Rainer Sauer/Autor/Philosoph
Alles was ich betrachte, schaue ich aus meinem persönlichen, mir ganz eigenen und vor allem unbedingt subjektiven Blickwinkel an. Alles, was ich sehe, geht mich etwas an,
betrifft und
berührt mich, steht in einer
kommunikativen Verbindung mit mir. Mit anderen Worten, alles spricht auf seine ganz ureigene Art und Weise zu mir. Spricht zu mir auf jene „intime" Weise, wie ich auch zu ihm spreche. Und zeigt mir aus diesem Grund immer auch ein momentanes Bild meiner Gefühlswelt, meiner Haltung der Welt gegenüber und zeigt mir grundsätzlich auch all das, was mich als Individuum ausmacht. Es stellt mir also äußerlich anschaulich meine innere Welt gegenüber, was nichts anderem gleichkommt als dem stetigen Hineinblicken in den Spiegel unseres Selbst. Da „ich" es ja bin, der da in den Spiegel hineinschaut, kann ich mich auch, falls ich es denn möchte, jederzeit und in allem, was ich da entdecke, wiederfinden. Der Spiegel zeigt mir
mein Inneres, welches ich für „Anschauungszwecke" nach außen gekehrt habe.
Ich habe einerseits die Möglichkeit, mich entweder mit dem scheinbaren Getrenntsein von dem, was ich da gerade sehe, zu identifizieren und mich aus diesem Grunde von dem Geschauten abzuspalten und mich somit auch von mir selbst zu distanzieren. Oder mich andererseits des Einsseins mit „allem" zu erinnern und deshalb tatsächlich mich anzusehen, in mein Spiegel Bild zu schauen, also mich mit dem sogenannten Außen verbunden ungetrennt wahrzunehmen, mich also in dem Geschauten wiederzuerkennen. Das, was ich da erkenne, ist für mich wichtige Information, welche ich für mein Wachstum nutzen kann und die mir eindeutig aufzeigt, wer ich wirklich bin und was ich wirklich will. Es ist „Material", welches mir aufzeigt, wie ich funktioniere, wie ich beschaffen bin und welches mir in ehrlicher analytischer Auswertung die Richtung für eine für mich stimmige Änderungs Korrektur aufzeigt. Dabei ist es wichtig, zur Akzeptanz zu gelangen, daß diese Korrektur Arbeit einzig und alleine an mir selbst und mit mir selbst und nicht in der Weise möglich ist, daß ich das Spiegelbild in irgendeiner weise manipuliere, etwa schön „anmale" oder sonstige Veränderungen daran vornehme. Es ist also wichtig zu akzeptieren, daß nicht einmal das Zerschlagen des Spiegels (was einem Nichtanerkennen der Spiegel Funktion gleichkommt, also bedeutet, sich selbst nicht ins Angesicht schauen zu wollen) einer tatsächlichen Veränderung entspricht. Also der Tatsache ins Angesicht zu schauen, daß alle unsere Versuche, uns unserer Selbsterkenntnis zu entziehen, alle unsere Vermeidungs Taktiken, uns selbst zu begegnen, nicht eine Spur des Ist Zustands verändern, wir in diesen Fällen nichts anderes tun als wegzusehen. Mit anderen Worten zuzugeben, daß unser Nicht Wahr Nehmenwollen keinesfalls produktiv ist, sondern nur unseren Unwillen, uns selbst anschauen zu wollen, also unser Nichtbereitsein bekundet, selbstverantwortlich die Ursache der Dinge bei uns selbst zu suchen. Und uns einzugestehen, daß eher durch unser Wegsehen Schmerz erzeugt wird, wir unseren Gefühlshaushalt wohl offensichtlich negativ beeinflussen, daß es uns anders gesagt nicht gerade gut damit ergeht, es jedoch keine konstruktive Veränderung im Sinne von Wachstumsstimulierung mit sich bringt. Außer natürlich, daß sich vielleicht aus dieser unangenehmen schmerzlichen Erfahrung als Resultat das anwachsende Bedürfnis, „sich verändern zu wollen" ergibt, was so gesehen auch eine Art Veränderung bedeutet. Oder zumindest als eine Veränderung in der Motivation selbst zu sehen und durchaus zu würdigen ist. Hier geht es mir aber vor allem darum, die Spiegel Funktion produktiv zu nutzen, den Nutzfaktor möglichst auszuweiten.
Der Spiegel ist ein vortreffliches Werkzeug, um mich zu erkennen, mich wieder zu erinnern, mich selbst zu finden. Die Welt offenbart mir immerwährend in Form dieser Spiegel Funktion eine „unendliche Geschichte" von mir selbst und über mich selbst. Eine Geschichte von mir erzählt, ununterbrochen, konstant und dies mit dem einzigen Ziel, meiner Bewußtwerdung zu dienen. Und wenn ich lerne, liebevoll zu lauschen, achtsam und forschend zuzuhören, mich für das, was mir bewußt werden möchte, zu öffnen, wird es sich zweifelsohne ereignen, daß ich immer mehr erahne, „wer ich bin", „was ich will" und „wohin es mich ruft". Und wenn ich auf meinem persönlichen Wege spüre, daß ich das Bedürfnis nach einem Kurs Wechsel habe, kann ich das in mir korrigieren und die nötige Veränderung, die dafür nötig ist, vornehmen. Und hierbei ist mir der Spiegel des vermeintlichen „Außen" in gleicher Weise zu Diensten, nämlich läßt er mich dann jederzeit überprüfen, was an Veränderung sich als Auswirkung tatsächlich im äußeren Erscheinungsbild manifestiert hat. Denn ich werde das Ergebnis meiner Korrektur im Spiegel schauen können, manchmal schon augenblicklich sehen, vielleicht auch erst etwas später, aber ich werde dem Resultat der Veränderung definitiv im Spiegel meines Selbst begegnen. Wenn ich also bereit bin, ehrlich hinzuschauen und die Welt der Erscheinungen in ihrer Eigenschaft als Spiegelung meiner selbst als solches konstruktiv zu gebrauchen, kann ich mir jederzeit im Hier und Jetzt begegnen und dabei meinen momentanen „Ist Zustand" bestaunen.