Rainer Sauer/Autor/Philosoph
Das Thema „Liebevolles Annehmen" gehört zum Themenkreis „Annahme", aber ich möchte es gesondert erwähnen, weil es uns einen ganz
speziellen Aspekt der Annahme sichtbar macht und uns sehr gut unsere angstgesteuerten Reaktionen zeigt, die ohne Zweifel schmerzbringende Konsequenzen mit sich führen, was sich im nachkommenden Beispiel verdeutlichen wird. Um Mißverständnisse zu vermeiden, möchte ich anfügen, daß es natürlich auch Menschen gibt, die Heilmethoden anwenden, bei denen die Liebe treibende Kraft ist, das angeführte Beispiel entspricht also keinesfalls der Norm.
Anlaß hierfür bot mir eine Reportage über körperbehinderte Kinder, die ich vor längerer Zeit im Fernsehen sah. Ich mußte in einer sehr rohen, aber sehr klaren Weise feststellen, was dieser Unterschied zwischen Annahme und Ablehnung für unseren zwischen menschlichen Umgang miteinander bedeutet. Diese Kinder wurden, es waren in diesem besonderen Falle vor allem gehbehinderte Kinder, täglich in Apparaturen für Streckung und Biegung behandelt. Diese Prozedur, welche eher mit Peinigung als mit Behandlung zu beschreiben wäre, ging nun stundenlang, manchmal mehrere Male täglich und dies über einen monatelangen Zeitraum hinweg. Der mutmaßliche Erfolg war aber eher zweifelhaft, und wenn überhaupt, waren nur winzig kleine Veränderungen zu erkennen. Ich möchte ja nicht behaupten, daß große Veränderungen das Ganze als solches rechtfertigen würden, denn genau dann würde ich mich ja auch auf dasalte Spiel von Richtig und Falsch einlassen und behaupten, wenn da etwas "falsch" ist und wir die Fähigkeit besitzen, es zu berichtigen, dann sind ja alle Mittel legitim und willkommen. Was eine direkte Einflußnahme in jedem Fall rechtfertigen würde und dies vor allem dann, wenn wir scheinbare sogenannte große und sichtbare Erfolge erzielen und nachweisen. Ich möchte also eher zum Ausdruck bringen, daß wir den praktisch offensichtlichen Nicht Erfolg hier in unserer Ignoranz mit einem mutmaßlichen Erfolg neutralisieren, also unser munteres Weitermachen damit rechtfertigen, daß eine Verbesserung potentiell möglich ist. Was hierbei natürlich impliziert, daß eine Verbesserung als solches eine von uns definierte und erdachte Größe und Maßeinheit ist, welche keinem natürlichen Bedürfnis zugrunde liegt. Daß hier keine Annahme existierte und praktiziert wurde, auch wenn die sicherlich sozialengagierten Beteiligten das gerne für sich in Anspruch nehmen würden, war an sich schon einfach ersichtlich für mich, um nicht zu sagen, es war praktisch unmöglich, das nicht zu sehen. Aber dies, was ein noch intensiveres, also tieferes Einsehen in diese leidens schaffende menschliche Haltung ermöglichte, war anhand dieses Beispieles zu erkennen, mit welchem eisernen Willen, mit welcher Überzeugungskraft etwas scheinbar Falsches und wenn auch nur minimal verändert, ja um es einmal etwas drastischer und aufschlußreicher zu formulieren, vernichtet werden muß.
Hier offenbarte sich die angstgesteuerte Zwanghaftigkeit etwas „Fremdes" verändern zu müssen, eben erstens aus der fehlenden Annahme heraus, als auch zweitens aus der Motivation heraus, etwas scheinbar Unangenehmes, mit dem man ohne liebende Annahme ja selbstverständlich nicht umgehen kann, irgendwie und sei es nur eingeringes verändern zu müssen. Und das, weil es zu einem angsteinflößenden Feind mutiert ist, der in Wirklichkeit weder unser Feind ist noch verändert oder gar vernichtet werden muß, sondern einfach nur angenommen sein will, also geliebt sein möchte. Diese Kinder, die nichts wissen von Gut und Böse, nichts wissen von Werten wie richtig und falsch, haben nicht das Bedürfnis, anders zu werden oder zu sein, es sei denn, sie haben bereits schon von diesem bitteren Brot des richtig undfalsch Seinkönnens gekostet. Was in diesem Fall so viel heißt, wie daß sie sich schon bereits damit abgefunden haben, daß sie Liebe und Zuneigung nur dann erhalten, wenn sie so sind, wie sie ihre Außenwelt gerne hätte. Und dies bedeutet natürlich grundsätzlich auf keinen Fall so, wie sie nun mal mit ihrer „Behinderung" sind.
