Wache vor dem afghanischen Präsidentenpalast
Wenn Bill Simmons* von seinem Job spricht, hört sich dass nicht außergewöhnlich an, denn er bezeichnet sich nüchtern und sachlich als so genannter Contractor, also Dienstleister. Auch die Liste seiner Auftraggeber macht zunächst nicht stutzig. Er hat in den 90ern für Dyncorp Inc. gearbeitet, war Anfang dieses Jahrtausends für die Global Strategies Group unterwegs und ist zurzeit Angestellter von KBR, Inc. Erst die Orte, an denen er gearbeitet hat, machen hellhörig: Bosnien, der Gaza-Streifen, Irak und Afghanistan. Kritische Stimmen würden sagen, Bill ist Söldner. Er selbst sieht das wesentlich entspannter.
Vom Militär zum Zivilisten
„Als ich aus der Army kam, wusste ich zuerst nicht so recht, was sich anfangen sollte. Ein naheliegender Schritt war, als Zivilist für meinen Standort zu arbeiten. Als Arbeiter im J4-Bereich sorgte ich zunächst dafür, dass genug Ersatzteile für die Instandhaltung der Fahrzeuge des Fallschirmjägerbataillons vorhanden waren. Das war ideal, so hatte ich immer noch Verbindung zu meiner alten Einheit. Ich war halt nicht mehr Sergeant, sondern Angestellter der privaten Firma, die sich um die Logistik des Standortes kümmerte." So arbeitete Bill sich über den zivilen Wartungs- und Instandsetzungsbereich, über den Wachdienst bis ins Mutterunternehmen durch. „Irgendwann kam die Anfrage, ob ich nicht auch ins Ausland gehen würde. Schließlich war ich gelernter Infanterist, konnte Fallschirmspringen und hatte eine Scharfschützenausbildung absolviert. Wieso sollte ich für Dyncorp also nicht Einrichtungen außerhalb der USA bewachen? Dafür bekam ich fünfmal so viel, wie in meiner aktiven Zeit. Und ehrlich gesagt, Schrauben zählen war auch nicht wirklich meine Welt. Mit Waffe in der Hand fühle ich mich immer noch wohl." Bill ging also für für Dyncorp zunächst nach Bolivien, dann nach Bosnien. War er zu der Zeit schon Söldner? Immerhin trug er Waffen und war bereit für ein privates Unternehmen, das lediglich im Auftrag der USA arbeitete, Gewalt einzusetzen. Kritiker privater Sicherheitsunternehmen würden diese Frage wohl bejahen, für Bill ist sie indiskutabel. „Ich habe niemanden getötet und arbeite für mein Land. Ist es schlecht, dass ich dabei gut verdiene?" Genau hier zeigt sich die Miesere modernen Söldnertums: Es hat sein Gesicht grundlegend verändert.
Kampf gegen Lohn
Menschen, die für Geld Leben und Gesundheit aufs Spiel setzten, gab es seit jeher. Schon in der Antike kämpften griechische Hopliten in den Armeen Persiens, Ägyptens und Karthagos. Im Mittelalter ließen sich nicht selten junge Adelige bezahlen, um im Kampf die Erfüllung ihrer Ideale zu finden. In den Ausläufen des Mittelalters wurden stehende Heere oft um Spezialisten, wie Bogenschützen ergänzt, die nicht aus Vasallenpflicht dem Ruf zu den Waffen folgten, sondern auf eigene Rechnung arbeiteten.
