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Ballsaal des Alten Kurhauses

Autor: RMS-Scriptorin | Erstellt am: 16.09.2011 | Gelesen: 368
Kategorie: Kunst - Kultur & Religion | Bewertung: rateArateArateArateBrateB
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(Online-Artikel.de) - Die ehemalige Redoute und Gagini in Aachen.

Gagini: Gut Soerser Hochkirchen, 1807, rest.1969.
Gagini: Gut Soerser Hochkirchen, 1807, rest.1969.

Ballsaal

Praeklassizistische Stuckornamente kleiden den Innenraum aus. Der 23 x 12 Meter große Ballsaal, der sich hinter den Fenstern des Risalits befindet, erstreckt sich in der Höhe über zwei Etagen. Der Saal bietet gemäß den drei verschiedenen Bestuhlungsplänen für 231, 320 oder 340 Personen Platz. Eine flache Decke auf zwei großen Hohlkehlen bildet den oberen Abschluss dieses Festsaales.

Der Ballsaal ist eines der schönsten rheinischen Gesamtkunstwerke von Architektur, Bildhauerei und Malerei einer Innenarchitektur der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Innendekorationen stammen von Stuckateur Würth und Petrus Nicolaas Gagini. 1903 schmückt Baurat Laurent die neuen Säle seines Erweiterungsflügels an der neu erstellten Couvenstraße mit Gaginis Stukkaturen aus der alten Redoute, die beim Durchbruch der Couvenstraße zerstört ist.

Nach der Restaurierung 1967 ist das weiße Stuckwerk der einzige Schmuck des Ballsaals. Im Gegensatz zu der Restaurierung 1885, welche das Raumkunstwerk mit Gold akzentuiert.

Replizierte Ausschmückung des Ballsaals

Bei der Ausschmückung des Ballsaals, dem namengebenden Bereich der Redoute, handelt es sich um eine Replik. Von dem Alten Kurhaus stehen nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch Teile der Fassade.

Über dem Eingangs-Portal in dem Supraporte-Relief wiederholen sich die Adler des Hauptgiebels. Lebendig umgeben und umlauern sie den Schild auf dem nach der Restaurierung zu lesen ist:

„VON JAKOB COUVEN
ERBAUT 1785
ZERSTÖRT 1943
WIEDER HERGESTELLT 1967"

Die beiden Eingänge, welche sich an den jeweiligen Saallangseiten befinden werden von je zwei bärtigen Atlanten seitlich flankiert. Diese wachsen aus pilasterartig nach unten verjüngenden Architekturelementen empor, ihre starken Muskeln sind in Stuck erfasst, sie tragen das Gebälk zwischen der ersten und zweiten Etage. Während die des Haupteingangs wie zwei gehörnte Teufelsgesichter erscheinen, begegnet der Betrachter an dem anderen Portal zwei glücklich lachenden Atlanten. Die Tragesymbolik setzt sich in den mit korinthischen Kapitellen und Kannelierung charakterisierten Doppel-Pilastern der Wandgliederung fort. Neun Fenster zählt das zweite Geschoss, der obere Teil des Ballsaals, an den Langseiten von vier großen Reliefbildern unterbrochen und geschmückt.

Stuckreliefs der Bogenfelder

Die Bogenfelder beinhalten Hochreliefs laut Faymonville mit den Darstellungen von Jupiter, Juno, Ceres und Pluton in Form von mythologischen Figurengruppen.

Eine weibliche Figur mit einem Pfau und zwei ungeflügelten großen Putten schmückt das Bogenfeld links neben dem Eingang. Das Attribut des Pfaus lässt auf Hera schließen. Es folgt das Relief mit der Darstellung von Poseidon mit dem Dreizack auf seinem Wagen, den ein Pferd durch die Wogen zieht, links begleitet von einem Nix. Diese beiden Werke erblickt der Betrachter auf der Eingangsseite. Die beiden anderen Hochreliefs veranschaulichen eine weibliche Figur mit zwei Putten, die einen Fruchtkorb ausschüttet. Ein Salat- oder Gemüsekopf und andere Ernteerträge sind zu erkennen, eine mögliche Interpretation ist Gaia. Das vierte Bogenfeld präsentiert eine weibliche Figur mit Hammer, Helm, Schild und einem Pulverfass begleitet von drei Putten. Ein Putto mit Siegeskranz ist als Rückenfigur erfasst, sie erinnert an Athene. Die Zahl vier der Reliefs lässt auf die Darstellung der vier Elemente oder Jahreszeiten schließen.

Deckenspiegel

In dem Deckenbereich über den Atlanten finden sich detailreiche Ausschmückungsfelder mit Musikinstrumenten, Hermesstab, dem Caduceus und Masken, die unter den Stoffdrapierungen hervorschauen.