Das trifft selbstverständlich im weitesten Sinne auch auf jeden anderen Menschen zu, der nicht den vorgegebenen Normen seines Umfeldes entspricht, also von der gesellschaftlichen Vorgabe abweicht, und somit eine scheinbare Behinderung für das bestehende System mit sich bringt. Aber bleiben wir zunächst bei dem erwähnten Beispiel und kehren zu den sogenannten „offensichtlich behinderten" Kindern zurück, um die wirkliche existierende Behinderung, die Angst als solches eben, welche nämlich unserem gemeinsamen, kollektiven Glücklichsein im Wege steht, noch ein wenig klarer auszuleuchten. Jene Kinder haben uns nicht darum gebeten, daß wir sie verändern, damit sie dann so sind, wie wir sie für richtig halten. Sie haben auch nicht darum gebeten, daß wir sie in schon bestehende Schablonen einfügen und anpassen. Ganz im Gegenteil, sie haben sich nur in das schon bestehende Gesellschafts System eingefunden, was einstweilen eher einer Resignation als einer gesunden Anpassung entspricht. Das einzige, was ich sah, waren Wesen, die bereit waren, Liebe zu empfangen, und dies waren sie offensichtlich, ohne vorher verändert oder dafür modifiziert zu werden. Das, was da zu sehen war, waren einfach nur Wesen, die sich nach liebevoller Annahme sehnten und dies in ihrer ureigenen unverfälschten Gestaltwerdung. Perfekt ausgerüstet, einfach angenommen zu sein, wie sie als göttliche Wesens Einheiten nun mal sind.
Es geht in dieser Welt nicht darum, die Erde und alles, was auf und mit ihr existiert, dahingehend zu verändern, daß wir alles Existierende mögen oder auch akzeptieren können, weil dann alles so ist, wie wir das gerne hätten. Was realistisch betrachtet ja auch gar nicht in unserem Rahmen des Möglichen liegt, was wir aber unrealistischerweise in gewissem Sinne unentwegt versuchen. Im Gegenteil, es hat uns dahingehend ja niemand aufgefordert, überhaupt irgend etwas zu verändern, ausgenommen unsere Lebens Erfahrung vielleicht, welche uns anrät, unsere eigene Haltung dem Leben und dem, was es beinhaltet, gegenüber zu hinterfragen. Und es scheint mir demnach eher ein ständiges Anraten und Erinnern von Seiten des Lebens zu bestehen, ein Miteinander mit alledem, was existiert, willkommen zu heißen, also alles Bestehende als berechtigt anzunehmen, um dabei die faszinierende Erfahrung, zu lieben und geliebt zu werden, machen zu können. Solange der falsche Glaube von der Realität von Gut und Böse uns vorschreibt, was wir zu lieben haben und was nicht, ist wahre Liebe nicht möglich, denn wahre Liebe ist Annahme und grenzt nichts aus, nicht einmal das scheinbare Böse, Falsche und Unrichtige. Jeder Mensch, jedes Wesen hat ein Anrecht auf seine individuelle Art und Weise und seine geburtsrechtliche Legitimation, seinen ureigenen Lebensweg in Freiheit zu beschreiten. Und durch sein individuelles, sein einzigartiges Sein eine ganz spezifische und persönliche Wahrnehmung der Welt und ihren Erscheinungen zu haben. Freiheit ist die Atmosphäre und der fruchtbare Boden, in der wir gedeihen, und es ist ein Zuwiderhandeln gegen dieses universelle Gesetz der Freiheit, wenn wir einem Wesen dieses Anrecht verwehren.
Und ganz abgesehen davon, auch wenn es für einen manchen von uns schwer vorzustellen ist, was sicherlich einer gewissen Selbstverständlichkeit entspringt, da unsere zumeist duale Sichtweise ein solches Verständnis nicht vorgesehen hat, ist ein jedes Erleben, Erfahren, mag es uns auf der einen Seite erstrebenswert, glanzvoll und freudig vorkommen und auf der anderen Seite leidvoll, eingeengt oder gar nicht lebenswert erscheinen, unbedingt gleichwertig und auf seine ureigene Art wertvoll für das Individuum selbst sowie für das Kollektiv als Ganzes. Jedes Wesen hat seine ganz eigene Sensibilität, Empfindsamkeit, differenzierte Wahrnehmung und einzigartige Aufnahmefähigkeit, welche an sich ein Geschenk unserer göttlichen Vielfalt ist und uns erlaubt, auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen die Welt, das Leben, das göttliche Schauspiel, welches sich in allem und immerfort offenbart, zu sehen und zu erfahren. Jedes Wesen empfängt somit das Geschenk, Gott unzensiert mit seinen eigen Augen zu schauen.