Und schon immer war das Verhältnis zu ihnen zwiespältig. Soldiers of Fortune versus Dogs of War - Glücksritter oder Hunde des Krieges? Söldner selbst verklärten sich häufig als ersteres. Letztlich waren es aber doch meist die Gier nach Geld, gepaart mit einem etwas großzügig bemessenen moralischen Verständnis, das sie zu den Waffen trieb. Und genau darin liegt der Grund für die gesellschaftliche Ächtung dieses Berufs. Bezahlung als Hauptmotiv für den Einsatz bewaffneter Gewalt war und ist verpönt. Das wurde mit der französischen Revolution deutlich, aus deren Werten Wehrpflichtarmeen entstanden. Aber auch wenn das Söldnertum hiermit einen Einbruch erlitt, ganz verschwunden war es nie. Dennoch spielten Söldner in den großen Kriegen des 19. und 20. Jahrhunderts kaum eine Rolle. Allerdings entstand nach dem 2. Weltkrieg gerade in den ehemaligen Kolonien Afrikas ein außerordentliches Chaos, dass der Branche wieder einen kleinen Aufschwung bescherte. So wechselten Tausende ehemalige Wehrmachtsoldaten in die Fremdenlegion und kämpften unter französischer Flagge in den Kolonien der zerfallenden Großmacht oder auf eigene Rechnung. Siegfried Müller, ein ehemaliger Oberfähnrich der Wehrmacht verlieh Söldnern ein Gesicht. „Kongo Müller", wie er auch genannt wurde, entschärfte zunächst in den fünfziger Jahren im Auftrag einer Ölfirma in Lybien Minen. Später schlug er mit rund 700 weiteren Weißen den Aufstand der Simbas im Osten des Kongos blutig nieder. Mit Anflug von Größenwahn posierte er vor den Totenschädel seiner Feinde, gab freizügige Interviews in denen er sich für den Vietnamkrieg empfahl. Er gelangte zwar zu zweifelhafter Berühmtheit, verschaffte seiner Branche aber nie wirkliche Relevanz.
Der neue Söldner
Mit solch einer, fast schon tragischen, Figur haben Typen wie Bill Simmons freilich wenig zu tun. Sie verkörpern vielmehr eine neue, vielleicht DIE neue Form des Söldners, der sich auf der einen Seite als Dienstleister betrachtet, auf der anderen aber gar nicht erst versucht, sein Leben abseits der gesellschaftlichen Normen, romantisch zu verklären. Moralische Bedenken existieren somit aber auch nicht.
Sicherlich mag es noch den klassischen Kriegshandwerker geben, der von Krisenherd zu Krisenherd zieht und auf eigene Rechnung kämpft, allerdings dürfte er nur noch eine kuriose Ausnahmeerscheinung sein. Denn Professionalisierung und Kommerzialisierung haben den Söldner klassischen Zuschnitts weggefegt und seinem neuen Berufsmodell eine vielversprechende Rolle zugewiesen. Und wie immer, wenn es um Kommerz geht, tun sich US-amerikanische Player, neben britischen, südafrikanischen und einigen israelischen, ganz besonders hervor. Verständlich, entsteht doch in diesem Bereich der größte Unterstützungsbedarf. Wie fast alle Streitkräften der Welt, haben auch die US-Forces umfangreiche Leistungen an private Dienstleister (Contractors) ausgelagert. Ebenso wie eine zivile Küchenangestellte dem deutschen Gefreiten das Kantinenessen überreicht, kümmern sich bei der US Army, Air Force und Navy, Zivilisten um Teile des Nachschubs, Fahrzeugwartung, Bauarbeiten an Infrastruktur und auch um Wachdienst. Es gab also schon zuhauf zivile Anbieter, auf die das US-Militär zurückgriff. Und die taten nichts anderes als das, was ihnen die freie, grenzenlose Marktwirtschaft befahl: Sie analysierten die Bedarfe ihres Auftraggebers und richteten ihr Portfolio daran aus.
Neue Bedarfe taten sich reichlich auf: Chaos und Anarchie durch einen zusammengebrochenen Ostblock, Nachbarschaftskrieg im ehemaligen Urlaubsparadies Jugoslawien und ein Afrika, in dem Warlords regierten. Als Tüpfelchen auf dem i hob der 11. September 2011 die Welt restlos aus den Angeln. George W. Bush stürzte sich in seinen persönlichen Kreuzzug und seine Nation in Guerillakriege, die sie nicht gewinnen konnte. Die bis dato unbesiegbar erscheinenden US-Streitkräfte waren restlos überfordert.
