Der 7-Sitzer Chevrolet Orlando im ersten autonet.at-Test.
Sie müssen schon etwas vorsichtig sein und vor allem sehr deutlich sprechen. Kinderohren hören ja meistens auch nur das, was sie hören wollen. Und so kann es schon passieren, dass sie von ihren Kleinen freudestrahlend umringt werden und mit Jubelgeschrei bedacht werden: „Juhu, wir fahren nach Disney-World." So leicht kann man sich verhören. Sie meinten ja nur: „Wir fahren bald im Orlando!" und die Kleinen vermeinten zu hören: „Wir fahren nach Orlando!" Wie soll man sich da aus der Affäre ziehen? Und wie kann man es den Kinderlein beibringen, dass es doch nicht zu Micky Maus und Co geht, sondern sie nur mit berechtigter Freude mitteilen wollten, dass sie sich das erste Chevrolet-Modell im Kompaktvan-Segment angeschafft haben? Im Vergleich zu den sensationellen Themenparks im sonnigen Florida, ist der siebensitzige Van von Chevrolet namens Orlando wahrscheinlich ein schwacher Trost. Bei genauerer Betrachtung des Amerikano-Koreaners fallen aber doch sehr praktische, angenehme und vielseitige Qualitäten auf, die nicht zuletzt wegen des Preises Käufern und Mitreisenden zumindest kleine Glücksmomente verabreichen.
Wer sich immer noch fragt: „Ist Chevrolet nun eine amerikanische oder
eine koreanische Marke?“,
wird beim Blick auf den Orlando erst recht
keine Antwort bekommen.
Der Kompaktvan ist vom Aussehen her das
amerikanischste Modell aus koreanischer Produktion.
Das Auftreten ist
geradlinig. Die Details sind nicht überzeichnet. Der Kühlergrill ist
perfekter Träger der Markenidentität.
Die Plattform kommt von der Kompaktlimousine Cruze. In den Dimensionen
übertrifft
der Orlando seinen viertürigen Bruder allerdings deutlich.
Die Länge beträgt 4,65 Meter,
der Radstand kommt auf 2,76 Meter. Dazwischen finden bis zu sieben Personen gute Platzverhältnisse vor.
Mit
einem Wendekreis von 11,3 Metern ist der Orlando leicht zu manövrieren.Der geradlinige Amerikaner aus Korea
Es war im Jahr 2008 als Chevrolet beim Pariser Automobilsalon ein Konzeptfahrzeug namens Orlando präsentiert hatte. Was zu sehen war, wurde von der Fachwelt interessant beäugt und als Hinweis verstanden, dass Chevrolet demnächst auch im dicht besiedelten Segment der Kompaktvans mitmischen will. Noch ein Kandidat mehr also, der sich sein Stück vom Kuchen sichern will, so wie viele andere, beispielsweise Opel Zafira, VW Touran, Renault Scenic, Ford C-Max, Citroën C4 Picasso, Peugeot 5008, und so weiter. Was nun im März 2011 bei den österreichischen Chevrolet-Händlern in den Schauräumen landen wird, ist praktisch eins-zu-eins das Konzeptfahrzeug aus 2008, weiß sich optisch von der Konkurrenz abzuheben, ist – und das ist in diesem Segment unausweichlich – ausgesprochen flexibel und knallt den anderen Mitstreitern preismäßig ordentlich einen vor den Latz. Wo die anderen ihr Dach möglichst weit nach oben strecken oder wie ein prall gefüllter Ballon wirken, zeigt der Chevrolet Orlando eine schnurgerade, niedrige Dachlinie und kommt insgesamt sehr box-mäßig daher. So ist er das amerikanischste Chevrolet-Modell aus koreanischer Produktion. Schon geradezu schlicht wirken die Frontscheinwerfer. Der Kühlergrill dagegen mit der breiten Querstrebe und dem großen Chevrolet-Logo dient als gutes Beispiel für gelungenen Aufbau einer leicht wiederzuerkennenden Markenidentität.
