Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kommen in Deutschland jährlich schätzungsweise 10 000 Neugeborene mit alkoholbedingten Schäden auf die Welt. Etwa 2 000 von ihnen zeigen das sogenannte Alkoholsyndrom (FAS), das mit Wachstumsstörungen, Gesichtsfehlbildungen und geistigen und psychomotorischen Entwicklungsstörungen einhergeht. Etwa 8 000 Neugeborene sind von weniger schweren alkoholbedingten Folgeschäden betroffen. Man fasst diese Leiden unter dem Begriff fetale Alkoholeffekte (FAE) zusammen. Gemeint sind damit bsp. komplexe Hirnfunktionsstörungen.
Die schlimme
Wirkung von Alkohol auf das ungeborene Kind zeigt auch eine neue kanadische Studie, die im Januar 2010 in der Fachzeitschrift „Alcoholism: Clinical & Experimental Research" veröffentlicht wurde. Es wurde festgestellt, dass bei Neugeborenen, deren Mütter während der Schwangerschaft tranken, das Schmerzregulationssystem verändert wurde.
Ausgewertet wurden die Daten von 28 Kindern. Davon hatten bei 14 Neugeborenen die Mütter der Kinder während der Schwangerschaft stark getrunken, bei den anderen 14 Babys waren die Mütter abstinent oder tranken nur wenig. Mit „stark getrunken" bezeichnete man den Alkoholkonsum von mindestens 14 alkoholischen Getränken pro Woche oder mindestens einem Vollrausch pro Monat.
Um durch andere Einflüsse verfälschte Ergebnisse auszuschließen, gab es keine Unterschiede in Bezug auf folgende Daten: das Alter der Mutter, ihren Familienstand, die Anzahl der Schwangerschaften, das mütterliche Rauchverhalten, Erkrankungen, wie Depressionen oder Angstzustände, oder den Bildungsstatus der Mütter. Auch kamen die Kinder in derselben Schwangerschaftswoche auf die Welt.
Allen Kindern wurde am 3. Tag nach der Geburt mit einer Lanze Blut aus der Ferse entnommen. Ihre Reaktion auf dieses Schmerzereignis wurde genauer untersucht. Dazu wurden dreimal - vor, während und nach der Blutentnahme mit der Lanze - verschiedene Werte erhoben, die als akute verhaltensbiologische Stress-Marker gelten. Dazu gehören bsp. die Herzfrequenz, die Cortisolkonzentration (
Stresshormon) aus dem Speichel und Aufnahmen der Gesichtsmimik.
Drei wichtige Erkenntnisse konnte die Studie erbringen:
- Bei den Neugeborenen, deren Mütter während der Schwangerschaft getrunken hatten, war die physiologische Antwort auf den Schmerzreiz stumpfer bzw. gedämpfter, gegenüber der anderen Neugeborenengruppe. Dies konnte u.a. aus der veränderten Herzrate abgeleitet werden.
- Außerdem fiel nach dem Schmerzereignis bei den Alkohol exponierten Kindern der Spiegel des Stresshormons Cortisol. In der Vergleichsgruppe konnte dieser Abfall nicht beobachtet werden.
- Unterschiede in der Mimik der Neugeborenen beider Gruppen wurde nicht festgestellt. Jedoch zeigten sich Unterschiede im Verhalten bei einem speziellen Testverfahren, das die Reaktionen der Neugeborenen auf Umweltreize misst (Brazelton Neonatal Scale). Die Alkohol exponierten Kinder zeigten eine geringere Erregung als die Kontrollgruppe.
Das Fazit der Forschungen kann folgendermaßen zusammengefasst werden: Was die Ergebnisse für die Langzeitentwicklung und das Verhalten der Kinder bedeuten, ist zum jetzigen Zeitpunkt unbekannt. Jedoch weiß man, dass eine veränderte Stressregulation, die bereits so früh im Leben auftritt, Folgendes begünstigen kann: Das Risiko und die Anfälligkeit für eine schlechte psychische und körperliche Gesundheit ist größer sowie das Risiko für sozialen und geistigen Misserfolg.
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Dr. med. W. Kellner
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