Die flache Decke ist in zwei große abgerundete Rechteckfelder gegliedert. In der Mitte hängt der Kristallleuchter umgeben von vier großen Putten. Die zahlreichen Putten-Darstellungen variieren. Die innere Einfassung der Rechtecke bilden ineinander gesteckte Kallas-Blüten, die äußere verschiedene Rundleisten. An den Schmalseiten befindet sich jeweils mittig angeordnet eine an Andrea Mantegna erinnernde Blattmaske. Die vier Decken-Ecken schmücken entsprechend dem zeitgemäßen Bildprogramm die Porträts der Barock Musiker Wolfgang Amadeus Mozart im Profil, Christoph Willibald Gluck, Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel in charakteristischem Perückenlook. Jeweils umgeben von zwei Feston tragenden Putten und floralen Blatt-Dekorationselementen. Dies sind die einzigen geflügelten Putten. Ihre Flügel bestehen aus kleinen Trapezen mit zwei runden Aussparungen. Die vier an den Ballsaal angrenzenden eingeschossigen kleinen Ecksäle sind nach den jeweilig dargestellten Musikern benannt. Händelsaal, Mozartsaal und Bachsaal. In dem unbenannten Glucksaal ist die Küche untergebracht. Im Mozartsaal sind Tische und Stühle deponiert. Der Bachsaal (39 m², 5 m Höhe) dient als Garderobe.

Von wem das Bildprogramm stammt, ist nicht tradiert. Von Scheins um 1780 als Bilder-Saal initiiert, lässt das Bildprogramm auf die Nutzung eines geplanten Konzertsaals schließen.

Händelsaal: Gut Soerser Hochkrichen von Gagini

Im 36 m² großen und 5 m hohen Händelsaal befindet sich Gaginis Relief ''Gut Soerser Hochkirchen'' in Stuck. Es hat das Format: 2,80 m Höhe und 2,68 m Breite. Die Seitenfestons messen mit Rahmen 0,60 m Breite und 2,80 m Höhe. Ein Vergleich mit Hans Königs Photographie zeigt, dass Gaginis Werk ursprünglich höher war, es betrug schätzungsweise 3 m Höhe. Der vordere untere Zaun zwischen dem Betrachter und dem Bild ist erheblich gekürzt. Die Darstellung wirkt wie eine Momentaufnahme. Auf dem Hof erwacht der Tag. Alles ist in reger Beschäftigung. Gagini wählte für die Darstellung die Ansicht der Aufsicht. Auf dem Hauptweg, der Baumallee geht eine Magd in Richtung des Betrachters. Sie trägt einen Korb auf ihrem Kopf. Auf der rechten Seite pflügt der Bauer mit zwei Pferden den Acker. Auf der anderen Seite der Baumallee hat Gagini ein umhegtes Areal einer gepflegten Gartenarchitektur in variierender Aufsicht wiedergegeben, an das sich ein niedriges Gebäude anschließt, hinter dem ein Stier, eine Kuh und ein Schwein zwischen einigen Bäumen weiden. Das Schwein erkenntlich an seinem Rüssel hat die gleiche Größe wie das Rindvieh. Aus dem Stall stürzt die Schweineherde heraus. Auf der Mauer sitzt ein Huhn und beugt sich zu der Hühnerschar mit Hahn und drei Kückelchen hinab. Die Schafherde wird gerade aus dem Hof nach rechts hinausgeführt. Vergnügt geht ein Hirte begleitet von seinem Schäferhund mit geschulterter langer Stange und Proviantpaket voran. Markant hat der Künstler die Seitenlisenen des Hofportals mit der Durchschießung der vorspringenden Quader im Bild festgehalten. Die Fenster des großen Gebäudes sind nicht egal dargestellt. Teilweise weist das Werk naive künstlerische und aperspektivische Ausdrucksformen auf. Es wirkt wie ein gebackenes Kunstwerk in Baisse.

Den Hintergrund bildet die lokale Landschaft. Links ein längliches Haus, bei dem Rauch aus dem Kamin emporsteigt, das Backhaus. Rechts eine Häusergruppe und in der Mitte Laurensberg mit drei Häusern unterhalb der Kirche an der alten Linde. Der Bergrücken fällt von rechts im Bild nach links hinab.

Die Rahmen selbst sind in Stuck ausgeführt. Die rechts und links neben dem Bild angebrachten Festons umgibt jeweils ein eigenes Rahmenfeld. Die linke Girlande bilden drei unterschiedlich große Rosen-Bouquets gefolgt von der Wiedergabe eines Arrangements bestehend aus Maiskolben, Birnen und Bohnen, den unteren Abschluss stellt erneut eine Rosen-Anordnung dar und die Zuordnung: Gagini. Die rechte Ausschmückung stimmt mit der linken überein. Jedoch bilden das Haupt Arrangement Mais, Birnen, Trauben und Ähren, an denen putzmunter eine Maus knabbert und die Nennung der Restaurierungsmaßnahme 1969 von dem Wiener Restaurator und Bildhauer Souchill.

0,28 m vor dem Bild befindet sich bis 2008 eine Mauer. Da sie Bruchstellen aufweist, reißt Hausmeister Schlair sie ein und entdeckt das Stuckwerk.

Mit dem Händelsaal-Relief sind in der Redoute Gaginis repräsentative Werke seiner Hochzeit für einen Prachtbau als Replik und der größte Teil seines restaurierten Spätwerks eines Privatbaus zusammen vereint.

©RMS-Scriptorin, alias: Rosa-Marita Schrouff
 
 
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