
Marketerie aus Schildpatt- und Messingornamenten, deren dekorative Wirkung wegen der Unterschiede in Farbe und Beschaffenheit der beiden Werkstoffe besonders gut zur Geltung kommt, bringt man normalerweise mit André-Charles Boulle, maitre-ébéniste am Hofe Ludwigs XIV., in Verbindung. Boulle hat diese Technik zwar nicht erfunden, er war es jedoch, der sie zur Vollendung brachte. Im
Antiquitäten Handel im Original nicht erhältlich, erzielen jedoch Stücke aus dem 18. Jahrhundert, in dieser Technik gefertigt, heutzutage am Antiquitätenmarkt Höchstpreise.
Es gibt zwei Arten von Boulle-Marketerie: Bei der Première-partie-Arbeit ist der Fond oder Hintergrund aus Schildpatt und das eingelegte Muster aus Messing. Bei der Contre-partie-Arbeit wurden die Schildpattornamente in den Messinggrund eingelegt. Einen ähnlichen Kontrast bilden auch Ebenholz und Zinn.
Es sind keine zeitgenössischen Aufzeichnungen über die Arbeitsmethoden in Boulles Werkstatt überliefert. Man geht davon aus, dass die Schildpatt- und Messingplatten zusammengelegt und als Block durchgeschnitten wurden – nach dieser Methode konnten die Werkstoffe einander gegenseitig unterstützen, und das Metall trug dazu bei, dass sich das Schildpatt beim Aussägen der komplexen Figuren nicht spaltete oder bog. Es ist jedoch auch möglich, dass sich diese Methode erst Mitte des 18. Jahrhunderts als durchführbar erwies, als qualitativ besseres Werkzeug entwickelt wurde. Sicher ist jedoch, dass die geschilderte Methode bei der Anfertigung späterer Boulle-Marketerie Verwendung fand.
Das Schildpatt war eigentlich die Hornplatte der Meeresschildkröte. Die getrockneten Schildkrötenpanzer wurden zuerst in große Platten gespalten und die helleren, lichtdurchlässigen Flächen ausgesucht. Diese kochte man, um sie geschmeidig zu machen, und trocknete sie anschließend in einer Presse, so dass eine flache Platte entstand.
Nach dem Zusammensetzen der Marketerie wurden die schmalen Fugen zwischen den Messing- und Schildpattornamenten (die lediglich der Stärke des Sägeblattes entsprachen) mit dunklem Schellack gefüllt. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurden die für diese Arbeit verwendeten Sägen immer feiner und die Fugen entsprechend schmaler. Bei den Messingdübeln, die manchmal auf Boulle-Marketerie zu sehen sind, handelt es sich zumeist um nachträgliche Restaurierungsarbeiten: Messingplatten, die sich langsam vom Grundholz lösten, wurden auf diese Weise wieder befestigt.
Die fertige Marketerie wurde gefeilt und geglättet und anschließend mit immer feineren Schleifmaterialien, zum Schluss Holzkohle, poliert. Das Stück erhielt oft von einem Graveur seinen „letzten Schliff". Bei einigen Stücken wurden Arabesken sowie die Umrisse von Menschen und exotischen Vögeln in Schildpatt und in Messing eingeritzt. Jeder Antiquitäten Sammler im Besitz solcher Antikmöbel dürfte täglich erneut fasziniert sein vom sichtbaren Aufwand, mit dem diese Technik in vergangenen Zeiten umgesetzt wurde.
Corinna Wienert