Bentley Mulsanne: Das neue Flaggschiff im autonet.at-Intensivtest.
Ja, wir waren brav in diesem Jahr. Wir haben auf den Automessen geschuftet, auf Teststrecken gerackert, recherchiert, geschrieben, getestet und moderiert. Da haben wir uns doch eine kleine Belohnung zum Jahreswechsel verdient, behaupten wir. Ausgesucht haben wir uns als solche eine Testfahrt in der luxuriösesten Limousine der Welt: dem Bentley Mulsanne. Auch wenn man in diesen Kreisen nicht übers Geld spricht, für die schnelle Einordnung des süßen Wahnsinns muss die Zahl genannt werden: 351.880 Euro kostet der neue große Bentley, der im vergangenen Sommer die Nachfolge des Arnage angetreten hat. Ohne Extras. Mit ein paar Sonderwünschen marschiert man rasch auf die 400.000-Euro-Schwelle zu. Wer viel zahlt, kann eben auch mehr zahlen.
Hochachtung
Schon der erste Anblick ist spektakulär. Fast 5,6 Meter Auto erstrecken sich über den Asphalt – eine unfassbar dominante Figur, auf zwei Parkplätzen Raum einnehmend. Dank der vergleichsweise flachen Dachlinie wirkt der Mulsanne aber nicht ganz so protzig wie sein einziger wirklicher Konkurrent, der Rolls-Royce Phantom. Die Türen schwingen trotzdem auf wie die Safes im britischen Schatzamt. Wenn man vom Sonnenlicht in den Keller steigt, dann brauchen die Augen einige Sekunden, bis sie sich umgewöhnt haben. Ganz ähnlich ist es auch hier. Allerdings müssen sich die Augen nicht an die Dunkelheit, sondern an den überbordenden Luxus anpassen. Ein Beispiel für die Opulenz: Nicht weniger als 17 Lederhäute werden in jedem Mulsanne verarbeitet – freilich nicht von irgendwelchen dahergelaufenen Kühen, sondern von Herdentiere aus nördlichen Ländern. Weil es oben in der Kälte weniger Insekten gibt, haben die Häute eine schönere Struktur, behaupten die Briten. Das leuchtet ein.
Ich bin zwei Parkplätze: Mit 5,6 Meter Länge durchbricht der neue
Mulsanne das Normmaß für Autos
ohne Zurückhaltung. Auch die übrigen
Eckdaten machen ehrfürchtig: 512 PS Leistung,
2,6 Tonnen Gewicht und ein
Basispreis von 351.880 Euro.
Das Erscheinungsbild ist zwar mächtig, aber nicht ganz so protzig wie
der nochmals teurere Rolls-Royce Phantom –
in Wahrheit der einzige
Gegner des Mulsanne. Die Stärken des Bentley: seine superbe Verarbeitung
und
eine unendliche Liebe ins Detail. Das beginnt beim
Edelstahl-Maschendraht am Kühlergrill ...
... und endet bei der fugenlos in die Karosserie versenkten Heckscheibe.
Unter dem dezent aufgesetzten Kofferraumdeckel verbirgt sich übrigens
ein lachhaft kleiner Kofferraum:
443 Liter sind wohl eher für das
Handgepäck der Herrschaften gedacht.Eine Milliarde Möglichkeiten
Das Leder selbst kann man in 24 verschiedenen Farben bestellen; in derselben farblichen Vielfalt stehen die Gurte bereit. Dazu kommen noch Zweiton-Varianten, verschiedene Naht-Formen und Paspelierungen, das macht die Sache ganz schön kompliziert. Darüber hinaus stehen neun verschiedene Holz-Furniere bereit, die wiederum mit Einlegearbeiten oder Bentley-Logos verfeinert werden können. Man hat's nicht leicht, als Wohlhabender. Zieht man weiters die über 100 Außenfarben in Betracht, ergeben sich mehr als eine Milliarde Möglichkeiten, seinen Mulsanne zu gestalten. Am besten wohl, man hält sich mit alledem nicht auf, sondern fokussiert sein Begehren gleich auf individuelle Sonderwünsche. Eine Lackierung des Mulsanne in der selbst gemischten Satinfarbe kostet schließlich auch nicht mehr als 31.278 Euro.
