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'Als Göttin verehrt - als Frau missbraucht'

Autor: helpcard | Erstellt am: 10.03.2011 | Gelesen: 771
Kategorie: Kunst - Kultur & Religion | Bewertung: rateArateArateArateArateB
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(Online-Artikel.de) - Fotoaustellung im Rheinischen Landesmuseum Bonn

Andheri-Hilfe in Indien
Andheri-Hilfe in Indien
Der Fotograf Roger Richter reiste Anfang 2009 mit der Journalistin Dorothea Riecker nach Indien, um die Kaste der Devadasis, der indischen Tempeltänzerinnen, kennen-zulernen. Schon seit vielen Jahren ist Roger Richter immer wieder für die Bonner Entwicklungsorganisation Andheri-Hilfe in Indien und Bangladesch unterwegs, um das Leben der am stärksten Benachteiligten, der Armen und Unberührbaren zu zeigen. Auch die der Göttin Mathamma geweihten Tempeltänzerinnen leben am Rand der Gesellschaft - gefangen in einem Geflecht von falsch verstandener Tradition und erzwungener Prostitution. Bekannt ist der Fotograf durch seinen zweisprachigen Bildband "The Power of Dignity - Die Kraft der Würde" über die Geschichte des Mikrokredits des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus.

Die Tänzerin Param J.G.C. Stieber zeigt einen traditionellen indischen Tempeltanz, der die schöne und „unschuldige" Seite des Göttinnenkults beleuchtet.

Elvira Greiner, die Vorsitzende der Andheri-Hilfe steht Ihnen für Ihre Fragen und Gespräche zur Verfügung. Sie bereiste vor zwei Wochen die Projekte im indischen Karnataka und Andhra Pradesh, die mit der Unterstützung der Andheri-Hilfe für die Rechte der Frauen und gegen die Tempelprostitution kämpfen.

Info:
Devadasis, Basivinis, Mathammas – ihre Namen sind regional verschieden. Doch eines ist ihnen allen gemeinsam: Im Tempel werden sie als Stellvertreterinnen der Göttin verehrt, im Alltag als Prostituierte missbraucht. Das ist das Schicksal der Tempeltänzerinnen im Indien des 21. Jahrhunderts. Fast immer sind es Mädchen der Kastenlosen, der untersten sozialen Gruppen, die schon als Kinder der Göttin geweiht werden. Sobald sie die Pubertät erreichen, tanzen sie im Tempel der Kastenhindus. Und diese nehmen sich das Recht, diese Mädchen und Frauen sexuell zu benutzen.

Die Tradition, ein Mädchen symbolisch mit der Gottheit eines bestimmten Tempels zu verheiraten, geht auf das 7 Jhd. n.Chr. zurück. Während die Frauen, die zum Dienst im Tempel herangezogen wurden, in früheren Jahrhunderten ein hohes Ansehen genossen und es vereinzelt sogar zu einigem Wohlstand brachten, erlebte das Ansehen dieser Dienerinnen und Tänzerinnen, die einstmals im Spannungsfeld zwischen Tempel und adligem Herrscherhaus standen, einen dramatischen Niedergang. Einen Zusammenhang sehen die Historiker im Vordringen der Briten auf dem indischen Subkontinent und deren moralischem Denken über Frauen, die ihren Lebenszweck im Tanz und im Dienen einer Gottheit sahen. Tiefergehende Informationen liefert hierzu die Abhandlung von Eveline Rocha Torrez, Indische Devadasis einst und jetzt, Priesterinnen, Tänzerinnen oder Prostituierte, Duisburg 2007, in: devadasis.pdf

Außerdem siehe: Dokubrief_Indien6_05_deutsch.pdf

Die Texte entstammen der Bildungsveranstaltung in Bad Boll, Mädchen, Mütter, Mitgift, Die Frauen Indiens in Kirche und Gesellschaft, Bad Boll 2004, S. 15ff. Hier wird auf die Rolle und die Stellung benachteiligter indischer Frauen im Besonderen auf die Devadasis eingegangen.

Aus der Weihe eines Mädchens, einst gedacht, um die Gnade der Götter zu erflehen, gerade in Notsituationen, haben die Menschen einen unheilvollen Brauch entwickelt. Wer sich nicht wehren kann, das sind die Mädchen, die späteren Mathammas oder Devadasis und dann wieder ihre Kinder. "Kinder der Götter" werden diese genannt, kann doch keiner sagen, wer der leibliche Vater ist. Diese "Kinder der Götter" werden auf bitterste verachtet, bespuckt, geschlagen - niemand will sie in ihrer Nähe sehen. Und genauso ihre Mütter: Sie stehen dem Volksglauben nach der Göttin besonders nahe, "vertreten" sie bei religiösen Festen und Zeremonien. Das hält aber niemanden im Dorf davon ab, diese Frauen auszugrenzen, zu diskriminieren.

Was Andheri-Hilfe und ihre Partner vor Ort gegen diese Tradition unternehmen:
Die Organisation DUTIES mit ihrem engagierten Leiter Herr Vengaiah aus Andhra Pradesh war fest entschlossen, dieses Übel anzupacken. 1997 sagten wir unsere Hilfe zu. Einerseits ging es darum zu verhindern, dass neue Mädchen zu "Mathammas" geweiht wurden und andererseits um Rehabilitationsmöglichkeiten für die Tempelprostituierten. Der Anfang war sehr schwer. Unser Partner stieß auf vehementen Widerstand in der Bevölkerung: sein Haus wurde angezündet, sein Trinkwasserbrunnen vergiftet. Rückhalt seitens der Polizei kam nur zögernd: Die meisten Beamten kannten nicht einmal das Gesetz, welches die Tempelprostitution verbietet. Ein ganz wichtiger Ansatz war und ist daher die Bewusstseinsbildung unter der Bevölkerung: Niemand hat das Recht - und schon gar nicht im Namen einer Göttin - das Leben von jungen Mädchen und Frauen auf diese Weise zu zerstören.