Also taten Unternehmen wie Halliburton oder Dyncorp das, wozu sie da waren: sie unterstützten. Allerdings nicht wie bisher ausschließlich logistisch, sondern zunehmend bewaffnet. Damit setzte sich ein absurder Kreislauf in Gang. Denn Sicherheitsunternehmen brauchten Spezialisten und die wiederum warben sie aus den Streitkräften an. Sie gaben sich also nicht nur mit altgedienten Veteranen, wie unserem Bill Simmons zufrieden, sondern gingen aktiv auf Promotion-Tour. Nicht selten verließen Special Forces Soldaten die Armee, um die gleiche Arbeit, nur wesentlich besser bezahlt für einen privaten Anbieter zu tun. Die wiederum verdienten so gut, dass sie ihren Angestellten oft auch Ausrüstung bieten konnten, bei der nicht einmal die gut ausgestattete US-Armee mithalten konnte.
Von Blackwater zu Xe Services
Das berühmt-berüchtigte Unternehmen Blackwater trieb dies auf die Spitze. Auf ihrem Firmengelände in den Sümpfen South Carolinas produzierte sie sogar gepanzerte Fahrzeuge und Hubschrauber. Die fanden dann im Irak eine ideale Spielwiese, tief im rechtsfreien Raum. Denn die einzige Gerichtsbarkeit, der die Blackwater-Mitarbeiter unterlagen, war die amerikanische. Erst als der aufgebrachte Mob, 2004 vier Blackwater-Contractor in Falludscha tötete und deren Leichen vor laufenden Kameras schändete, wurde erstmals die Diskussion um die Privatsoldaten laut. Was folgte war ein kleiner medialer Hype um Blackwater und Co. Der ging für das Unternehmen allerdings gründlich nach hinten los. Denn dem Versuch, Akzeptanz für diese neue Form der privatisierten Kriegsführung zu bewegen, standen übertrieben martialisches Auftreten und überzogene Reaktionen der Private-Contractors entgegen. Und spätestens 2007 mit einem Vorfall im Irak, bei dem Blackwater-Sicherheitskräfte scheinbar wahllos in die eine Menge Zivilisten schossen, wurde dem Gründer des Unternehmens, dem ehemaligen Navy Seal Erik Prince, das Licht der Öffentlichkeit endgültig zu hell. Aber selbst die Umbenennung des Unternehmens 2009 in Xe Services und der bemüht leisere öffentliche Auftritt konnten nicht verhehlen, dass ohne Unternehmen wie Blackwater an den Hauptkrisenherden der Gegenwart nichts mehr läuft. So sind in Afghanistan alleine 52 private Sicherheitsunternehmen mit rund 52.000 Mitarbeitern tätig. Das afghanische Staatsoberhaupt Hamid Karzai wollte deren Einsatz mit einem Verbot zum 01.01.2011 eindämmen, musste dies aber schon jetzt wieder aufweichen und relativieren. Nun solle es nur noch außerhalb aller militärischen und diplomatischen Bereiche gelten. Es bleibt abzuwarten, ob sich selbst diese Einschränkung als realistisch erweisen wird, denn mittlerweile bilden private Sicherheitsangestellte auch Angehörige der afghanischen Armee und Polizei aus.
Der Söldnerberuf hat sich also nicht nur grundlegend gewandelt. Selbst wenn die Kerntätigkeit immer noch dieselbe ist wie vor 500 Jahren: Den klassischen Söldner gibt es nicht mehr. Sein neues Berufsbild ist kommerzialisierter, organisierter und volkswirtschaftlich relevanter, als es jemals zuvor war. Und auch wenn moralische Bedenken beim Einsatz privater Sicherheitsunternehmen auf militärischem Gebiet nie verstummen werden: Es sieht ganz so aus, als ob das Geschäft mit der Gewalt eine rosige Zukunft hat.
Stefan Schmid
* Name geändert