Gemacht für Sieben
Auf der Kompaktlimousine Cruze basierend, misst der Chevrolet Orlando 4,65 Meter in der Länge und 1,63 Meter in der Höhe. Eine eingeschränkte Kopffreiheit muss man dabei nicht fürchten und das obwohl die drei Sitzreihen nach hinten ansteigen – Kinofeeling quasi. Bei einem Radstand von 2,76 Meter gehen sich vor allem in den ersten beiden Sitzreihen ansprechende Werte hinsichtlich der Kniefreiheit aus. In Reihe Drei finden die Knie ebenfalls Platz, ragen wegen des hohen Fahrzeugbodens aber hoch auf. Großgewachsene werden mit dem Kopf am Dachhimmel anstehen. Der Orlando ist in jedem Fall ein Siebensitzer, kein Hin- und Herüberlegen, ob man einen fünf- oder doch einen siebensitzigen Van will und es wird auch kein happiger Aufpreis für eine dritte Sitzreihe verlangt. Wer keine Notwenigkeit für die beiden hintersten Sitze hat, lässt diese einfach flach im Kofferraumboden verschwinden. So steigt das Ladevolumen von sehr knapp bemessenen 89 Litern auf alltagstaugliche 458 Liter. Klappt man die zweite Sitzreihe um, passen 856 Liter in den Orlando (wohlgemerkt, diese Messung geht nur bis zur Fensterunterkante). Die Sitze der zweiten Reihe lassen sich mit umgelegten Rückenlehnen auch nach vorn klappen und erleichtern damit den Einstieg in die dritte Sitzreihe.
Versteckte Talente
Wie es sich für einen Kompaktvan gehört, enden die Verstauungsmöglichkeiten nicht mit dem Kofferraum. Getränkehalter, Ablagen und Staufächer in den Türen sind eine Selbstverständlichkeit. Besonders stolz ist man bei Chevrolet aber über das „Geheimfach" in der Mittelkonsole. Mittels Taste lässt sich die Bedieneinheit des CD-Radios nach oben klappen. Dahinter versteckt sich ein gar nicht so kleines Staufach für MP3-Player, Sonnenbrille oder Geldbörse. Vom Begriff Plastikwüste ist das Armaturenbrett im Übrigen meilenweit entfernt. Die Designer haben stilistisches Geschick bewiesen und Anleihen bei der Chevrolet-Ikone Corvette genommen. Die Anzeigen sind klar auf den Fahrer ausgerichtet. Eine blaue Instrumentenbeleuchtung sorgt für ein nicht alltägliches Ambiente. Die Gestaltung der Mittelkonsole wurde angeblich von einem Wasserfall inspiriert. Sie stürzt sich quasi nach unten.
Beim Innenraum beschränkte man sich nicht auf nüchterne Funktionalität, sondern gönnte dem Orlando
auch einen durchgestylten Auftritt. Das war in den Anfangszeiten der Chevrolet- bzw. Daewoo-Modelle
nicht immer der Fall. Die blau beleuchteten Instrumente sind übersichtlich.
Das Lenkrad liegt gut in der Hand. Die Mittelkonsole ist auf Hochglanz getrimmt.Drei Ausstattungslinien
Der Komfort kommt im Chevrolet Orlando nicht zu kurz. Teil der Serienausstattung im Basismodell LS sind CD-Radio, elektrisch verstellbare Außenspiegel, elektrische Fensterheber vorn und eine manuelle Klimaanlage. In der zweiten Ausstattungsstufe LT arbeitet die Klimaanlage bereits automatisch, weiters gibt es Einparkhilfe hinten, elektrische Fensterheber vorn und hinten, ein besseres Audiosystem mit USB-Anschluss und Lenkrad-Fernbedienung, Lederlenkrad, Nebelscheinwerfer und 16-Zoll-Alufelgen. Im Topmodell LTZ kommen noch einige Styling-Elemente wie Chromzierleisten am Fensterrahmen, 17-Zoll-Alufelgen und Ambientebeleuchtung in der Mittelkonsole dazu. Außerdem sind auch Tempomat, Regen-, Licht- und Luftgütesensor an Bord. Optional gibt es nur Metallic-Lackierung, ein CD-Navigationssystem, Ledersitze und 18-Zoll-Alufelgen. Bei der Sicherheit schließt Chevrolet sämtliche Wahlmöglichkeiten aus. ESP und sechs Airbags sind in jedem Fall Teil der Serienausstattung.
Bei den Ablagefächern hat sich Chevrolet einen besonderen Clou einfallen
lassen.
Die Bedieneinheit des CD-Radios lässt sich anheben. Dahinter
wartet ein Ablagefach
für die verschiedensten Dinge, zum Beispiel einen
MP3-Player.
Der dazugehörige USB-Anschluss befindet sich auch im
Ablagefach.
Der Chevrolet Orlando wird in jedem Fall als Siebensitzer angeboten, ob
man nun so viele Passagiere
transportieren will oder nicht. Zum leichten
Entern der dritten Sitzreihe muss nur die Rückenlehne
der zweiten
Sitzreihe umgeklappt werden. Mit einem Handgriff lässt sich diese dann
auch nach vorn klappen.
Wirklich große Mitreisende werden im hinteren
Abteil auf Dauer keine Freude haben.
Der Sitzabstand ist aber deutlich
besser als in manch anderen siebensitzigen Kompaktvans.
Neben dem Personentransport eignet sich der Chevrolet Orlando auch
hervorragend zum Transport anderer Güter.
