Ca. 80 Prozent der Schulabgänger wissen nicht, wie es nach der Schule weiter gehen soll. Kein Wunder, denn es wird immer schwerer, sich im Dschungel der Berufswelten zu Recht zu finden. Bundesweit gibt es 340 duale Ausbildungen, 8.900 verschiedene Studiengänge und 410 Hochschulen. Vage Vorstellungen von möglichen Studiengängen, ergebnislose Suche nach Ausbildungsplätzen oder vorübergehende Auslandsaufenthalte lassen auf eines schließen: den Schulabgängern fehlt ein konkretes Berufsziel. Trotz der Orientierungshilfen von Schulen und lokalen Arbeitsagenturen gibt es jährlich 100.000 Studienabbrecher, ein zu hohes Berufseinstiegsalter und zu viele Jugendliche ohne Ausbildungsabschluss. Steigende Jugendarbeitslosigkeit, fast 15 Prozent Bewerberüberhang zu den offenen Ausbildungsplätzen und die so oft von Unternehmern beklagte mangelnde Ausbildungsbefähigung der Schulabgänger verschärfen die Situation am Arbeitsmarkt.
Die Berufsfindung stellt einen Meilenstein auf dem Weg zum verantwortungsbewussten und unabhängigen Erwachsenendasein dar. Aus Erfahrung wissen Erwachsene, dass dieser Weg häufig mit Angst und Unsicherheit gepflastert ist. Angst entsteht darüber, ob die Berufsentscheidung die richtige ist, und ob sie den eigenen Bedürfnissen gerecht werden kann. Unsicherheit entsteht dann, wenn ein junger Mensch zunächst glaubt, er habe keine besondere Befähigung, kein Talent und auch keine Interessen, aus denen sich ein geeigneter Beruf ableiten ließe. Greift der Jugendliche dann zu standardisierten Berufseignungstest, stechen ihm besonders die negativen Testergebnisse ins Auge und können den Eindruck verstärken, talentfrei und interessenlos zu sein. In solchen Tests werden die Persönlichkeitsmerkmale und individuellen Bedürfnisse der Probanden vernachlässigt. Neigungstests können als Diskussionsgrundlage hilfreich sein, bringen aber bei unfachmännischer Betrachtung eher Schaden als Nutzen.
Wie unterstützen Politik, Staat und Wirtschaft die Jugend bei der Berufsfindung? Die Politik setzt auf stärkere Kooperation der lokalen Netzwerke aus Betrieben, Handelskammern und Gewerkschaften mit den ortsansässigen Jobcentern. Der Staat bemüht sich um die Besetzung offener Lehrstellen oder reagiert auf kurzfristige Bedarfsanalysen des Arbeitsmarktes. Unternehmer stellen sich in vielen engagierten Initiativen als Mentoren oder Informationsgeber über ihren persönlichen Karriereweg zur Verfügung. Die augenblickliche Situation zeigt, dass diese Maßnahmen nur teilweise greifen, da sie zu wenig auf das Individuum ausgerichtet sind. Ergibt sich unser „Traumjob" nicht vielmehr aus unseren Vorlieben, Leidenschaften und Fähigkeiten und wünschten wir dies nicht einem jeden Jugendlichen?
Einen möglichen Ausweg bieten Coachings zum Thema individuelle Berufsfindung. Hier geht es zunächst darum, die Motivation des Jugendlichen zu ergründen. Erwachsene behaupten manchmal, dass unsere Jugend unmotiviert sei. Das ist schlichtweg falsch. Sie hat lediglich Schwierigkeiten, die Motivation zu erkennen. Dieser Prozess ist deshalb so wichtig, weil Motivation den Schlüssel zum Erfolg darstellt. In einem Berufsfindungscoaching wird die eigene Motivation erforscht, eine Potenzialanalyse vorgenommen und die relevanten Informationen und Wünsche des Jugendlichen in konkrete Berufsziele umgewandelt. Außerdem strukturiert der Karrierecoach die Informationsflut über Berufe und Studienfächer, nennt vertrauenswürdige Internetseiten und spricht Empfehlungen aus. Karriereplanung spart langfristig Kosten, die aus der falschen Studienfach- oder Ausbildungsplatzwahl entstehen. Berufliche „Unfälle" werden vermieden und Orientierungshilfen in der Berufswelt gegeben. Der Nutzen für den Jugendlichen ist groß. Sein Anliegen wird individuell bearbeitet, die Stärkenanalyse fördert das Selbstvertrauen, Entscheidungen werden ohne Druck von außen getroffen und schließlich bereitet er sich beiläufig auf zukünftige Bewerbungsgespräche vor.
Ein Karrierecoaching ist eine sinnvolle Methode, sich seinem Berufsziel zu nähern, da selbstkompatible Ziele mit dem Jugendlichen erarbeitet werden. Sicherlich gibt es keinen Königsweg für die richtige Berufswahl. Es ist aber sicher, dass dies heutzutage ein ganz individueller Prozess ist und eine Entscheidung betrifft, die den Jugendlichen zunächst über einen bestimmten Zeitraum begleiten wird. Wenn sich unsere Gesellschaft und unsere Berufswelten verändert haben, müssen wir dann nicht auch unsere Methoden verändern, um uns und besonders unsere Jugend in den Arbeitsmarkt zu integrieren?
Dr. Stefanie Mann
Karriereberatung und Coaching