Rainer Sauer/Autor/Philosoph
Aggression ist ein Wort, das eigentlich grundsätzlich mit Gewalt und destruktivem Überschreiten von Grenzen, Gesetzen und Regeln in Verbindung gebracht wird. Aggression in einem positiven Lichte zu sehen, scheint uns gänzlich unmöglich, aber dennoch müssen wir bei näherem Hinschauen zugeben, daß wir ohne sie nicht lebensfähig wären. Und wenn wir uns umschauen, um einen adäquaten Begriff für die Kraft der
Selbstbehauptung, also für die der
ursprünglichen Essenz von Aggression aufzufinden, tun wir uns da ganz schön schwer. Das weist klar darauf hin, daß es uns immer noch nicht leichtfällt, einen konstruktiven Umgang mit Aggression zu pflegen. Oder besser gesagt, bewußtes Sein mit der Lebenskraft, mit dem Lebenswillen, der dessen ursprüngliche Quelle ist, erleben wir meist noch als unangenehm, weil da auf Gefühls und Vernunftebene noch so einige Verwirrung
herrscht. Die negative Verzerrung, Aggression ist gleich Gewalt, ist das Resultat unseres derzeitigen noch bestehenden Unvermögens, mit unserer jeweiligen momentanen Gefühls Situation spontan und angemessen umzugehen. Würden wir die Aggressionsenergie in ihrer Ursprünglichkeit frei fließen lassen, also als Lebenskraft wirken lassen können, könnte das, was wir als Gewalt wahrnehmen, gar nicht erst entstehen. Das heißt, unsere ermangelnde Fähigkeit, Gefühle, Bedürfnisse, Individualität als solche zu haben und diese sichtbar, also transparent für unsere Außen Welt leben zu können, sie also mit Selbst Liebe, mit Selbstbehauptung zu vertreten, läßt Aggression zu Gewalt mutieren. Anders formuliert, wenn wir nicht den Mut und die Kraft aufwenden, welche Aggression zur Verfügung stellt, um klare Jas und Neins zu haben und diese auszusprechen, sprich, uns diesbezüglich angemessen und kreativ selbst zu behaupten, führt uns dies zwangsweise in die Verzerrung dieses Energieflusses, welcher sich dann in
destruktiver Aggressivität bemerkbar macht. Mit anderen Worten, Destruktivität fängt da an zu gedeihen und zu blühen, wo wir an die Grenzen unserer Konstruktivität geraten; wenn der natürliche Fluß des Lebens unterbrochen ist und wir keine adäquate Antwort darauf haben.
Dies zeigt sich insbesondere in unserer noch bestehenden Unfähig-keit, das Akute, das Spontane, das Augenblickliche unseres Daseins ungehindert strömen, sich manifestieren und transformieren zu lassen. Wir haben immer noch größte Schwierigkeiten, allen Gefühlen den Freiraum zu gewähren, damit sie sich frei entfalten können, ohne immer gleich unter die unbarmherzigen Messer der Vernunft Zensur zu geraten. Da wir uns nicht mit Selbstverständlichkeit, also auf dem Anrecht auf Selbstbehauptung beruhend, einfach so wie wir sind, ausdrücken, entfalten, uns leben können, verzerrt sich diese ursprüngliche Vital Kraft, verwandelt sich diese Kraft der Selbstbehauptung in destruktive Aggression. Und es bildet sich die Destruktivität heraus, welche wir dann gegen unsere Außenwelt oder auch gegen uns selbst richten. Und in diesem Sinne können wir auch sagen, daß dieses ursprünglich konstruktive Element der Selbstbehauptung ein Ausdruck von liebevollem Umgang mit uns und unserer Umwelt bedeutet. Und die destruktive Aggression und die daraus entstehende Gewalt gefrorene Liebe ist, also Selbstbehauptungs Energie ist, welche auf ihrem Weg zum ursprünglichen Ziel gehemmt, gebremst, also eingefroren wurde. Das bedeutet, daß wir zum einen die Kraft, welche sich schon als Gewalt gezeigt hat, befreien können, wenn wir an die Liebe als ihre Ursprünglichkeit appellieren und zum anderen, daß wir uns aneignen können, eine konstruktive Form zu finden, wie wir mit unserem Lebenswillen, mit der Lebenskraft in liebevoller Selbstbehauptung umzugehen lernen.
Diesbezüglich möchte ich noch eine kleine Geschichte erzählen, welche meines Erachtens sehr gut verdeutlicht, daß Selbstbehauptung, also Aggressions Energie durchaus natürlich und auch grundsätzlich lebensnotwendig ist. Und uns vielleicht auch aufzeigt, daß es immer eine nur auf den Moment ausgerichtete Gratwanderung ist, die wir in jedem Augenblick unseres Lebens erfahren und in welcher wir uns inmitten von zwei potentiellen Grenzen bewegen, bei der wir uns zwischen den beiden Möglichkeiten des Lebens und Sterbens entscheiden können. Die lebens bejahende Version ist hier die Selbstbehauptung, mit welcher wir unser Wachstum, unsere bewußte Ausbreitung mit Legitimität forcieren. Ich hoffe, daß sich diese geburtsrechtliche Legitimität in der nachfolgenden Super Kurz Geschichte verdeutlicht. Ich betrachtete nämlich einst meditativ eine Spinne bei ihrer täglichen Verrichtung des Netzaufbaus. Und was als erstes bei mir als tiefe Einsicht ankam, war die Erkenntnis, daß diese Spinne mit einer angeborenen Selbstverständlichkeit ihren Raum einnimmt und dies solange tut, bis sie an natürliche Grenzen stößt, oder auch das Ganze seine Zweckmäßigkeit verliert. Wie dem auch sei, sie und einige Spinnen Kollegen hatten schon einige Netze gesponnen und sich schon beachtlich ausgebreitet, was die potentielle Expansion als unendlich definierte. Ich mutmaßte also, daß wenn es keine äußeren Grenzen gäbe und auch ansonsten kein Wachstums Hindernis, die Spinnen den gesamten zu Verfügung stehenden Raum einnehmen würden. Das machte mir einerseits die Absolutheit der Selbsterhaltungskraft noch deutlicher und andererseits erkannte ich, daß das Raumeinnehmen unbedingt nötig, legitim und lebensbejahend ist, auch wenn wir uns dennoch oft so schwer darin tun. Und es wurde mir im nächsten Gedankenschritt klar, daß ich, wenn ich nicht auf meinen Lebens Raum, auf mein Leben als Ganzes verzichten möchte, notwendigerweise den Lebens Raum eines anderen Wesens angrenzen, begrenzen, vielleicht sogar ausgrenzen muß. Dies ist ein natürlicher Vorgang, dem ich nicht entgehen kann und der mich auf einer Gratwanderung mit meiner Selbstverantwortung und gleichfalls mit meiner Verantwortung dem Wohl aller gegenüber konfrontiert. Eine Entscheidungs Zwickmühle, die mich zur Auseinandersetzung mit der Liebe an sich bringt. Das bedeutet in erster Linie, ich werde irgendwann der Tatsache begegnen: Selbstbehauptung ist ein Akt der Selbstliebe und für mein Leben und Wachsen unverzichtbares Werkzeug. Und in Begegnung mit anderen kann sie sich zum liebevollen Umgang im Miteinander entwickeln, die dann Liebe in Gegenseitigkeit erfahrbar macht.