Bei siebensitziger Bestuhlung
ist das Kofferraumvolumen mit 89 Litern noch sehr spärlich.
Sind die
hinteren Sitzlehnen flach umgelegt, stehen aber bereits 458 Liter zur
Verfügung.
Legt man auch noch die Sitze der zweiten Reihe um, entsteht
eine ebene Ladefläche mit 856 Litern Volumen.
Wobei Chevrolet hier nur
die Werte bei Beladung bis zur Fensterunterkante angibt.Power unter der Haube
Neben den praktischen Alltagstalenten und der zwar nicht üppigen, aber doch sehr angenehmen Komfortausstattung steht auf dem Wunschzettel der Kompaktvan-Käufer noch eine ansprechende Motorisierung. In diesem Punkt hat der Chevrolet Orlando drei Aggregate zu bieten. Zum einen wäre der 1,8-Liter-Benzinmotor mit 141 PS Leistung und einem Drehmoment von 176 Nm. Sein Durchschnittsverbrauch liegt bei 7,3 Litern. Das entspricht einem CO2-Ausstoß von 172 g/km. Sieht man sich die Verbrauchswerte der Dieselmotoren an, muss man zum Schluss kommen, dass den Benziner wohl nur echte Ottomotor-Enthusiasten als erste Wahl betrachten werden, oder jene, die vorrangig auf den Preis schauen. Bei den Selbstzündern hat Chevrolet einen Zwei-Liter-Common-Rail-Motor zu bieten, der in den Leistungsstufen 130 und 163 PS angeboten wird. 315 Nm Drehmoment bringt der schwächere der beiden auf die Vorderachse, 360 Nm sind es beim 163-PS-Aggregat. Beide sind mit einem manuellen Sechsgang-Getriebe gekoppelt, den stärkeren gibt es auch mit einer Sechs-Stufen-Automatik. Der Durchschnittsverbrauch von sechs Litern Diesel pro 100 Kilometer und ein CO2-Ausstoß von 159 g/km sind für beide Common-Railer identisch.
Bei der Motorisierung hat sich Chevrolet für durchwegs leistungsstarke
Aggregate entschieden.
Auf Benzinerseite gibt es nur ein Triebwerk mit
1,8 Litern Hubraum und 141 PS Leistung.
Bei den Dieselmotoren haben die
Kunden die Wahl zwischen zwei Common-Railern mit 130 und 163 PS
Leistung.
Beide Aggregate gönnen sich im Schnitt sechs Liter Diesel auf
100 Kilometer.
Der stärkere Dieselmotor ist alternativ zum manuellen
Sechsgang-Getriebe auch mit einer Sechs-Stufen-Automatik erhältlich.Angenehmer Fahrkomfort
Auf den ersten Testkilometern hat die Automatik-Variante des starken Dieselmotors durch Laufruhe, gut abgestimmte und rasche Gangwechsel und ein ausgewogenes Fahrverhalten überzeugt. Wer lieber selber schaltet, kann mit dem manuellen Getriebe sehr zufrieden sein. Das Fahrwerk hat eine gute Abstimmung parat. Sprichwörtliche amerikanische oder koreanische Untugenden hinsichtlich Schwammigkeit sind dem Orlando fremd. Schwanken ist ebenso nicht angesagt, wie das harte Durchreichen von Bodenunebenheiten. Der Orlando ist weder Sportler noch Komfort-Schaukel, sondern ein feiner, angenehmer Kompromiss. Spätestens seit dem Cruze bemerkt man bei Chevrolet eine deutliche Weiterentwicklung beim Fahrkomfort. Der Orlando gibt ein neuerliches Zeugnis für diese Qualitäten ab.
Allemal eignet sich der Chevrolet Orlando als ideales Familienmobil für
längere Fahrten mit großem Gepäck.
Der Fahrkomfort ist sehr überzeugend.
Sorgen vor Wankbewegungen oder schlechtem Federungsverhalten
sind
unberechtigt. Chevrolet hat eine Abstimmung gewählt, die dem Geschmack
europäischer Kunden entspricht.Einstiegspreis unter 19.000 Euro
Das Glück perfekt macht schließlich der Blick auf die Preisliste. Den Einstieg markiert der 141-PS-Benziner in der Ausstattungslinie LS mit 18.990 Euro. 2000 Euro beträgt der Aufpreis für das LT-Modell. 20.990 Euro ist gleichzeitig auch der Einstiegspreis für den 130-PS-VCDi in LS-Ausführung. Den starken Dieselmotor gibt es als LTZ-Modell ab 24.490 Euro. 26.190 Euro sind für die Automatikversion aufzubringen. Im März 2011 startet die Markteinführung des Chevrolet Orlando in Österreich.
von Thomas Weibold, autonet.at