Patienten im Finanzsektor
Bankenpleiten waren und bleiben tabu in Deutschland. Für Bankenrettungsaktionen der Deutschen Industriebank und der Hypo Real Estate wurden Milliarden ausgegeben. Das Ergebnis: Vom Patienten Finanzsektor kann man auf absehbare Zeit keine Höchstleistungen erwarten.Die Finanzkrise in Deutschland hat mit der Rettung der Deutschen Industriebank im Jahre 2007 begonnnen und ein Ende ist weiter nicht in Sicht. Die negativen Auswirkungen auf die Realwirtschaft werden immer deutlicher. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Es ist die Rede von einer tiefen Rezession mit großem R, eventuell sogar einer Wirtschaftsdepression mit kleinem d. Was in den ersten zwei Februarwochen 2009 an Fundamentalnachrichten hereinkam, war mehr als bedenklich. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt verzeichnete einen Rekordrückgang im 4. Quartal 2008 (-2,1%), die Industrieproduktion sank so stark wie seit 18 Jahren nicht mehr (-4,6%).
Die Rezession ist da und wird in 2009 auch nicht mehr gehen. Geldinstitute neigen dazu in Rezessionen weniger Kredite zu vergeben, da Ausfallrisiken vergleichsweise hoch sind. Die Banken sehen dieser Tage viele Unternehmensinsolvenzen und versuchen dabei ihren Verlust so gering wie möglich zu halten, beispielsweise durch den Verkauf von Unternehmensteilen, der Suche nach Fusionspartner oder auch durch Unternehmensinsolvenzen. Dies ist vollkommen legitim und Teil einer funktionierenden sozialen Marktwirtschaft.
Viele Banken befinden sich aufgrund der Finanzkrise in einer schwierigen Situation, weil sie ihr Risikomanagement vernachlässigt haben und in Zeiten des robusten Wirtschaftswachstums sog. „Ramschanleihen" oder auch „Toxic Assets" kauften. Diese, in den meisten Fällen von Investment Banken gebündelte Forderungen aus privaten Hypothekendarlehen (Mortgage Backed Securities, MBS) haben auch in Deutschland reißenden Absatz gefunden und als erstes die Deutsche Industriebank in Bedrängnis gebracht. Die Bundesregierung hat sich bereits früh dazu entschlossen keine Bankenpleite zu erlauben. Die Deutsche Industriebank wurde mit Steuergeldern gerettet, gleiches ist mit der Hypo Real Estate geschehen.
Dies bringt Bankvorstände und leitende Angestellte der Geldinstitute in eine komfortable Situation. Nachdem man Rekordgewinne in den Jahren robusten Wirtschaftswachstums privatisiert hat, werden Verluste dem deutschen Steuerzahler aufgebürdet. Die Banken erhalten somit den Status eines Strom- oder Wasserversorgers. Das Gut Geld, welches sie liefern, ist für den Lebensunterhalt unverzichtbar wie Wasser und Strom. Daraus resultiert eine moralische Gefahr (engl. Moral Hazard), welche bereits Ursache war der Asienkrise 1997. Wenn ein Geldinstitut weiß, dass es nicht Pleite gehen kann, wird es früher oder später wieder bereit sein erhöhte Risiken auf sich zu nehmen. Aufgrund der geringen Eigenkapitalausstattung und der geschwächten Bilanzen sowie der Rezession besteht eine aktuelle Moral Hazard Gefahr derzeit freilich nicht.
Doch was passiert wenn sich die Wirtschaft wieder erholt? Das Problem liegt innerhalb des Finanzsektors und wurde von der Bundesregierung zementiert. Oft sind noch die gleichen Bankvorstände und internen Strukturen vorhanden, welche die Banken in Schwierigkeiten gebracht haben und den Eingriff der Bundesregierung auslösten. Ein Neuanfang durch eine Insolvenz wurde kategorisch ausgeschlossen. Der Preis dafür: Das Finanzsystem wurde nachhaltig geschwächt. Teil einer Marktwirtschaft sind Insolvenzen von Wirtschaftssubjekten. Die verwertbaren Vermögensgegenstände oder Unternehmensteilen werden von gesunden Wirtschaftssubjekten übernommen. Für nicht verwertbare Unternehmsteile gibt es keinen Platz im Wettbewerb. Im deutschen Finanzsektor hat man es nicht zu einem solchen Neuanfang kommen lassen und das Ergebnis werden langfristig bestenfalls durchschnittliche Ergebnisse sein. Das Finanzsystem ist von der Bundesregierung langfristig geschwächt worden. Die Moral Hazard Problematik wurde potenziert und man will es mit mehr Regulation bekämpfen. Braucht man wirklich mehr Regulation oder nur eine effektivere Regulation?
Die Bundesregierung rechtfertigt ihre Bankenrettungsaktionen bei IKB und Hypo Real Estate durch das Gespenst des so genannten systemischen Risikos. D.h. die Kosten der Rettung der Hypo Real Estate sind geringer als die kosten einer Insolvenz, welche weitere Banken in Bedrängnis bringen könnte und das
Finanzsystem an sich gefährden würde. Über ein solches Risiko kann man diskutieren, wenn ein großes deutsches Geldhaus aus der der privaten Säule des Bankensektors mit signifikanten Kundeneinlagen vor der Insolvenz stehen würde. Jedoch nicht bei einer Spezialbank wie der Hypo Real Estate, die sich nicht über Kundeneinlagen finanziert und einen Grossteil ihrer Verluste aufgrund von mangelhaften
Risikomanagement angehäuft hat.
Es ist so, wie wenn man einen Schüler der nur Sechsen im Zeugnis hat, in die nächste Klasse versetzt. Oder anders ausgedrückt: Die soziale Marktwirtschaft kann nur noch mit dem linken Fuß Tore schießen.
Christian Tübben