Autor und Dozent Rainer Sauer
Dies ist ein allgemein bekannter Ausspruch, ein geflügeltes Wort, dessen Tiefsinnigkeit und natürlich auch dessen Aussagekraft längst geschwunden ist. Da wir zumeist nur noch die oberflächliche und grobe Bedeutung des Sprichwortes erfassen, sind wir für den kostbaren Inhalt der Aussage immun, sind praktisch nicht aufnahmebereit für das Bedeutsame, das verborgen unter der Oberfläche bereit zur Bergung verweilt. Wenn wir uns aber erneut von der abgestumpften Art und Weise, Dingen zu begegnen und sie zu betrachten, loslösen, sind die Türen für tiefere Erkenntnis wieder offen für uns, und es kann sich uns unmittelbar das „Innere" offenbaren. Auf die Worte „alle Wege führen nach Rom" bezogen bedeutet das, daß wir der universellen Aussage begegnen, welche uns erinnert, daß es kein „richtig", kein „falsch" gibt, daß kein wirkliches Umher Irren existiert, sondern daß mich alle Wege zu mir selbst, zu meiner Selbsterkenntnis hinleiten. Alle Wege führen zu mir, zu meinem Wahren Selbst, das ist eine spirituelle Weisheit, die einen wesentlichen Bestandteil bewußt gelebter Freiheit ist. Denn verstehen wir die Bedeutung dieser Worte in ihrer Totalität, wissen wir, daß wir unbeirrt von aller Gegenargumentation tun und lassen können, was wir wollen, also gehen können, wohin wir wollen. Wir begegnen uns immer selbst, und dies birgt das Geheimnis der Freiheit und des freien Willens in sich. Demnach gibt es letztendlich keinen sogenannten falschen Weg, denn alle Wege sind gleich wertvoll, und ein jeder birgt in sich seine spezifische Erfahrung, seine Bewußtseins Frucht in sich. Jeder Weg, den wir also einschlagen, ist eine von uns selbst erwünschte Erfahrung, welche uns für unsere individuelle Selbsterfahrung wichtig und bedeutungsvoll erscheint. Somit ist auch der sogenannte „Irrweg" oder „falsche Weg" nur scheinbar gegenläufig, also nur illusorisch von uns wegführend und hat genau die von uns benötigte Information inne, die wir zu unserem Selbst Erkennen brauchen.
Wie ich in einer kleinen Wortspielerei zeigen möchte, liegen scheinbar unüberwindbare Gegensätze oft sehr nahe beieinander oder zeigen sich in einem klaren Lichte vielleicht gar als identisch. Oder anders formuliert, es sind die „zwei Seiten einer Münze", welche die Münze als Ganzes ausmachen und bei der wir manchmal nur eine Seite sehen und nicht einmal die Existenz der anderen erahnen. Wir nehmen vielleicht bei einem „gründlicheren" Hinsehen zwei existente Seiten, aber dennoch voneinander getrennte gegenüberliegende Seiten wahr und erfahren im günstigsten Falle, wie erwähnt, die Münze als Ganzes. Das folgende Wortspiel soll uns diesem Verständnis vom Ganzen etwas näher bringen und uns möglicherweise erlauben, eine umfassendere Sichtweise anzunehmen.
Schauen wir nämlich das Wort „wegführend" an, gibt es näher betrachtet mindestens zwei Möglichkeiten der Interpretation. Zum einen die scheinbare negative, etwas ist hinfort leitend, bringt uns weg von einem fiktiven Ort des Aufenthalts. Es bezeichnet also eine anwachsende Distanz, welche wir zu etwas „gewinnen" und definiert gleichzeitig ein Verlieren der Nähe, welche wir dadurch erhalten. Verändern wir zum anderen die Schreibweise dieses Wortes nämlich nur geringfügig, erkennen wir, daß auch noch andere Charakter Aspekte in ihm beherbergt sind. Und aus dem gegen richtungsanzeigenden „wegführend" wird auf wundersame Art und Weise die Aussage „Weg führend", welche eine Kraft bezeichnet, die uns auf unserem Pfad begleitet und entlangführt. Das, was eben noch das Entgegen Gerichtetsein ausdrückte, bezeichnet nun ein Ausgerichtetsein, welches hinführt und uns in seiner Eigenschaft „Weg führend" zu sein, immer ganz nahe ist und uns auf unserem Weg die Richtung weist. Aus der Sichtweise heraus, daß alle Wege nach Rom führen, also alle Pfade unbedingt auch Wege sind, welche mich zu mir selbst leiten, ist jede der beiden erwähnten Interpretationen für mich gleichwertig, gleich gut. Das heißt, egal ob ich nun scheinbar von mir wegstrebe oder ob ich mutmaßlich den direkten Weg zu mir selbst einschlage, das Resultat bleibt immer dasselbe. Ich begegne mir, ich finde mich selbst, und das heißt, ich komme unweigerlich immer bei mir selbst daheim an.
Man könnte es auch in einer Art Paradoxon zum Ausdruck bringen, in dem wir die Behauptung aufstellen, wir alle kommen von zuhause, sind bereits zuhause und befinden uns auch alle auf dem Wege nach Hause. Erfasse ich diese Weisheit auf einer gewissen tieferen Ebene, lasse ich mich unzweifelhaft davon berühren, mich von dem bedeutsamen „Innenleben" des Sprichwortes bewegen, dann weiß ich unbedingt, daß ich gar nichts falsch machen kann. Und somit finde ich auch gewiss eine große Leichtigkeit, welche meine zukünftigen Entscheidungen mit Vertrauen trägt, da ich nicht mehr so stark von der lähmenden Angst, „falsch" entscheiden zu können oder nicht das „Richtige" zu tun geprägt bin. Ich weiß also unbedingt, daß ich auf dem richtigen Weg bin, und lasse mich dann von dem leiten, wonach ich verlange, bedarf oder von dem, was ich wirklich will. Das heißt somit Ich gehe, wohin ich gehen will.