Versuchen Sie Reiseführer zu sein für die Expeditionen, die ihre Kinder antreten.Denn in den Bildern lauern auch Ängste, Befürchtungen, Bedrohungen, denen sich die Kinder stellen müssen, es ist die gleiche Welt der Fantasie, in der sie auch auftanken. Überwinden Sie die Scheu, die wir Erwachsenen oft vor den Räumen der Fantasie haben, besuchen Sie Ihre Kinder dort und sind Sie ihnen echte Begleiter, gerade in jener unfassbaren Bilderwelt. Helfen Sie mit, an Bildern der Hoffnung und Zuversicht zu spinnen, in denen auch immer Trost wartet. Fantasieren und fabulieren sie mit Ihren Kindern. Die Rollenspiele, die Kinder mit Kindern spielen, sind oftmals eine Fortsetzung der Verschränkung von erlebter Wirklichkeit, psychischem Erleben und Fantasie. Spielen Sie mit, lassen Sie sich Rollen zuschreiben, haben Sie den Mut auch zu schwachen Rollen, damit sich die Kinder wenigstens hier im Spiel einmal stark und unverwundbar fühlen können. Kinder sind Weltmeister im Geschichten erzählen und erfinden und sie lieben es, auch Geschichten erzählt zu bekommen.
Sie lieben ganz besonders Märchen, gerade weil sie dort mit den Ängsten konfrontiert werden, denen sie sich brutal ausgeliefert fühlen: z. B. dem grausamen Ausgesetztsein, vor dem sie sich fürchten oder dem nicht Geliebtwerden, oder dem Ausgestoßen- und Verlassenwerden, dem Bestraftwerden usw. Im Märchen werden Kinder von Wölfen aufgefressen, Aschenputtel muss völlig verkannt und in Einsamkeit in Lumpen leben, Kinder werden von einem Jäger im Wald zurückgelassen oder sie finden sich in der Rolle des Schneewittchens wieder, denn es gehört zu den Urängsten eines jeden Kindes, dass die Mutter es lieber tot als lebendig haben wollte. Ganz sachlich geht das Märchen an die Probleme heran, macht die Nöte der Helden sichtbar und führt nach vielen bestandenen Gefahren den Helden auf einer höheren Ebene wieder einer vorläufigen Lösung zu. Lassen Sie sich ein auf die Welt der kindlichen Bilder und dort, wo es Ihnen schwer fällt, Ihren Kindern eigene Bilder anzubieten, die tragen, greifen Sie einfach auf Märchen zurück, die fast für alle Lebenslagen Entwicklungswege aufzeigen, die in der Zuversicht enden. Das Märchen bietet für jeden die richtige Botschaft. Wenn Sie selbst ein Lieblingsmärchen aus der Kinderzeit haben und dieses immer wieder mal über die Jahre gelesen haben, werden sie bemerkt haben, dass das, was Ihnen daran wichtig ist, sich durchaus wandeln kann. Die Botschaften der Märchen können also immer wieder andere sein, je nach dem, was wir von unserer Entwicklung her gerade hören können.
„ Wer klein ist, fühlt sich wie der wackelige Strohschuppen, der dem Wolf nicht gewachsen ist und ihm doch standhalten soll. Es braucht zwingend noch die Eltern, die für es sorgen." (die 3 Schweinchen). Eine schöne Botschaft, die von manchen Eltern beherzigt werden sollte. Bei Hänsel und Gretel haben die Eltern keine Mittel mehr, um für ihre Kinder zu sorgen. Deshalb entscheiden sie sich, ihre Kinder verschwinden zu lassen. Die Kinder laufen verloren im Wald herum. Am Ende bringen sie sich nach allerlei bestandenen Gefahren wieder in Sicherheit. „ Nicht nur mit Hilfe der Eltern wird man groß, auch die Gefahren und die damit verbundenen Ängste, denen man unterwegs ausgesetzt ist, führen zu Reife und neuer Wirklichkeit." Auch das eine wichtige Wahrheit des Lebens, die wir beherzigen sollten.
Kinder lieben Märchen, auch deshalb, weil sie oft von Angst handeln, ohne dass das Märchen das ausspricht. Es ist sogar eher selten, dass die Angst erwähnt wird. Wenn wir aber ein Märchen hören und uns in seine Bildwelt hinein vertiefen, dann erfasst uns oft eine Angst um den Helden oder um die Heldin, etwa wenn Schneewittchen immer wieder vergiftet wird oder wenn Hänsel und Gretel allein im Wald zurückgelassen werden oder wenn die Hexe sie so bitterböse anredet. Indem die Helden die Gefahren und die Bedrohungen überstehen, können auch wir wieder aufatmen. Wir haben mit dem Helden ein Stück Angst bewältigt. So gesehen gibt es kaum ein Märchen, das nicht von der Angst handelt. Und von den Märchen her gesehen, die ja immer Wege der Entwicklung darstellen, die aus typischen, menschlichen, scheinbar unlösbaren Problemen doch zu einem gangbaren Weg führen, muss man sagen, dass jede Entwicklung mit Angst und mit Überwindung von Angst verbunden ist. Das Schöne am Märchen, gerade auch für die Kinder ist, dass das Märchen hilft, selbstverständliche Zuversicht zu gewinnen.
Dass Angst zum Menschen gehört und den Menschen erst menschlich macht, ist in all jenen Märchen ausgedrückt, in denen einer auszieht, um das Fürchten zu lernen.
Das Märchen handelt immer von etwas, das den Fortgang des Lebens bedroht – meistens dargestellt in der Ausgangssituation des Märchens -, und es zeigt, welcher Entwicklungsweg aus diesem Problem heraus - und in eine neue Lebenssituation hineinführt. Wir wissen alle, dass dieser Entwicklungsweg jeweils auch noch Umwege, Gefahren oder Scheitern in sich birgt. Das sind - jetzt übersetzt - Gefahren, die unseren Kindern auf ihren Entwicklungswegen genauso drohen, wie den Helden im Märchen. Sie betrachten den Helden im Märchen quasi als Modellfigur, der durch sein Verhalten eine Problemsituation aushält und den Weg. beschreitet, der nötig ist, um das Problem zu lösen und seine Angst zu bewältigen.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Kindern viel Spaß beim Bewältigen der kindlichen Ängste, haben Sie den Mut Bergführer zu sein für das Überwinden der scheinbar unüberwindlichen Angstberge, die ihre Kinder empfinden.
Joachim Armbrust Kinder bewältigen ihre Angst
So können Eltern helfenUrania VerlagISBN: 978-7831-6082-6Einband: kartoniertPreis: 12.95 €128 SeitenErscheinungsdatum: 1.3. 2008