Die jahrelange harte Arbeit hat Früchte getragen: Heute wird in diesem Distrikt kein Mädchen mehr der Göttin geweiht. Die Dorfbewohner haben sich gegen die Tempeltänze entschieden. Für die Frauen, die früher in diesem "Gewerbe" arbeiteten, konnten wir Alternativen schaffen: Sie haben kleine Läden eröffnet, eine Ausbildung zur Näherin gemacht o.ä. Von der Regierung erhielten sie Unterstützung für kleine, einfache Häuser. Die Frauen haben sich in Gruppen zusammen geschlossen: Hier können sie offen über ihre Situation und ihre Schwierigkeiten sprechen und gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten suchen. Inzwischen gibt es sogar Frauengruppen, in denen die ehemaligen Tempelprostituierten gemeinsam mit anderen Dorffrauen zusammen sitzen - eine Revolution! Und genau so revolutionär ist die Tatsache, dass eine ganze Reihe dieser "Mathammas" inzwischen heiraten und eine eigene Familie gründen konnten.

2. Einzelschicksale

Basamma, 27 Jahre: „Früher war es mein Traum zu heiraten, aber als Devadasi ist es mir verboten."

Das Schicksal von Basamma aus dem Dorf Chiribi in Karnataka
Basamma, die hübsche junge Titelfrau unserer Ausstellung, ist 27 Jahre alt, sie hat zwei Kinder, Archana ist ein Jahr alt, Akash 5 Jahre.

Im Alter von 9 Jahren wurde Basamma der Göttin Ucchangidurga geweiht. Ihre Mutter war Witwe und befürchtete, dass sie unversorgt im Alter bleiben würde, wenn auch die jüngste ihrer beiden Töchter, Basamma, heiraten und damit das Haus verlassen würde.

Basamma erzählt: Die ersten Jahre nach der Weihe hat sich zuerst nichts für mich geändert. Doch nach dem Initiationsritual, es war kurz nach der Pubertät, da wusste ich, dass ich anders bin als andere Mädchen. Es sollte mein großer Tag sein. Meine Mutter schmückte mich mit Armreifen, Blumenketten im Haar und einem neuen Sari. Bevor sie mich in die Hütte führte, gab sie mir den Rat alles zu machen, was die Männer von mir verlangen. Ich vertraute meiner Mutter. Ich glaubte ihr, als sie sagte, dass ich von nun an viel Macht im Dorf haben werde. Der erste Mann, mit dem ich in dieser Nacht Sex hatte, war ihr Bruder. Das ist nicht selten bei Devadasis. Für einige Jahre blieb er bei mir. Er kümmerte sich um mich. Heute kommt er seltener vorbei. Meine beiden Kinder sind von ihm. Doch mit dem Tag meiner Initiation begann der Horror für mich. Meine Freundinnen verließen mich. Die Frauen des Dorfes beschimpften mich. Es gab Mittelmänner, die beständig versuchten, mich an Freier anzubieten. Bis heute belästigen mich die Männer, wenn ich auf den Markt gehe."

Basammas Hoffnung: Durch die SNEHA Selbshilfegruppe hat sie wieder Selbstvertrauen gewonnen. Gemeinsam mit dem Andheri-Partner werden die Probleme von Devadasis offen mit anderen Tempeltänzerinnen und normalen Frauen diskutiert. Dank SNEHA erhalten Basammas Kinder die Chance zur Schule zu gehen ohne Diskriminierung von Lehrern und Mitschülern. Basammas Hoffnung ist, irgendwann mit Hilfe eines Kleinkredits durch die Selbsthilfegruppe einen eigenen Verkaufsstand errichten zu können.

Urugonda Mathamma, 40 Jahre: „Als Kind wurde ich der Göttin geweiht. Meine Mutter hatte keine andere Wahl."

Urugonda kommt aus einer niedrigkastigen Familie, sie ist ein sog. Dalit. Sie hat in ihrem bisherigen Leben nur Ausbeutung und Unterdrückung durch die Hochkastigen, Priester und Dorfältesten erfahren. Eine Ausbildung konnte sie nicht machen. Bereits als kleines Mädchen wurde sie der Göttin Mathamma geweiht, nachdem sie sehr schwer an Masern erkrankt war. Ihre Mutter brachte sie in ihrer Verzweiflung zum Priester, der ihr zuredete, dass nur die Weihe des Kindes an den Tempel Heilung bringen würde. Erst nach dem Initiationsritual im Alter von 14 Jahren erfuhr sie bitterlich, was es bedeutete, eine Gottgeweihte zu sein. Alle Männer des Dorfes wollten mit ihr schlafen. Als Mathamma durfte sie sich nicht verweigern. (Hier kommt der Aberglaube zum Zuge, dass alle Männer, die diese Gottheit verehren, quasi als Ehemänner der Devadasi anzusehen seien.).

Äußere Zeichen einer Devadasi
  • die Frauen und jungen Mädchen tragen eine weiß-rote Perlenkette
  • Rasterlocken bei älteren Frauen gelten als Zeichen, dass die Göttin Besitz von der Frau ergriffen hat
  • Ein Band mit je einem Lederstück am Ende wird dem Mädchen um den Hals geschlungen. Es gilt hiermit als verheiratet mit der Gottheit und kann daher keinen anderen Mann mehr ehelichen.
 
 
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