Die Kunst der Sorge
Jörg Scheller
15. März 2011
Benedikt Hipp: „Von Tür nach Thule" – Galerie Kadel Willborn, Karlsruhe. Vom 26. Februar bis 30. April 2011
Das Unbehagen in der Kultur gehört zur technisierten Moderne wie die optimistische Fortschrittsgläubigkeit und die Frivolitäten des Tourismus. Um 1900 reagierten esoterische Bewegungen zwischen Spiritismus, Okkultismus und Anthroposophie auf die vorgeblich zersetzende, seelenlose, vollendet ernüchterte Gewalt der Modernisierung. Man pflanzte wieder nackend Rüben, trainierte den Ätherleib oder träumte von goldenen mythologischen Vorzeiten. In der Kunst eines Joseph Beuys oder aktuell eines Jonas Burgert lebt dieses Unbehagen fort, wobei der erste für aktionistische Unbehagensbewältigung steht und der zweite für rein symbolische. Der 1977 geborene Münchener Maler Benedikt Hipp hingegen schlägt einen dritten Weg zwischen „Kunst = Leben" und unverbindlicher Symbolik ein. Dass Kunst Leben ist, würde er zwar sicherlich auch unterschreiben. Allein, ihm geht es um ihr Eigenleben.
In seinen stillen, schweren, meist dunkel raunenden Gemälden, Zeichnungen und vermehrt auch Plastiken, welche derzeit bei Kadel Willborn in Karlsruhe zu sehen sind, finden sich einerseits deutliche Reverenzen an die Klassische Moderne, welche nach dem Ganzen strebte und eine aus den Fugen geratene Welt am Wesen der Kunst genesen lassen wollte. So tauchen bei Hipp häufig mehrdeutige biomorphe und anthropomorphe Formen auf (Paraleut # B, 2011), verbinden sich Spuren der geometrischen Abstraktion und des Konstruktivismus mit Reminiszenzen an den Surrealismus (Red Bar Double Grid (Predella F.A.), 2010), grenzen morbide, fern an James Ensor erinnernde Maskenfiguren (Paraleut # C, 2011) an Dada'eske Hybridwesen (Neobiota, 2010). Andererseits weist die Verdichtung dieser Klänge zu einem einzigen Akkord nicht zurück in die Moderne, sondern in die anhaltende Gegenwart des postmodernen Simultantheaters: Was einst in rasender Schnelligkeit aufeinanderfolgte, ertönt als Musik des Nicht-Ausschließlichen.
Während andere zeitgenössische Künstler, die sich ebenfalls mit dem Erbe der Moderne auseinandersetzen, den Versuchungen ironischer Zitierwut, nostalgischer Sehnsucht, grobschlächtiger Kulturkritik oder des Aktionismus erliegen, bewegt sich Hipp in einem so eigenartigen wie spannungsvollen ästhetischen Zwischenreich. Seine Werke greifen mit ihren düsteren Hintergründen, ihren isolierten Bühnenräumen und ihren Fragmentfiguren à la Francis Bacon konkret das Unbehagen und das Unheimliche in der Kultur der Moderne auf. Doch sie halten es bewusst in der Schwebe, da sie, anders als beispielsweise Jonas Burgert, in keine alarmistische Kulturkritik verfallen. Durch ihren stillen, verharrenden, geheimnisvollen, ja andächtigen Charakter signalisieren sie, dass die Kunst für Hipp mehr ist als ein Instrument, mit welchem das Leben erfasst und gelenkt werden kann. Vergleichbar mit einem Kirchenraum grenzt sie sich ab vom Gewöhnlichen, um gerade aus der Distanz darauf einzuwirken. Anders ausgedrückt: Die Kunst ist eine Brutstation, aber keine Aufzuchtfarm – bezeichnenderweise trägt eines der jüngsten Ölgemälde Hipps den Namen The Breeder (2011).
Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass Hipp seine Arbeiten zudem mit altmeisterlich wirkender handwerklicher Akribie anfertigt und sich ihrer nicht nur als Träger einer Botschaft oder als Markierungen auf einem Diskursfeld bedient. Sie raunen, tuscheln, munkeln, murmeln, kichern mitunter schelmisch, verbergen sich vor unseren Blicken, sind sich selbst genug, ohne dabei idiosynkratisch oder unverbindlich zu wirken. Zu diesem Eindruck tragen gerade handwerkliche Aspekte wie der aufwändige, vielschichtige Farbauftrag oder die gediegenen Rahmungen bei, welche die dominierenden Atmosphären des Diffusen konterkarieren. Der Titel der Tuschzeichnung Diffusion konstruktiv (2010) bringt diesen Charakterzug auf den Punkt: Gerade das Diffuse wirkt bei Hipp penibel konstruiert und eingefriedet. Der Künstler gibt dem Formlosen, Wabernden, Dräuenden und Ahnungsvollen eine Form, die zwar nicht diktatorisch, aber doch definit ist – und durchaus auch marktgängig, weil alleinstellend. Diese auffällige, wiederum so gar nicht postmodern wirkende Sorgfalt setzt sich in der Ausstellungsarchitektur, die der Künstler jeweils aufs Neue maßschneidert, fort – sei es auf der Art Basel 2009, wo er eine zeltartige Holzkonstruktion installierte, oder nun bei Kadel Willborn, wo er im Zwischengeschoss der Galerie eine dunkle Holzvertäfelung angebracht hat, die den kleinen Raum noch enger werden lässt.
Mit Blick auf Hipps raunende Sorgfalt könnte man auf Martin Heidegger verweisen, der in seinem ersten Hauptwerk Sein und Zeit die Sorge als wichtigste „Existenzialie" bezeichnete, also als Grundkomponente menschlicher Existenz. Sorge bedeutet für ihn jedoch nicht, sich zu grämen, sondern für etwas zu sorgen. Die Struktur des Daseins ist Sorge. Wenn man Heidegger dann noch wie der Turiner Philosoph Gianni Vattimo als Wegbereiter der Postmoderne interpretiert, da er die Existenz nicht länger in einem festen Grund begründet habe, kommt man dem Subtext von Hipps Werken schon ziemlich nahe: Die Sorge als Reaktion auf das existenzielle Unbehagen der Moderne bedarf keines Grunds, keines manifesten Inhalts, keiner aktionistischen Kritik, keiner eindringlichen Appelle oder beherrschenden Begriffe. Sie bedarf zuallererst einer Ästhetik, die sie sichtbar und spürbar macht, die sie nicht zu lindern verspricht, sondern auf bejahende Weise immer wieder aufruft. Das, nur das kann Kunst in diesem Zusammenhang leisten. Hipps Ansatz besteht folgerichtig darin, der Sorge als solcher Räume zu verschaffen, ihr eine Stimme, nicht aber eine Botschaft zu verleihen. Dabei variiert er durchaus auf subtile Weise Tonlage und Tonfall. In seinen früheren Arbeiten dominierten einerseits abstrakte, konkrete und ornamentale Elemente und andererseits gegenständliche Motive wie Häuser, Bühnen, Öfen oder Gehege. In den neuen Arbeiten wiederum sind sogar – eine Seltenheit bei Hipp – ein offener Horizont (Mittenbaum, 2010) oder gestische, informelle Elemente zu sehen (Starke Intelligenz, 2011). Auch die für Hipp typischen gedämpften, erdigen und tonigen Farben wirken etwa auf der Zeichnung Das Land selbst (Xenon) (2010) lichter und frischer. Die Kunst des Sorgens ist eben keine Kunst des Missmuts. Sie ist der Brutkasten für Antworten auf das Unbehagen, die niemals flügge werden.
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