WIN WIN
Auf Einladung der Regierung von Respektanien hatten wir die Gelegenheit uns im Land umzusehen. Natürlich waren wir sehr neugierig, mehr über die Hintergründe zu erfahren. Immerhin liegt dieses Land in allen Statistiken an vorderster Stelle. Wir wurden ersucht unsere Fragen zu stellen, denn wir wollten alles über die wichtigen Funktionen und Aufgaben der Staatsführung wissen. Die zuständigen Regierungsvertreter haben uns dann bereitwillig Auskunft gegeben. Es war nicht der Ton von Besserwissern und immer hat mitgeschwungen, dass es möglicherweise bessere Lösungen gibt. Auch wurden ihre Worte oft von fragenden Blicken begleitet. Bei all den Ausführungen war immer Bescheidenheit und Dankbarkeit zu spüren. Diese Bescheidenheit merkte man auch bei der Bewirtung. Einfach, bodenständig ohne Pomp und Prahlerei.
Grundrechte, Pflichten und Grundwerte in der Verfassung
Die wesentlichen Grundrechte für alle Staatsbürger in der Verfassung von Respektanien sind Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit. Ausdrücklich ausgeführt wird dabei, dass die Freiheit dort ihre Grenzen hat, wo andere Lebewesen aber auch die Natur und Umwelt zu Schaden kommen, beziehungsweise in ihrer Lebensqualität eingeschränkt werden. Es besteht auch eine Verpflichtung für alle Staatsbürger zu den Grundwerten Solidarität, Bescheidenheit und Respekt. Und ebenfalls festgehalten sind Initiative und Neugier als wichtige Werte für die Weiterentwicklung des Staates, für ein gelingendes Leben für alle Bürger in der Gegenwart und in der Zukunft. Nicht unerwähnt sollte auch bleiben, dass in der Verfassung die Verpflichtung für die Eltern, diese Werte bei der Erziehung ihrer Kinder weiterzugeben, festgeschrieben ist.
Regierung und Verwaltung
Nun war der Regierungsvorsitzende am Wort: „Wir haben eine sehr schlanke Organisation für unsere Regierungsarbeit, wenig Bürokratie und eine effektive Verwaltung. Uns geht es dabei nicht nur um Effizienz, wir wollen effizient auch das Richtige tun. Neben der Verwaltung der Städte und Gemeinden haben wir Lebens-raumkoordinatoren für Ballungszentren oder für geologisch zusammenhängende Gebiete.
In allen Verwaltungsbereichen, ob bei Städten und Gemeinden, bei der Sozialversicherung, beim Gesundheitssystem, bei der Schulverwaltung, bei den Interessensvertretungen der Wirtschaft, überall haben wir die unnötigen Redundanzen und unterschiedlichen Regelungen aufgelöst. Das hat mehr Überschaubarkeit und dadurch mehr Gerechtigkeit gebracht - und hat uns Spielraum verschafft für nützliche Investitionen, wie zum Beispiel für unsere neu gegründete Forschungsinitiative „lebenswerte Zukunft". Hier entwickeln wir Strategien und Umsetzungsalternativen für ein gelingendes Leben unserer Kinder und Enkelkinder.
Im weltweiten Vergleich haben wir beispielsweise die höchste Lebenszufriedenheit, die wenigsten Unfälle und die niedrigste Arbeitslosenrate. Diese Liste könnte man fortsetzen, worüber wir sehr stolz sind und welche für uns eine Bestätigung unserer Arbeit bedeutet. Auf diesem Weg wollen wir weiter an unserer Zukunft arbeiten.
Die Regierung orientiert sich bei ihrer Arbeit vorwiegend an messbaren Größen, sogenannten Performance Indikatoren. Wichtige Kriterien für diese Kennzahlen sind die Einfachheit und die Kommunizierbarkeit mit den Bürgern, damit diese mitreden und mitentscheiden können. Die Regierungsarbeit findet in Arbeitsgruppen statt, wo alle Problemlösungstechniken zum Einsatz kommen. Bei den vielen, vor-wiegend komplexen Aufgaben sind das unentbehrliche Arbeitsmethoden um zu den richtigen Prioritäten zu kommen. Die Grundausrichtung ist immer die Suche der besten Lösungsalternative für die Gesamtheit und nicht die Forderung einer Interessensgruppe mit anschließender Suche nach einem Kompromiss. Erst im zweiten Schritt geht es um die Verteilungsgerechtigkeit."
Politik und Parteien
„Es gehört zum Stil der Arbeit in unseren Parteien, Andersdenkenden mit Respekt zu begegnen. Andere Meinungen haben oft einen anderen Hintergrund und es ist wichtig diesen zu kennen und dadurch verstehen zu lernen. Darin sehen wir die Chance, gemeinsam zu besseren Lösungen zu kommen. Falscher Populismus führt selten zur besten Lösung für die anstehenden Aufgaben. Nur, wenn es gelingt zu den wirklichen Ursachen für die Probleme vorzudringen – und dafür ist es notwendig alle Seiten zu betrachten – wird es möglich sein, nachhaltige Lösungen zu finden."
Schule und Bildung
Der Regierungsvorsitzende übergab nun das Wort an seine Kollegin und die Ressortleiterin für Aus- und Weiterbildung setzte fort: „Auf der Grundlage der klassischen Wissensgebiete legen wir großen Wert auf Notwendiges und Nützliches. Wir möchten die Schulzeit bis zur Reifeprüfung nützen, um unseren Kindern eine optimale Vorbereitung für die Herausforderungen des Lebens anbieten zu können. Bei der Lehre verfolgen wir die Grundsätze „ff" – fordern und fördern, und das in dieser Reihenfolge und „vom Groben zum Detail". Durchgängig übermitteln wir auch die Überzeugung, dass unsere Welt nur zufrieden stellend funktionieren kann, wenn unser Tun auf dem Fundament von Ethik, Moral und Qualität aufbaut. Und, wir wollen das Rüstzeug mitgeben, dass man braucht, um initiativ zu werden und sich mutig neuen Herausforderungen zu stellen.