Viele kleine LED-Lamperln und Xenon-Hauptscheinwerfer sind die Insignien
der neuen Zeit.
Wer’s nostalgischer will, kann statt des Bentley-Logos
auf der Motorhaube auch eine Kühlerfigur bestellen;
das geflügelte „B“
natürlich. Das „Crewe“ auf dem Wunschkennzeichen verweist auf den
Geburtsort.Modern World
Schieben wir diese Möblierung einmal beiseite und wechseln wir auf bekannteres Terrain, zum Automobilismus. Auch hier werden klarerweise Superlative geboten. Beginnen wir beim Motor: Bentley hält am traditionellen Rezept seiner XXL-Limousinen fest – Turbo-V8 und Heckantrieb – lässt aber die Moderne Einzug halten: Variable Nockenwellen, Zylinderabschaltung, Achtgang-Automatik. Dank Doppelturbo-Aufladung leistet der V8 im klassischen 6,75-Liter-Format stolze 512 PS. Noch viel imposanter ist allerdings das Drehmoment von 1020 Nm. Nein, wir haben uns da nicht vertippt. Der vierstellige Hammer bleibt dann auch beim Fahren nichts schuldig, wie wir noch sehen werden. „Graceful Peformance", also anmutige Leistung, sagt Bentley dazu.
Hier wohnt die Macht: Der 6,75-Liter-V8 mit Doppelturbo ist nur der Maße
nach altbacken.
Mit variablen Nockenwellen, Zylinderabschaltung und
Achtgangautomatik hat aber auch hier
die Moderne Einzug gehalten. Des
Wahnsinns Zuspitzung erkennt man am Drehmoment:
1020 Newtonmeter werden
an die Hinterräder losgelassen. Verbrauch? 20 bis 25 Liter.Volle Ladung
Auch in Sachen Hightech ist das Equipment reichhaltig, wie man das angesichts des Kauf-Sümmchens auch erwarten darf: Luftfederung, Leder bis zum Dachhimmel, 12-fach elektrisch verstellbare Vordersitze und immer noch 8-fach verstellbare Fauteuils im Fond. Das Entertainmentsystem stammt aus dem Audi A8, wurde aber optisch bentleysiert. Der Vorteil: Die Bedienung ist klar und rätselfrei. Der große 8-Zoll-Bildschirm verschwindet hinter einem Holz-Paneel, der iPod in einer Schublade, wo er die passende Schnittstelle findet. Ganz erstaunlicherweise hat die Serienausstattung dann doch ein paar weiße Flecken: Eine Rückfahrkamera (bei solch einem Schiff ein Must-Have) kostet genauso wie ein Tempomat mit Abstandsradar extra. Naja, das wird man sich auch noch gönnen, genauso wie die Seitenkameras, mit denen man beim Herausfahren aus einer Einfahrt nach links und rechts lugen kann. Und weil wir beim Kritteln sind: Ein 443 Liter kleiner Kofferraum ist bei dieser Autogröße geradezu lächerlich. Aber offenbar ist es unschicklich, großes Gepäck bei sich zu haben. Die Schrankkoffer werden vom Gesinde im eigenen Frachter transportiert.
Lord- und Ladyschaft werden sich aber eher um die Ausstattung des
Interieurs kümmern.
24 Lederfarben stehen zur Wahl, dazu neun
verschiedene Hölzer.
Für die Ausgestaltung der Lounge werden nicht
weniger als 17 Rinderhäute verwendet.
Dann allerdings vergibt er sich das Vergnügen, den Mulsanne zu fahren.
Allein das haptische Erlebnis beim Berühren des Automatik-Hebels oder
des
fein mit Leder bespannten Lenkrads ist unvergesslich. Das Fahren ist
ein Akt der Eleganz:
ein schwebendes, unhörbares Cruisen.
