Brandenburg und die Spielhallen
Die Spieler haben es seit zwei Jahren gar nicht mehr so einfach. Seitdem ist Lotto im Netz untersagt, für Spielbanken gibt es strengere Zugangsüberprüfungen. Mit dem Glücksspielvertrag, den die Bundesländer vor etwa 2 Jahren unterschrieben haben, wollte man die Spielsucht verringern.
Doch routinierte Zocker haben längst eine Alternative ausgemacht. Sie gehen in Spielhallen und Kneipen mit Automaten. In der Hauptstadt kann man mittlerweile überall spielen, in Imbissen und Casinos zum Beispiel. Auch in den Spielhallen in Brandenburg gibt es mittlerweile 2089 Spielautomaten, 23 Prozent mehr als noch vor vier Jahren. Auf einen Automaten kommen 794 Brandenburger.
So stellte es der Arbeitskreis gegen Spielsucht in der nordrhein-westfälischen Stadt Unna fest. Im Gegensatz zum Bundesschnitt bei dem auf einen Spielautomaten 470 Menschen kommen ist Brandenburg kein Spielerparadies, doch denkt Frau Hardeling die Entwicklung in dieser Region für gefährlich.
Die Geschäftsführerin der Brandenburgischen Landesstelle für Suchtfragen sagt, dass die Anwesenheit der Automaten in den Städten immer stärker werde. Im Westen Brandenburgs sind die Automaten dichter angesiedelt, als im Osten, wo die Wirtschaft nicht so stark ist. Um besonders Jugendliche und sozial schwächere Menschen vor den Versuchungen der Automaten zu bewahren will der parteilose Finanzsenator in Berlin die Vergnügungssteuer von 11 auf mindestens 15 Prozent anheben.
Die Automatenindustrie sieht in diesem Vorhaben nur einen Vorwand um die wenig gefüllte Kasse des Senats zu bestücken. In Brandenburg dürfte es problematisch sein, die Spielsucht mit einer Steuererhöhung zu bekämpfen, denn die Vergnügungssteuer ist eine Gemeindesteuer. Während Berlin, der bekanntlich ein Stadtstaat ist, in seinem gesamten Gebiet die Automatenindustrie stärker besteuern darf, muss jede Gemeinde in Brandenburg die Steuer anheben.
Der Städte- und Gemeindebund Brandenburg beobachtet die Verläufe in Berlin mit Argusaugen. Wenn Berlin diese Steuer erhöhen sollte, dann würde ein Betreiber seine Automaten in Zukunft vielleicht nicht mehr in Stadtteil Reinickendorf sondern in Birkenwerder aufstellen, so der Geschäftsführer, der eine Abwanderung der Spielhöllen befürchtet.
Hier würde eine Steueranhebung in betroffenen Brandenburger Gemeinden durchaus Sinn ergeben. Das Thema Automaten ist von sozialer Bedeutung, deshalb habe man es genau im Visier, so der Geschäftsführer. Es sei entsetzlich zu sehen, wie viel Geld gerade die sozial schwächeren Menschen in die Automaten werfen. Die Ziffern sind wirklich ein Alarmzeichen.
Die Landesstelle für Suchtfragen rechnet damit, dass mehr als 9.200 Brandenburger von der Spielsucht betroffen sind. Der Spielverhalten von noch 10.500 Menschen aus der Region gelten als besorgniserregend. 80 Prozent dieser Menschen sind laut Frau Hardeling den Automaten anheim gefallen.
Hier sei besonders die Politik gefordert, so die Suchtexpertin. Das Automatengeschäft fällt nicht unter den Glücksspielvertrag, genau hier liegt laut ihr der Hund begraben. Ein gesperrter Spieler habe zu einer Spielbank keinen Zutritt mehr, aber er kann ohne Schwierigkeiten sein Geld in einen Automaten in einer Kneipe verspielen.
In Innenministerium betrachtet man diese Lücke im Vertrag nicht als Problem. Es gebe keine Lücke im Gesetz, der Automatensektor wird schließlich mittels der Gewerbeordnung reguliert, so ein Sprecher. Außerdem sei es notwendig, jedem Bürger ein gewisses Maß an Vernunft zuzugestehen, denn jeder müsse wissen, was gut für ihn sei. Die Vernunft werde bei süchtigen Spielern aber ausgeblendet, so Hardeling. Laut Fachleute ist diese Art der Sucht die teuerste. Auch die Suizidrate ist bei Zockern noch höher als die der Alkoholiker.
Das Geschäft mit den Automaten in Spielhallen und Gaststätten in der Bundesrepublik ist in den letzten Jahren rapide angestiegen. Vor acht Jahren lagen die Gewinne nach Angaben des Jahrbuchs Sucht bei etwa 5,7 Milliarden Euro. Vor zwei Jahren waren es bereits 8,1 Milliarden. Der Anteil der Automaten am kompletten Umsatz der Glücksspielindustrie betrug vor zwei Jahren 32,6 Prozent, etwas mehr als der Anteil der Glücksspiele in
Spielbanken von 32,2 Prozent.
Der Staat kassiert an den Spielautomaten mit. In ganz Deutschland kassierte er 2008 etwa 1,25 Milliarden Euro an Vergnügungs-, Umsatz- und Gewerbesteuerzahlungen der Automaten Wirtschaft. Spielsüchtige in Brandenburg, die sich Hilfe holen wollen, können sich an die Zentralstelle Glücksspielsucht" der Landesstelle für Suchtfragen wenden. Auch das Modellprojekt „Frühe Intervention bei pathologischem Glücksspiel" stellt Hilfe für Betroffene und Angehörige zur Verfügung.
Lena Koch