Beispielsweise gehört - unserer Überzeugung nach - zum Grundwissen, wie Projekte geplant und ausgeführt werden, wie man zu kreativen Lösungen kommen kann oder welche gruppendynamischen Prozesse in Teams ablaufen. Wir tauchen auch ein in die Welt der Wahrscheinlichkeiten und beschäftigen uns mit der Abschätzung von Chancen und Risiken und wir beschäftigen uns mit den Zusammenhängen von Ursachen und Wirkungen. Oft verwenden wir einfache Methoden zur Analyse und Visualisierung komplexer Sachverhalte, wie beispielsweise das von Prof. Ishikawa erfundene – und auch so genannte - Diagramm. Oder, der Geschichtsunterricht. Da analysieren wir die Geschichtsschreibungen von Völkern und besprechen die Hintergründe der manchmal unterschiedlichen Wahrheiten. Es gehören auch Fragen wie „Warum lügen Menschen?" zu den Themen, welche wir mit unseren Schülern aufarbeiten."
Der Sozialstaat
Nun war der Leiter des Sozialressorts an der Reihe: „Die Grundpfeiler unseres Gesundheits-, Pflege- und Pensionssystems ist Solidarität. Solidarität - aber mit Grenzen. Beispielsweise, wenn der Grund für eine Invaliditätspension nicht in einer anstrengenden Arbeit, sondern im Lebenswandel liegt. Wenn einer mit knapp 1,75 Meter Körpergröße täglich etwa fünf Bier trinkt, üppig isst, viel raucht und mehr als 100 Kilogramm auf die Waage bringt, dann ist es nicht verwunderlich, dass er Diabetiker ist und unter Bluthochdruck leidet.
Und, wenn er es selber weiß, dass er für seinen Gesundheitszustand über weite Teile selbst verantwortlich ist - wenn ihm seit Jahren jeder – vom Hausarzt bis zu seinen Kindern erzählt, dass er sich noch "umbringen" werde. Warum sollen dann all die dadurch ausgelösten Kosten der Frühpension, Arztbesuche, Spitalsaufenthalte und Medikamente durch die Solidargemeinschaft aufgebracht werden?
Daher haben wir in unseren Sozialbeiträgen ein Malussystem eingeführt, bei dem Raucher, Übergewichtige und Alkoholiker bis zum Dreifachen bezahlen müssen. Wir können aber auch mit Genugtuung feststellen, dass diese Maßnahmen zur Ausnahme geworden sind.
Niemand im Land darf in seiner Not alleine gelassen werden. Es gibt eine Mindestsicherung, welche ein Leben in Würde ermöglicht und auf den jeder Bürger Anspruch hat. Dieser Anspruch ist jedoch an die Bereitwilligkeit zur Arbeit gebunden. Glücklicherweise haben wir ein wirtschaftsförderndes Umfeld und geeignete Arbeitsplätze für alle Menschen mit ihren individuellen Begabungen, Fähigkeiten und Bedürfnissen."
Wirtschaft
„Nur die Wasserversorgung und die Banken stehen unter staatlichem Einfluss, alle anderen Wirtschaftsbereiche haben private Eigentümer - in weniger Fällen mit einer Minderheitsbeteiligung des Staates. Unser Wohlstand stützt sich dabei auf die Ethik, Moral und Qualität in unserer Wirtschaft. Und das sind keine Lippenbekenntnisse, sondern tagtäglich überprüfbare Realitäten. Alle Betriebe leben Qualität mit System. Betriebe ohne Qualität hätten keine Chance zu überleben. Nur die Ältesten können sich noch an Zeiten erinnern, in denen Qualität nur auf dem Papier stand und Manager und Politiker in Sonntagsreden über Qualität faselten. In Gedanken an diese Zeiten gibt es nur mehr Kopfschütteln bei den Alten.
Auch bei der Lohngerechtigkeit haben vor einigen Jahren neue Regeln eingeführt. Beispielsweise können Managergehälter nur bis zum Siebenfachen des geringsten Lohnes im Unternehmen steuerlich geltend gemacht werden."
Es war der Leiter des Wirtschaftsressorts, welcher seine Gedanken zu diesem Themenkomplex ausführte und damit das Ende unseres Informationsaustausches einleitete. Ja, es war ein Austausch von Informationen, denn während ihrer Ausführungen haben uns unsere Gastgeber immer wieder gefragt, wie wir all diese Aufgaben lösen. Ihre Neugierde war grenzenlos. Zu keiner Zeit gab es dabei Erstaunen oder war ein negatives Wort zu hören. Vorschnelle Reaktionen sind schlechte Ratgeber, sagten sie. Manche von uns hatten jedoch bei unseren Berichten ein eigenartiges Gefühl. Auch ich hatte mich dabei ertappt, beim verlegen Herumkritzeln auf meinem Notizblock. Auf der Heimreise gab es dann die eine oder andere hitzige Debatte. Aber irgendwie hatten wir das Gefühl, da war doch mehr, was uns zum Nachdenken eingeladen hat. Einer hat sich sogar vorgewagt und gemeint, da könnten wir doch einmal darüber reden. Das haben wir uns dann vorgenommen.
Quelle: Buch "Wie viel Verrücktheit geht noch?"
www.h-eureka.com
Qualität, Ethik und Moral in der Wirtschaft, Politik und Gesellschaft