Dass der Tacho bis 330 km/h angeschrieben ist, wirkt ein wenig
übertrieben –
auch wenn das Potenzial des Bentley mit 512 PS und 1020
Newtonmeter nicht zu unterschätzen ist.
Dank elektronisch geregeltem
Luftfahrwerk bleibt das mächtige Schiff auch in schnelleren Kurven
straff.Konzert bei 200 km/h
Auch ein weiteres Extra halten wir für verpflichtend, zumal rund 7750 Euro in diesem Umfeld ohnehin Peanuts sind: die 2200 Watt starke Premium-Soundanlage von Edelgerätehersteller Naim. Dann genießt man Musik aus 20 Lautsprechern, die aus ebenso vielen Kanälen angesteuert werden und ein Klangerlebnis, das einen aus den Seidensocken haut. Es ist kaum vorstellbar, dass man zuhause eine ähnliche Akustik zustande bringt, da werden wohl manche Musikfreaks für eine Symphonie oder ein rasches Oratorium in die Garage pilgern.
Wer gerne Erster Klasse reist, wird sich mitunter in den Fond
zurückziehen und Johann ans Steuer lassen.
In der Armlehne findet man
dort diese Knöpferlpartie: die individuelle Klimaregelung und
die
achtfach elektrische Sitzverstellung. So erlangt auch ...
... der gestresste Autotester die geeignete Ruheposition zur Erholung
von seinem anstrengenden Tun.
Was hier freilich noch fehlt, sind das
Veuve-Clicquot-Stifterl im Becherhalter und
das Kaviarbrötchen am
ausklappbaren Tischchen. Auch Reichtum will eben gelernt sein.Reichtum in Fahrt
Ein Druck auf die Start-Taste erweckt den Motor zum Leben. Freilich hört man fast nichts davon. Auch beim Anfahren wirkt der Bentley wie die ersten Elektromobile, die wir heuer schon gefahren sind. Schwebend und majestätisch fährt man, ach was, überwindet man Distanzen. Auch beim Cruisen benötigt man Zeit, um sich an die Dimensionen der Limousine zu gewöhnen – und an das Gewicht, das stets spürbar bleibt. Knapp 2,6 Tonnen müssen bei dieser Größe zwar als guter Wert gelten, von Leichtfüßigkeit kann man trotzdem nicht reden. Es ist ein gravitätisches gepflegtes Fahren, das in diesem Auto wohl meist auch von einem Chauffeur zelebriert wird. Will man dann aber doch einmal zeigen, wer hier der König ist, genügt ein kleiner Tritt aufs Gaspedal. Ohne die Geduld seines Meisters mit einem Kickdown auf die Probe zu stellen, legt die Motoryacht ihr Gewicht ins Heck und schiebt sich mit einer Vehemenz nach vorne, die unerwartet und damit umso spektakulärer ist. Fahrwerte, die sich darauf beziehen, werden jedoch nicht angegeben, jegliches Interesse daran bezeugt ohnehin plebejische Würdelosigkeit. Was genannt wird, ist der Spritverbrauch: jene 16,9 Liter im Schnitt wuchsen bei unserem Test auf rund 20 Liter; beim reinen Stadtverkehr auf gut 25. Zum Glück trifft's keine Armen.
Das Resümee: Eine perfekte Welt
Mit normalen Maßstäben kann und darf man dieses Auto nicht messen. Der Mulsanne ist eine aberwitzig luxuriöse, bis ins feinste Detail perfektionierte Sänfte mit überraschender Fahrdynamik, die vor allem vom bullenstarken Motor herrührt. Eine Ausfahrt mit dem Mega-Liner ist ein exklusives Vergnügen, das niemals breitere Kreise ziehen wird. Nur zwei Mulsanne wurden heuer in Österreich zugelassen. Dieser hier ist einer davon.
von Peter Schönlaub, autonet.at