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Angst bei Kindern - Kinder bewältigen ihre Angst

Autor: JoachimArmbrust | Erstellt am: 27.01.2008 | Gelesen: 12307
Kategorie: Literatur - Bücher & Zeitschriften | Bewertung: rateArateArateArateBrateB
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(Online-Artikel.de) - Kinder verarbeiten oftmals ihre Angst, indem sie die Angstsituation immer wieder neu durchleben.

Kinder-bewaeltigen-ihre-AngstImmer wieder wollen sie sich das Erlebte erneut erfahrbar machen und variieren dabei den möglichen Ausgang. Das wiederholte Durchleben der Angst auslösenden Ereignisse kann dann ganz verschiedene Formen annehmen. Die Kinder sind so kreativ, dass sie einfach die Rollen wechseln um in eine andere Gefühlslage zu kommen.

So kann ich mich an einen 7-jährigen Jungen erinnern, der bei mir in Therapie war. Er musste wegen einer Phimose, einer Vorhautverengung, die ihm zu schaffen machte, im Krankenhaus operiert werden. Zur nächsten Therapiestunde kam er zur Tür herein und verkündete mir sogleich, dass wir heute Krankenhaus spielen, er heute Oberarzt sei und ich mich doch schon einmal aufs Bett legen und mich frei machen soll (so tun als ob natürlich). Er sägte mir im Spiel den Kopf auf, nahm mir die Kniescheiben heraus, schnitt mir den Bauch auf und hörte gar nicht auf, an mir herum zu operieren. Dabei musste ich auf seine Anweisung hin die Augen geschlossen halten. Er tat dies mit einer solchen Vehemenz, dass ich mich bei ihm vergewissern musste, dass es auch wirklich bei den symbolischen Handlungen bleibt. Ich rief dann um Hilfe, wollte, dass der Chefarzt kommt, spiegelte ihm wie ohnmächtig und hilflos ich mich fühle, zeigte ihm meine Angst und rief, er solle jetzt doch bitte aufhören. Gnade, Gnade, rief ich ihm zu, aber der Oberarzt hatte kein Ohr für meine Anliegen und machte einfach weiter. Er wollte mein Bitten und Flehen einfach nicht erhören.

Irgendwann bin ich dann nach der Operation im Rollenspiel erschöpft eingeschlafen. Es war interessant zu sehen, wie Florian durch den kreativen Rollenwechsel, sich selbst in die Situation des mächtigen Arztes brachte, der gar kein Gespür für seinen kleinen Patienten hat und wie er mich in die Rolle des Patienten einlud, der ihm vorspielt, was man alles für Gefühle hat, wenn man in eine solche Situation kommt. Er konnte durch dieses Spiel praktisch aus der Distanz noch einmal seine Gefühle durchleben bzw. zusehen, wie sie ein anderer durchlebt. Damit haben sie ein klein wenig ihren Schrecken und ihre Mächtigkeit verloren. Die Macht der kindlichen Ängste verliert sofort an zwingender Größe, wenn die Angst dargestellt oder versprachlicht werden kann. Kann das Kind dann auch noch die Ohnmachtssituation gegen die mächtige Rolle tauschen, dann ist mindestens eine gesunde Verarbeitung in Gang gesetzt worden. Zum Abschluss hat mir der Junge dann noch erzählt, dass alles gar nicht so schlimm war. Er musste also nur das mächtige Gefühl des Ausgeliefertseins noch einmal nachspielen, um die Operation Geschichte werden lassen zu können.

Sie haben jetzt ein Beispiel dafür kennen gelernt, wie Kinder die starken Eindrücke verarbeiten, die Spuren der Angst hinterlassen. Sie äußern das Erlebte im Spiel und in ihren Geschichten, oder lassen sich beim Verarbeiten helfen (Was haben wir gemacht? Und was ist dann passiert? Und wer hat mir geholfen? Warum ist da solange niemand gekommen? Was hab ich dann gemacht? Hab ich geschrien? Hat es geblutet? usw.) oder sie reagieren darauf auch mit Verhaltensauffälligkeiten, Schlafstörungen, gestörtem Essverhalten, schlechter Konzentration oder mit besorgniserregenden Schulresultaten. Indem wir beobachten, was sie tun, können wir die einzelnen Kinder im nochmaligen Durchleben eines Erlebnisses besser verstehen. Schlimme Erfahrungen können auch dann zu Verstörungen oder zu auffälligem Verhalten führen, wenn uns das Verstehen gelingt. Denken Sie bitte immer daran, vom Kind her betrachtet, ist auch ein solches Verhalten der Versuch einer Lösung und kein Verhalten, das den Eltern Böses will.

Kinder sehen Bilder vor sich, schrecken plötzlich auf, haben Furcht erregende Träume, finden keine Ruhe, laufen sich selbst davon, spielen Spiele, in denen immer wieder Fragmente des Erlebten auftauchen. Das Bild der Freundin, die von einem Auto erfasst wurde und mit geschleudert wurde, taucht immer wieder auf, auch in der Schule beim Lernen. Oft reagieren die Kinder auch mit Angst- und Wiederholungs-träumen. So träumt ein Kind davon, wie es versucht als Feuerwehrmann den Flammen Herr zu werden. Oder ein Kind träumt davon, auf einem viel zu großen Pferd zu sitzen, es hat Angst, diese Lebenskräfte nicht bändigen und führen zu können. Das Pferd brennt durch, stellt sich auf die Hinterbeine. Das Kind wacht schweißgebadet auf. Ein Kind sitzt Nacht für Nacht in einem Boot, das einen reißenden Wildbach stromabwärts fährt. Mit Mühe kann sich das Kind über Wasser halten und die Wirbel mit seinem Paddel umschiffen helfen. Regelmäßig kommt es dann aber an einen Wasserfall, dessen Rauschen es lange vorher schon hört und mit letzter Kraft versucht es sich dann am Ast eines schon etwas morschen Baumes festzuhalten, der dann doch regelmäßig bricht. Während des freien Falls wacht das Kind dann meist schreiend auf. Aus dem Hochhaus fallen und fallen und fallen und fallen,….schweißgebadet aufwachen vor dem Aufschlagen….ist ein anderes Traumbild von dem ein kleines Mädchen lange Zeit geplagt wurde. Nicht selten entwickeln die Kinder dann Angst vor dem Einschlafen. Das alles können Signale dafür sein, dass sich das Kind bei sich selbst und in seinem Körper nicht mehr wohl fühlt.

Alle Menschen, Kinder im Besonderen, sind durch traumatische Erfahrungen verwundbar. Kinder, die von Natur aus schon ängstlich sind, werden durch beängstigende/sorgenvolle Geschehnisse besonders/noch tiefer getroffen.

Manche Erwachsene denken, Kinder könnten schnell vergessen und schmerzliche Erinnerungen würden bald wieder verschwinden. Aber das ist nicht immer richtig. Kinder sind eigenständige, empfindsame Persönlichkeiten. Ernste Vorkommnisse in ihrem Leben stören ihre gesunde Entwicklung. Ein Risiko bleibender Verwundung, z.B. Entwicklungsverzögerungen bzw. – beeinträchtigungen besteht immer.
 
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