es das auf der Welt, dass sich die Legislative damit beschäftigen muss, ob Kindertagesstätten oder Kindergärten wegen Lärmbelästigung aus Stadtgebieten heraus umgesiedelt werden müssen?
Als Kind würde ich sagen: „Fresst doch einfach euren Schnee, dann braucht ihr keine Rente mehr!"
www.taz.de/..Reinhard Leinweber